Ein feuchtfröhliches Gelage – und ein deutliches Signal

Zehntausend gingen auf die Strasse. War das Ernst oder Spass? Politik oder Party? Oder alles zugleich?

  • loading indicator
Christoph Lenz@lenzchristoph

Er war wieder einmal der Schnellste. Wenige Stunden nachdem die Tanzdemo am Sonntagmorgen ihr Ende fand, setzte der umtriebige FDP-Gemeinderatskandidat Bernhard Eicher jenes politische Stück in Gang, das seither ununterbrochen spielt im politischen Bern: die Vereinnahmung. Eicher nämlich liess die Medien wissen, dass die Botschaft der Tanzdemo exakt auf der Linie seiner Partei liege. Gemeinsam befinde man sich im Kampf «gegen Bevormundung und die zunehmende Einschränkung der Gewerbefreiheit».

Aha, Gewerbefreiheit. Deswegen also sind am Samstag über zehntausend Jugendliche in die Berner Innenstadt geströmt. Deswegen auch die Transparente, die Soundmobile, die DJs und die Bands. Deswegen die ausgelassene Stimmung, der Alkoholkonsum, der Abfallberg und der Uringestank. Deswegen die Vermummten, die Leuchtfackeln, die Parolen und die Sprayereien.

Wer hat die Deutungshoheit?

Hatte Eicher recht? Wahrscheinlich nicht mehr, aber auch nicht weniger als die weiteren Lautsprecher, die sich zügig ins Gezerre um die Deutungshoheit über die Tanzdemo einmischten. Bald erklärte die CVP, die Demonstranten wollten ein «lebendigeres Bern mit attraktivem Nachtleben und Freiräumen für Jugendliche». Später verkündete die Juso, die Teilnehmer hätten ein Zeichen gesetzt gegen «Totenstille, Kommerzzwang und Aufwertungspolitik».

Zu Wort meldete sich schliesslich auch das Kollektiv «Tanz dich frei», das zur Demo aufgerufen hatte. Enttäuscht seien sie über diese Vereinnahmungsversuche, schrieben die Aktivisten. Überdies bestehe kein Zweifel, wogegen die zehntausend protestierten: «Aufwertungspolitik, Ausgrenzung, Ausbeutung».«Au-, wie bitte?», dürften sich viele Teilnehmer heute wundern. Sie sind nicht allein mit den Fragen. Ganz Bern diskutiert derzeit: Was ist die Botschaft dieser Tanzdemo? War das Ernst oder Spass? Kampf oder Spiel? Harte «Berner Politik», wie die NZZ gestern deutete, oder doch nur eine feuchtfröhliche Party, ein öffentliches Gelage?

Der politische Kern

Auch drei Tage nach der Tanzdemo gibt es keine einfachen Antworten auf diese Fragen. Gewiss, der harte Kern verfolgt politische Ziele. Das Kollektiv «Tanz dich frei» wehrt sich gegen die Verknappung von Freiräumen. Alleine mit diesem Thema lässt sich der Erfolg der Tanzdemo aber nicht erklären. 2011 lockte die Strassenparty nur einige Hundert Leute an. Immerhin verlieh das Kollektiv diesem Protest seine Form: ein Umzug mit gesteigertem Unterhaltungswert, nämlich Tanz, Musik und Volksfeststimmung.Wichtiger für die grosse Beteiligung waren die beiden akuten Konfliktherde der Berner Politik – das Nachtleben und die Reitschule. An ihnen entzündete sich diese Welle von Jugenddemos. Doch auch Reitschüler, Clubbetreiber und Nachtleben-Aktivisten können nicht in Anspruch nehmen, die zehntausend Demonstranten mobilisiert zu haben. Zumal nicht jene aus Interlaken, Basel, Zürich und der Ostschweiz. Und auch nicht jene, die gegenüber politischen Forderungen unverbindlich blieben.

Wer wollte da zu Hause bleiben

Übrig bleibt damit, dass sich eine Mehrheit ganz spontan und aus den unterschiedlichsten Gründen an die Demo begab: wegen der Musik, wegen des lauen Sommerabends und nicht zuletzt wegen der Dynamik im Vorfeld der Demo. 11 000 Anmeldungen auf Facebook – wer wollte da schon zu Hause bleiben? Die Tanzdemo war ein Spektakel mit Ansage, nicht unähnlich dem Gurtenfestival. Alle gehen hin, weil alle hingehen.

Vielleicht spüren auch diese Teilnehmer ein dumpfes Unbehagen über Politik, Behörden, Gesetze und Reglemente. Doch sie verfassen keine Flugblätter. Sie wählen, wenn überhaupt, nicht unbedingt links. Und sie werden den Samstagabend zwar in Erinnerung halten, aber deshalb nicht gleich wieder auf die Strasse drängen. Vielleicht entscheiden sie sich nächstes Wochenende für das Abendessen bei Bekannten, für das Bänkli beim Bahnhof oder für Chips, Pantoffeln und das Euro-Eröffnungsspiel im Fernsehen. Es muss nicht immer Party sein.

Politik oder Party? Beides

Also nochmals: War die Tanzdemo Politik oder Party? Wahrscheinlich beides, das eine schliesst das andere nicht aus. Auch am 1. Mai wollen manche nur Bier und Bratwurst. Auch am Bauernzmorge der SVP lockt einige die Hamme und der Zopf. Und für all jene, die jetzt rufen: «aber 1987, bei den Zaffaraya-Demos» – auch da gab es Mitläufer, Demo-Touristen und jene, die sich bloss daran erfreuten, die gesittete Ordnung ein wenig durcheinanderzuwirbeln.

Klar, die politischen Ziele der Tanzdemo-Organisatoren rückten am Samstag in den Hintergrund. Trotzdem hat die Jugend ein Zeichen gesetzt. Nicht unbedingt für dieses oder gegen jenes. Sondern einfach, dass mit ihr zu rechnen ist. Sie kann die Stadt Bern an einem Samstag im Juni lahmlegen. Und sie kann es in den nächsten Monaten wieder tun. Welche andere Kraft kann das von sich behaupten?Für die Behörden bedeutet dies, dass sie sich künftig intensiver mit den Wünschen, Sorgen und Nöten dieser Generation befassen müssen. Auch wenn sich damit keine Wahlen gewinnen lassen. Auch wenn eine Befriedigung dieser oft überzogenen Ansprüche rundheraus unmöglich ist. Denn spätestens dort, wo Unmöglichkeiten zur Verhandlungssache werden, fängt die Politik an.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt