Ein nicht ganz neuer Versuch – aber immer noch umstritten

Künftig zwei Finanzdirektoren im Gemeinderat? Bei erfahrenen Exekutivpolitikern gehen die Meinungen auseinander.

Sollen Executivämter wie das von Michael Aebersold (Finanzdirektor der Stadt Bern) künftig von einem Team gefüllt werden?

Sollen Executivämter wie das von Michael Aebersold (Finanzdirektor der Stadt Bern) künftig von einem Team gefüllt werden?

(Bild: Adrian Moser)

Schnapsidee oder Zukunftsmodell? Am Donnerstag überwies das Berner Stadtparlament einen Vorstoss, der die Prüfung des Jobsharings auf Gemeinderatsebene fordert. Das würde bedeuten, dass zwei Personen gemeinsam für ein Gemeinderatsamt kandieren und es im Falle einer Wahl auch gemeinsam ausüben könnten. Damit soll das Amt auch für Menschen offenstehen, welche sich bislang wegen Kinderbetreuung oder anderen Gründen nicht für das zeitintensive Amt zur Verfügung stellen wollten.

Neben Parlamentarierinnen und Parlamentariern von GB, SP, GFL, GLP stimmte auch die FDP-Fraktion fast geschlossen für den Prüfauftrag. Nun wollen die Befürworter des alternativen Arbeitsmodells das Jobsharing auf Gemeinderatsebene schon bei den nächsten Wahlen 2020 einführen. Die SVP und der links dominierte Berner Gemeinderat halten das für keine gute Idee. Sie lehnten das Postulat ab. Der Gemeinderat vertritt den Standpunkt, die politische Verantwortung für ein Amt sei unteilbar, so schreibe es die derzeitige Gemeindeordnung vor.

Unterstützung erhält er vom Berner Alt-Gemeinderat Alexandre Schmidt (FDP), der seinen Parteikollegen im Stadtparlament widerspricht: Der ehemalige Finanzdirektor hält es für «verheerend, unser kluges System an das Erfordernis des Jobsharings anzupassen». Bei den Wahlen spricht Schmidt gar von einer «Demokratiefalle». Zwei Kandidaten wären womöglich besser vernetzt und könnten so mehr Stimmen holen. Somit könnte jedes Wahlergebnis vor Gericht angezweifelt werden, da die Voraussetzungen nicht mehr für alle gleich seien. Probleme sieht Schmidt auch beim Kollegialitätsprinzip: Da sei es «elementar», dass jedes einzelne Mitglied über gleich lange Spiesse verfüge. Zudem gefährde das Jobsharing das Vertrauen, welches für Kompromisse unabdingbar sei. Vertrauen sei aber nur möglich, wenn alle Geschäfte durch die genau gleichen Personen gemeinsam erarbeitet würden. «Dafür braucht es immer die gleiche Person am Tisch», sagt Schmidt.

Dem widerspricht die zurücktretende Thuner Gemeinderätin Marianne Dumermuth (SP): «Ich finde es gut, dass diese Idee nun geprüft wird», sagt sie. Damit das Jobsharing auf Gemeinderatsebene funktioniere, brauche es in erster Linie geeignete Persönlichkeiten, also «Teamplayer statt Alphamännchen». Dabei sieht sich Dumermuth, welche die Direktion Stadtentwicklung leitet, klar als Erstere. Sie könne sich deshalb auch vorstellen, die Finanzdirektion mit einer passenden Person zu teilen. Wichtig sei einfach, dass von Anfang an die Verantwortlichkeiten klar geregelt würden, so Dumermuth.

«Ein interessanter Versuch»

Auch in der Stadt Basel zeigt sich die Exekutive aufgeschlossen: Man mache mit dem Jobsharing – auch bei Kaderstellen – in der Verwaltung sehr gute Erfahrungen, schreibt die amtierende Regierungsratspräsidentin Elisabeth Ackermann (Grüne). «Es wäre ein sehr interessanter Versuch, dies auch auf politische Ämter auszuweiten.»

Abgeklärt gibt man sich dagegen in der Stadtzürcher Exekutive: Daniel Leupi (GP), Vorsteher des Finanzdepartements, weist darauf hin, dass in Zürich bereits 2011 ein ähnlicher Vorstoss eingereicht wurde. Doch die rechtlichen Hürden waren offenbar zu hoch. Jedenfalls wurde das Anliegen vom Zürcher Stadtparlament nicht weiterverfolgt. Dies zeige wohl auch, dass neben den Gründen, die aus Sicht der Förderung der Gleichstellung für den Vorstoss sprächen, gewichtige Punkte in eine andere Richtung zögen, sagt Leupi. Eine Arbeitsteilung sei zwar denkbar, aber sie mache die ohnehin schon «sehr herausfordernde Amtsführung als Exekutivmitglied noch anspruchsvoller».

Ganz so neu ist die Idee übrigens auch in Bern nicht: Schon 1997 war Jobsharing im Gemeinderat ein Thema. Schon damals wehrte sich der rot-grüne Gemeinderat. Und die FDP? Die war damals noch dagegen.


Das Berner Parlament will Team-Kandidaturen für die städtische Regierung einführen. Was halten Sie von dieser Idee? Haben Sie gute Erfahrungen gemacht mit Jobsharing? Diskutieren Sie mit im «Stadtgespräch»
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