Ein hartnäckiger Archäologe mit Berner Gring

Seit mehr als 25 Jahren lebt Ulrich Bellwald in Jordanien und hat in der Felsenstadt Petra unter anderem die Wasserkanäle freigeschaufelt.

«Wir haben noch gar nichts entdeckt», sagt Ulrich Bellwald.

«Wir haben noch gar nichts entdeckt», sagt Ulrich Bellwald. Bild: zvg

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Sicher lenkt Ulrich Bellwald seinen Wagen durch den Abendverkehr von Amman, Jordanien. Keine Spur von Nervosität oder Angst – obwohl hier als einzige Verkehrsregel das darwinsche «Survival of the Fittest» zu gelten scheint. Neben ihm sitzt sein Sohn, der Musiker Titus Bellwald, der für einige Tage aus der Schweiz zu Besuch ist: Mit seiner Band hat er ein paar Konzerte gegeben, sein Vater hat die Jungs herumchauffiert.

Jetzt steuert Bellwald senior eines der besten Restaurants der Stadt an, das Fakhr El-Din. Hier verkehrt angeblich auch der König himself. Die Bäume vor dem Eingang sind jetzt, kurz vor Weihnachten, festlich beleuchtet. Obwohl Jordanien mehrheitlich islamisch ist, zollt das Land seiner christlichen Minderheit und den ausländischen Touristen – sofern sie überhaupt noch kommen – Respekt und putzt sich für die Festtage heraus. Ulrich Bellwald wird herzlich begrüsst, er ist kein Unbekannter in dem libanesischen Restaurant, das weit herum für seine vielfältige und raffinierte Küche berühmt ist.

Die Sonntagsschulbegegnung

Nach Jordanien kam Bellwald vor über 25 Jahren dank eines Freundes aus Kindheitstagen. Ueli wuchs ohne Vater in Bümpliz auf. «Damit meine Mutter wenigstens am Sonntag mal Ruhe hatte, schickte sie mich in die Sonntagsschule», erzählt Bellwald in breitestem Berndeutsch. In der Sonntagsschule traf er den jüngsten Sohn des Pfarrers, Rolf Stucky, sie freundeten sich an. Stucky studierte später Archäologie und war von 1975 bis 2007 Ordinarius für Klassische Archäologie und Vorsteher des Archäologischen Seminars an der Universität Basel.

Im Auftrag der Universität Basel leitete er Ausgrabungen in der berühmten Nabatäerstadt Petra. «1990 rief er mich an und fragte: ‹Warum kommst du nicht nach Petra?›», erinnert sich Bellwald. Ja, warum eigentlich nicht? Bellwald war schon immer offen für Neues. Bereits 1971 hatte der damals 23-Jährige seine erste Ausgrabung geleitet, 1972 folgte er einem Ruf an den Lehrstuhl für Geschichte und Theorie des Städtebaus an der ETH.

Unter den Studenten und Doktoranden, die er während dieser Zeit zu betreuen hatte, waren auch die späteren Stararchitekten De Meuron, Herzog und Santiago Calatrava. 1990 verhinderte der 1. Golfkrieg seine orientalischen Pläne, also ging der Schweizer erst ein Jahr später ein erstes Mal nach Petra.

Die Tücken des Wassers

Und er kam nicht mehr los – bis heute. Von 1996 bis 2001 legte Bellwald unter anderem den Hauptzugang zu Petra und die dahinter liegenden Wasserleitungen frei, die bis dahin von einer grossen Geröllschicht bedeckt waren. Das Geröll kam nicht von ungefähr: «Eigentlich wurde Petra an einem komplett unsinnigen Ort gebaut», erklärt Bellwald. «Es ist wie ein Korb, von Felsen umgeben». Im Sommer herrscht Dürre, im Winter fliesst das Wasser in Sturzbächen durch die enge Schlucht des Siq, 1963 wurden durch eine Sturzflut über 20 französische Touristen getötet, die letzten 4 Todesopfer waren noch 1996 zu beklagen.

Seit 2003 erforscht Bellwald, mit welchem System die Erbauer der Felsenstadt vor über 2000 Jahren die Fluten gedämmt und kanalisiert haben. Und er betont: «Wir haben noch gar nichts entdeckt. Wir haben noch nicht mal zwei Prozent der antiken Stadt freigelegt.» Zu sagen, Petra ist eine Lebensaufgabe, wäre also stark untertrieben. Zurzeit bereitet Bellwald in «Little Petra» nördlich der Nabatäerstadt ein Projekt vor. Er hat dort ein erstaunlich gut erhaltenes Weingut mit Betriebsgebäude, zwei Weinpressen und mehrere Dämme zur Wasserversorgung und zur Terrassierung der Rebkulturen entdeckt. Als Weinliebhaber ist ihm das natürlich eine Herzensangelegenheit.

Eigentlich könnte er sich schon zur Ruhe setzen. Aber das kommt ihm nicht in den Sinn. Vielleicht wird er sich demnächst mit seiner Schweizer Partnerin ein zweites Standbein in Kreta schaffen – er hat da so eine Entdeckung gemacht, die in der Fachwelt für Furore sorgen dürfte. Er erzählt es mit einem schelmischen Lächeln, als wollte er sagen: «Passt auf, ihr werdet noch von Bellwald hören.»

Keine Rückkehr in die alte Heimat

An diesem Abend in Amman trifft er zufällig einen Berner Altersgenossen, gemeinsam schwelgen sie in Erinnerungen an die Zeit im Gymnasium, tauschen Anekdoten aus über Lehrer, «die damals noch Urgesteine waren», Erinnerungen an den Schulkollegen Peter Reber, diesen «Süssholzraspler». Zieht es den Archäologen zurück in die Schweiz? Bellwald verdreht die Augen, schüttelt den Kopf. Die Weihnachtstage wird er in der alten Heimat verbringen, im Herbst war er zur Beerdigung seiner Mutter in Bern.

Aber dort leben? «In der Schweiz kann ich nicht mal mehr Auto fahren. Als ich kürzlich mal durch einen Kreisverkehr in Winterthur gekurvt bin, hat eine Frau fast ein Kind bekommen», sagt er lachend. Auch kein Heimweh nach Bern? Nein. Bern war für Ueli Bellwald lange genug Heimat, für die er sich beherzt eingesetzt hat. Jetzt kommt ihm Bern etwas zu selbstgenügsam, ein bisschen zu langsam, immer «hingedri vor».

Dafür hat er in Jordanien seine wahre Berufung gefunden, nicht nur in Petra, sondern auch an anderen Stätten wie Machaerus, wo Johannes der Täufer seinen Kopf verloren hat, und in den Projekten für den «King Abdullah II Fund for Development», bei denen es darum geht, Arbeitsplätze für unterprivilegierte Bevölkerungsgruppen in vernachlässigten Regionen zu schaffen.

Jordanien ist ihm längst zur zweiten Heimat geworden, auch wenn sein «Bärner Gring» manchmal an der orientalischen Gelassenheit fast verzweifelt. «Ich werde nie ganz aus Jordanien weggehen, auch trotz Ereignissen wie denen von Kerak gerade kürzlich», sagt er. Beim Angriff der IS-Terrormiliz in Kerak waren zehn Tote zu beklagen. «Das bin ich diesem Land schuldig, gerade jetzt.» Es klingt wie ein feierliches Gelübde. Dann bestellt er noch eine Flasche einheimischen Wein – auf Arabisch natürlich. (Der Bund)

Erstellt: 29.12.2016, 07:05 Uhr

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