Eine Beiz – bis die Bagger kommen

Ob für Ausstellungen oder eine Bar: Zwischennutzungen liegen in der Stadt Bern im Trend. Um die Suche nach leer stehenden Räumen zu vereinfachen, hat die Gruppe Rast eine Homepage eingerichtet.

Michael Krethlow und Yeboaa Ofosu haben in der Berner Lorraine eine Bar auf Zeit eröffnet.

Michael Krethlow und Yeboaa Ofosu haben in der Berner Lorraine eine Bar auf Zeit eröffnet. Bild: Tobias Anliker

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Vor dem Garagentor am Platanenweg 4 im Stadtberner Lorrainequartier hantiert ein Mann mit einer Spraydose. Ein letzter Farbtupfer, und der blau-gelbe Schriftzug ist vollendet. «Pneu-Bar» steht darauf. «Gibts hier eine Beiz?», fragt ein Passant, als er bei der ehemaligen Aare Garage vorbeikommt. «Ja», ruft jemand aus dem Innern. Dort sind Michael Krethlow und Yeboaa Ofosu anzutreffen. Vergangene Woche haben der Galerist und die Dozentin der Hochschule der Künste Bern die Bar eröffnet, die jeweils von Donnerstag- bis Samstagabend geführt wird. Sie haben alte Kinostühle angeschafft, Tische und Bänke gezimmert und Blumentöpfe dort hingestellt, wo früher den Lastwagen Pneus abmontiert wurden.

Es ist ein grosser Aufwand, wenn man bedenkt, dass die Bar in drei Monaten bereits wieder schliessen wird. Dann wird die Garage endgültig abgerissen. «Wir haben vom Vermieter die Möglichkeit der Zwischennutzung angeboten bekommen, eine gute Geste», findet Krethlow, der das Lokal jungen Kunstschaffenden als Plattform zur Verfügung stellt. Er möchte die Zwischennutzung als Statement verstanden wissen. «Es gibt in der Stadt immer weniger Freiräume. Wir wollten aus dem Raum etwas Wertvolles schaffen, bevor er dem Untergang geweiht ist.»

Neben der Pneu-Bar die Serini-Bar

Dem Untergang geweiht ist auch die ehemalige Serini-Garage gleich um die Ecke. Bevor es so weit ist, soll auch hier nächstens eine Bar eröffnet werden – die Serini-Bar. «Es macht keinen Sinn, Häuser leer stehen zu lassen. Zwischennutzungen sind die Lösung», sagt Meret Maurer, die im Quartier wohnt und sich für die Einrichtung der Bar einsetzt.

Das Bedürfnis nach leer stehenden Räumen in der Stadt ist nicht neu. Seit langem betreiben Kulturschaffende etwa einen Raum an der Seftigenstrasse 16 in Zwischennutzung. Im vergangenen Sommer hat das Projekt Waschküche dort während dreier Monate Modeausstellungen, Vernissagen, Konzerte, Lesungen und Theateraufführungen veranstaltet. Finanzielle Absichten hätten nicht im Mittelpunkt gestanden. «Uns ging es um den Austausch von ideellen und kulturellen Ressourcen und darum, einen freien Raum für junges und unabhängiges Kunstschaffen zu kreieren», sagt Felicia Kreiselmaier. Sie gehört zum Kollektiv Freiraum und hat die Waschküche mitbetrieben.

Derzeit wird der Raum vom Projekt Co-Labor temporär genutzt. «Es war nicht einfach, die Liegenschaftsverwaltung davon zu überzeugen, dass Zwischennutzungen für sie ein Mehrwert sind», sagt Virginie Halter, die zusammen mit Kollegin Myriam Gallo dort unter anderem Ausstellungen organisiert. Schliesslich hätten sie den Raum zu günstigeren Konditionen mieten dürfen. Es sei allerdings mühsam gewesen, herauszufinden, wo sich leer stehender Raum befinde und wem er gehöre.

Hier setzt ein weiteres Projekt einer Gruppe von Kulturschaffenden an, das vor kurzem von Rast lanciert wurde. Über die Internetseite Raum.rast.be können Leerräume in Gebäuden gemeldet werden und von Interessierten aufgespürt werden. «Der Austausch von Informationen hat bisher gefehlt. Dank unserem Tool sollen Kulturschaffende mit weniger Aufwand ungenutzte Räume finden können», sagt Julia Geiser von Rast. Interessierte könnten sich registrieren lassen, Standorte eintragen oder Informationen über Verwaltungen und Kontaktpersonen abrufen und untereinander austauschen.

Interaktive Karte im Internet

Auf einer interaktiven Karte werden derzeit sieben Standorte angezeigt, etwa in der Länggasse, in der Rathausgasse, im Breitenrainquartier oder in Bremgarten. Rast hatte im November vergangenen Jahres selber eine Zwischennutzung im ehemaligen Steinmetzatelier an der Wylerstrasse 109 organisiert. «Mit der Plattform möchten wir auch den Druck auf die Verwaltungen erhöhen», sagt Geiser. Oftmals hätten diese Angst vor Mehrkosten. Ein Problem seien auch die Vorurteile. «Viele denken, Zwischennutzungen und Hausbesetzungen seien dasselbe», sagt Geiser. Sie hoffe, dass auch die Stadt vorwärtsmache mit einer Raumbörse.

Geschäft bald im Stadtrat

Im Entwurf zum Nachtleben-Konzept ist die Schaffung einer «Lokalvermittlung und Raumbörse für Zwischennutzungen» nämlich vorgesehen. Noch ist das Konzept in der Vernehmlassung. Nach den Sommerferien kommt das Geschäft in den Stadtrat.

Die Stadt Bern, die einige Räume als Ateliers oder Übungsräume auch unbefristet an Kulturschaffende vermietet – etwa im Progr oder an der Bolligenstrasse –, wird mit Bewerbungen überrannt. «Die Nachfrage ist riesig», heisst es vonseiten der Abteilung Kulturelles. Notstand bestehe insbesondere im Bereich der Musikproberäume. So komme es zuweilen vor, dass nicht einmal arrivierte Künstler zu einem Raum kämen, wie dies etwa bei der moldauischen Geigerin Patricia Kopatchinskaja der Fall war, die in Bern zu Hause ist. (Der Bund)

Erstellt: 04.07.2013, 09:20 Uhr

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