Ein Volk kriegt seinen Namen zurück

Die Zusage Bersets, Jenische und Sinti nicht mehr unter dem diffusen Begriff Fahrende zu subsumieren, reichte aus für ein historisches Moment: die Zurückerlangung des eigenen Namens.

Bersets Zusage ist ein historisches Moment für Jenische und Sinti.

Bersets Zusage ist ein historisches Moment für Jenische und Sinti.

(Bild: Adrian Moser)

Marc Lettau

Manchmal passiert Verblüffendes. Manchmal genügt die richtige Anrede, um gestandene Männer zu Tränen zu rühren. Bundesrat Alain Berset, der geladene Gast an der Feckerchilbi in Bern, fand gestern diese richtigen Worte. Die Anrede «Liebe Jenische, liebe Sinti» trieb den seit Jahren um umfassende Anerkennung bittenden Vertretern der Minderheit das Wasser in die Augen. Die Zusage Bersets, Jenische und Sinti nicht mehr unter dem diffusen Begriff Fahrende zu subsumieren, reichte aus für ein aus jenischer Perspektive historisches Moment: die Zurückerlangung des eigenen Namens.

Der Blick zurück macht das emotionale Hoch verständlich. Verfolgt wurde die Minderheit als Jenische. Anerkannt aber zunächst nur als Fahrende. Damit wurde sie zusätzlich marginalisiert, denn fahrend sind nur die allerwenigsten Jenischen und Sinti.

Die Anerkennung bringt Entspannung. Sie setzt vielleicht sogar Selbstheilungskräfte frei für die definitive Überwindung des kollektiven Traumas vieler Jenischer und vieler Sinti: die Überwindung des dunklen Kapitels «Kinder der Landstrasse». Die Befreiung hat aber ihre Grenzen. Die Reibungen zwischen der Minderheit und der Mehrheitsgesellschaft sind nicht einfach passé. Der Tenor wird nicht verstummen, Jenische müssten die Bildung ihrer Kinder ernster nehmen. Und die Jenischen werden weiterhin zu Recht beklagen, es dürfe doch nicht sein, dass die Geschichte der schweizerischen Minderheit in keinem aktuellen Schulbuch thematisiert werde: Anerkannt zu sein und doch keine Relevanz zu haben, setzt der Entspannung Grenzen.

Die Anerkennung – ihr seid Jenische und Sinti, nicht bloss Fahrende – ist schliesslich für die effektiv Fahrenden eine Herausforderung. Viele von ihnen litten nicht unter der Fremdbezeichnung. Sie warten stattdessen auf die fassbare, nutzbare Ausdrucksform der Anerkennung: auf ausreichend Plätze für ihre Wohnwagen.

DerBund.ch/Newsnet

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