Ein Gewaltproblem mit komplizierter Lösung

Junge Menschen zerstören Schaufenster und greifen Polizisten an – in Bern kein neues Bild. Doch wieso tun sie das? Eine Ursachensuche zwischen Selbstfindung, Politik und Zerstörungswut.

Die Gründe für gewalttätige Aktionen sind unterschiedlich.

Die Gründe für gewalttätige Aktionen sind unterschiedlich.

(Bild: Keystone Stringer)

Markus Dütschler
Martin Erdmann@M_Erdmann

Kommt es in Bern zu Ausschreitungen, spielt meist ein juveniler Hass auf bestehende Strukturen eine tragende Rolle. So auch bei den Ausschreitungen der letzten Tage. Woher rührt diese Wut und wer sorgt dafür, dass sie in gewalttätiger Eskalation endet? «Das sind oft junge Menschen, die sich beweisen wollen und auf der Suche nach einer Identität sind», sagt Soziologe Ueli Mäder. Dabei würden sie verhärtete Ideologien verfolgen. «Staat und Polizei gehören zu ihrem Feindbild.» Politische Motivation will er ihnen nicht absprechen. «Dadurch macht man es sich zu einfach.» Es könne durchaus sein, dass Gewalt von einzelnen Aktivisten als legitimes Mittel des politischen Ausdrucks wahrgenommen werde. «Aber natürlich gibt es solche, bei denen die Geilheit der Gewalt im Vordergrund steht.»

«Ihnen fehlt analytische Distanz»

Extremismusexperte Samuel Althof bestätigt Mäders Meinung. «Einige lehnen unseren Staat ab. Sie sehen ihre Gewalt als Teil ihrer Botschaft zur Revolution.» Auch Althof glaubt, dass bei manchen Aktivisten die Destruktivität überhand nimmt. «Unter ihnen gibt es chronische Krawallanten.» Woher dieses Bedürfnis nach Gewalt stammt, sei sehr unterschiedlich. «Die Gewaltaffinität hat sich aus ihrer persönlichen Lebensgeschichte entwickelt.» Althof wie auch Mäder sehen Ausschreitungen in keiner Weise als zielführend. Mäder: «Durch Gewalt sinkt das Interesse der Bevölkerung, sich mit den Anliegen der Aktivisten auseinanderzusetzen.» Gewalttätige würden sich selber isolieren. Althof spricht von einem «Eigentor», das ihnen jedoch nicht bewusst sei. «Dazu fehlt ihnen die analytische Distanz.» Sie würden dominanzorientiert denken und könnten darum kaum Kompromisse eingehen. «Sie akzeptieren keine andere Meinung als ihre eigene.»

Auch über die Mittel, um die Gewaltbereitschaft zu schmälern, sind sich Soziologe und Extremismusexperte einig. Beide setzen auf Annäherung und Diskurs. «Es ist falsch, jetzt nur über polizeiliche Massnahmen nachzudenken», sagt Mäder. Er setzt auf Reden. Eine illusorische Vorstellung? Mäder verneint. «Ich kenne ehemalige Mitglieder des Schwarzen Blocks, deren gewaltbereite Haltung durch vertiefende Gespräche verändert wurde.» Einen Diskurs mit gewaltbereiten Jugendlichen zu führen, sei schwierig, so Althof. Eine Einladung zur Sitzung einer behördlichen Arbeitsgruppe würde von Linksextremen kaum angenommen werden. «Wir müssen nach Lösungen suchen, welche die Menschen, die nicht mit uns sprechen wollen, einzubeziehen vermögen.» Das sei den Behörden nicht gelungen.

Nicht ohne Gegenleistung

«Man kann das Bedürfnis nach Widerstand nicht zivilisieren oder stillen», sagt Jugendpsychologe Allan Guggenbühl. Deshalb sei es falsch, der Jugend einfach Freiräume zur Verfügung zu stellen. «Wer dann erwartet, dass die Jugendlichen zufrieden sind, irrt sich.» Es sei paradox: Freiräume würden gefordert, doch wenn man sie habe, wisse man nicht recht, was man mit ihnen anfangen solle, sagt Guggenbühl. «Ich habe das seinerzeit bei der Republik Bunker und beim AJZ in Zürich miterlebt.» Als man die Freiräume gehabt habe, sei es langweilig geworden. Das sei heute nicht anders. «Ich weiss aus Gesprächen mit Jugendlichen, dass sie die Reitschule als Projekt der Älteren wahrnehmen.» Es ziehe sie nicht wirklich dorthin.

Guggenbühl betrachtet die Berner Hausbesetzerszene kritisch. «Was sie wollen, ist mit den Grundsätzen unserer Gesellschaft nicht vereinbar.» Freiräume soll es zwar geben, aber nur unter Auflagen. «Man muss etwas verlangen, dann fühlen sich die Jugendlichen respektiert.» Wenn die Politik ohne Gegenleistung etwas gibt, verhelfe das oft den «radikalen Kräften» zum Sieg. «Sie haben das grösste Inszenierungspotenzial und lieben die Aufregung und das Spektakel.»

Die neue Freiheit

Joachim Eibach ist Professor für Geschichte an der Universität Bern. Er betrachtet die Thematik mit Weitsicht. «Eine freiheitliche Gesellschaft sollte ihre Liberalität nicht aufgeben, nur weil es hie und da zu Scharmützeln kommt», sagt Eibach. Sie müsse immer wieder neu diskutieren und austarieren, wie viel sie aushalten wolle. Seit den 1960er-Jahren habe es einen gewaltigen gesellschaftlichen Wandel gegeben. «Pflichterfüllung und Gehorsam standen nicht mehr im Mittelpunkt.» Sie seien durch Individualismus und Selbstverwirklichung ersetzt worden. Das bedeute eine grosse Freiheit. Eine Errungenschaft, die Eibach nicht mehr hergeben will: «Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir das Rad der Zeit zurückdrehen wollen», sagt der Geschichtsprofessor.

Der Bund

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