«Ein Gefühl des Verlassenwerdens»

Die Schwulenbefreiung war Teil der 68er-Bewegung. Ein Historiker zeichnet die Entwicklung nach.

Erasmus Walser ist Historiker und Buchautor. Sein Buch zur Schwulenbewegung heisst: «Unentwegt emanzipatorisch. Zur Geschichte der Schwulenbewegung in Bern».

Erasmus Walser ist Historiker und Buchautor. Sein Buch zur Schwulenbewegung heisst: «Unentwegt emanzipatorisch. Zur Geschichte der Schwulenbewegung in Bern». Bild: zvg

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Wo lagen die Anknüpfungspunkte der Schwulenbewegung mit der 68er-Bewegung?
Das erste Mal, dass Schwulsein im Kanton Bern einen öffentlichen Skandal verursachte, war 1967. Der 17-jährige Gymnasiast Martin Schwander verteilte das Buch «Gilgamesch» und wurde dafür vorübergehend vom Unterricht suspendiert. Die im Buch enthaltenen Liebesszenen zwischen den Männern waren dem Rektor des Burgdorfer Gymnasiums zu explizit. Er begründete den Schulausschluss mit der Verbreitung von pornografischer Literatur an Minderjährige. Nachdem der Schriftsteller Max Frisch und Politiker sich für den Gymnasiasten eingesetzt hatten, hob die Schulkommission die Suspendierung jedoch auf. Ich glaube, dass dieser nationale Skandal der Ausgangspunkt der Schwulenbewegung in Bern war.

Welche Forderungen wurden laut?
1968 wollten viele Schwule ihre Freizeit selber gestalten können. Sie gründeten daher den Verein Ursus an der Junkerngasse. Hier sollten sich Schwule treffen können. Die Aktivisten wollten auch einen Raum mieten, um Filme über schwule Themen zu zeigen. Zuerst lehnten die Eigentümer dies ab mit der Begründung, keine Pornografie zu akzeptieren. Dabei ging es den Aktivisten um kulturell bedeutsame Filme. Etwa: «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt».

In den 70er-Jahren forderten die Aktivisten die Aufhebung der Schwulenregister. Warum?
Die Kantonspolizei führte Fichen über Männer, die sich an Treffpunkten von Schwulen aufgehalten hatten, zum Beispiel auf der Kleinen Schanze. Man musste gar nicht straffällig geworden sein, um als Schwuler gespeichert zu werden. Das war illegitim. Es konnte unangenehme Folgen am Arbeitsplatz oder im sozialen Umfeld haben.

In den 1980er-Jahren versetzte Aids die Schwulenbewegung in Angst.
Ja, Aids lähmte die Bewegung und führte zu einem Backlash. Wichtige, schillernde Persönlichkeiten wurden plötzlich von ihren eigenen Familien abgeschirmt. Vielen Schwulen wurde der Kontakt zu ihrem erkrankten Partner verwehrt. Aktivisten starben, ohne dass jemand die genaue Ursache der Krankheit kannte. Der Wind drehte, als der Tagesschausprecher Charles Clerc 1987 vor laufender Kamera ein Kondom über seinen Mittelfinger stülpte. Er war die Integrationsfigur im Schweizer Fernsehen. Dies führte zu einer Enttabuisierung des Themas Aids.

Auch Sie verloren Bekannte an Aids. Was hat das für Sie bedeutet?
Es war ein Gefühl des Verlassenwerdens. Man schwamm auf den Ozean hinaus und war ganz allein. Meine Schwester, die eigentlich ziemlich liberal war, meinte bei jeder längeren Grippe, ich sollte mein Testament schreiben.

Die Lesben traten in der Homosexuellenbewegung früher kaum in Erscheinung. Weshalb?
Lesben wollten und konnten lange keine öffentliche Rolle spielen aufgrund ihrer Diskriminierung als Frauen. Die Kampfhähne waren daher die Schwulen. Ein Beispiel war die Telearena 1978 im Schweizer Fernsehen, als Homosexuelle und Kritiker über Homosexualität diskutierten. Frauen wurden nicht explizit thematisiert, sie waren nur mitgemeint. Ich glaube, dass sich Schwule in den Augen vieler Lesben daher nicht anders verhielten als heterosexuelle Männer. Umgekehrt sehen Schwule Lesben in erster Linie als Homosexuelle wie sich selbst. (Der Bund)

Erstellt: 12.06.2018, 06:21 Uhr

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