«Ein Navi? Um Gottes willen, mein Kopf ist gut genug»

Der 81-jährige Wolfgang Wüsten fährt seit 1992 für Bären-Taxi. Er regt sich nie auf und kommt mit allen gut aus. «Darum ist mir der Job nicht verleidet.»

Zwei Oldtimer auf Achse: Wolfgang Wüsten mit einem Peugeot von 1973.

Zwei Oldtimer auf Achse: Wolfgang Wüsten mit einem Peugeot von 1973. Bild: Franziska Rothenbühler

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Manchmal sagen Taxikunden zu ihm: «Sie sind sicher froh, dass Sie bald pensioniert werden.» Dann muss Wolfang Wüsten auf den Stockzähnen lächeln – und eröffnet den erstaunten Fahrgästen, dass er im 82. Lebensjahr stehe – und keineswegs ans Aufhören denke. Soeben hat er seinen Ausweis wieder erneuert. «Solange ich kann und darf, fahre ich weiter.» Wüsten gehört nicht zu den Klischee-Taxifahrern, die ständig über unfähige Automobilisten, freche Velofahrer, unsinnige Fahrverbote und schikanöse Polizisten schimpfen, möglichst während der gesamten Fahrt. Er sei ein ruhiger Typ und nehme die Dinge, wie sie seien. Nein, das Täxelen sei nicht schwieriger geworden: «Man muss sich halt konzentrieren.»

Seit er 1992 den Job bei Bären-Taxi angefangen habe, sei er nie in eine Polizeikontrolle geraten und habe keinen Unfall gehabt. «Nur einmal musste ich eine Busse von 100 Franken bezahlen, das ist alles.» Aber haben sich die Bedingungen in Bern für Taxis nicht zum Schlechteren verändert? Wurden keine raffinierten Taxi-Schleichwege gesperrt? Nagt der ständig ausgebaute öffentliche Verkehr nicht an den Umsätzen, ebenso wie die wachsende Konkurrenz? Manchmal, sagt Wüsten, frage ein Kunde etwas entnervt, ob es nicht schneller gehe, oder verstehe nicht, weshalb die Route so umständlich verlaufe. Dann erkläre er dem Kunden ganz ruhig: «Schauen Sie, es geht einfach nicht schneller.» Meistens nütze das.

Steinmetz am Kölner Dom

Der Deutsche arbeitete früher als Steinmetz am Kölner Dom, der ähnlich wie das Berner Münster eine immerwährende Baustelle ist. 1962 kam er nach Bern, wo er ebenfalls als Steinmetz arbeitete, was er heute noch gelegentlich tut. Er habe mitgeholfen, die von Jura-Separatisten zerstörte Justitia-Figur wieder zusammenzufügen. Irgendwann erzählte ihm ein Arbeitskollege, er habe sich eine Taxilizenz besorgt: Ob das auch etwas für ihn wäre. Wüsten absolvierte die städtische Taxiprüfung mit den 500 Fragen zur Ortskenntnis und war fortan für Bären-Taxi unterwegs.

«Für den Fall, dass es einem Kunden anders wird, habe ich eine Plastiktüte dabei.»

Heute ist er oft an Wochenenden im Dienst und geht am Montag in die Zentrale im Weissenbühl zum Abrechnen. Ist es nicht unangenehm, betrunkene Partyleute durch die Gegend zu fahren? Wüsten klagt auch hier nicht. Ins Auto erbrochen habe ihm noch niemand. «Für den Fall, dass es jemandem anders wird, habe ich eine Plastiktüte dabei.» Ausserdem lasse er das Fenster herunter, das wirke. Als er mit Täxelen anfing, gab es in Bern nur halb so viele Taxis wie heute. Dumping-Pauschalentgelte, natürlich ohne Quittung, sind in der Branche heute gang und gäbe. Manchmal erkundige sich das Partyvolk, ob er die Fahrt, die um die 35 Franken kosten würde, auch für 20 übernehme. Dann verweise er darauf, dass Pauschaltarife von der Zentrale genehmigt werden müssten. Zu den Kunden sage er: «Kommt, ihr seid zu viert, da legen alle zusammen, und dann macht es für den Einzelnen nicht so viel aus.»

Dienen – dann verdienen

Manche Taxifahrer erwecken den Eindruck, als würden Ortskenntnisse nicht mehr so streng geprüft. «Manchmal hält ein Chauffeur mit Kundschaft an und fragt mich durchs offene Fenster, ob ich diese oder jene Strasse kenne.» Das verstehe er nicht, denn mit den heutigen Navigationsgeräten lasse sich vieles auffinden. Hat er ein Navi? «Um Gottes willen, nein, mein Kopf ist gut genug.» Nicht selten lehnen Täxeler am Bahnhof Kunden ab, die «nur» ins Inselspital fahren wollen, obwohl sie zum Transport verpflichtet wären. Wüsten hat zu Kurzfahrten ein entspanntes Verhältnis. Es könne sein, dass er in Bümpliz eine gehbehinderte Dame für lediglich 9 Franken um zwei Ecken fahre, aber dann bekomme er gleich darauf einen attraktiven Auftrag, der 45 Franken einbringe. Die dankbare Stammkundin, der er die Einkäufe in die Wohnung hinauftrage und die Milch in den Kühlschrank stelle, lasse ihm zu Weihnachten ein grosszügiges Geschenk zukommen. «Solche Sachen erlebe ich oft.» Das Dienen komme vor dem Verdienen: «Als Fahrer muss man zuerst eine gute Leistung erbringen, das Geld kommt dann meistens schon noch.» (Der Bund)

Erstellt: 20.08.2018, 06:49 Uhr

Bären-Taxi feiert 50-Jahr-Jubiläum

1968 gründete Hermann Jaberg die Firma Bären-Taxi. Zu den besten Zeiten hatte Bären um die 50 Wagen im Einsatz. Heute fährt Bären mit 41 Wagen, davon sind 5 Kleinbusse. Der heutige Inhaber und Geschäftsleiter, der 52-jährige Gerhard Brunner, arbeitet seit 1990 im Betrieb, ab 2011 als Co-Geschäftsleiter und seit 2013 als alleiniger Geschäftsführer und Mehrheitsaktionär der Bären-Taxi AG.

Anders als sein langjähriger Fahrer Wolfgang Wüsten beklagt Brunner, die Verhältnisse für Taxifirmen in Bern hätten sich verschlechtert. So durften früher am Hauptbahnhof nur Fahrzeuge mit A-Konzession auf Kundschaft warten. Die beiden Grossbetriebe Nova und Bären hielten einige der begehrten Konzessionen und platzierten am Bahnhof die erfahrensten Chauffeure. Heute stellt die Kundschaft oft fest, dass manche Einzeltäxeler die Stadt ebenso wenig kennen wie sie. Bären-Taxi beschäftigt 120 Mitarbeitende.

Die Zentrale disponiert jährlich 350’000 Fahrten, davon 50’000 für Schulkinder. Die Bären-Flotte legt jährlich 1,5 Millionen Kilometer zurück. Im Jubiläumsjahr verkehrt ein Peugeot von 1973 zum Tarif des Gründungsjahrs.

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