Die ganz alten Erinnerungen sind da

Frieda Binz-Schoch feiert am 10. Januar ihren 109. Geburtstag – sie gehört zu den ältesten Menschen in der Schweiz. Bis ins hohe Alter war die Jubilarin sehr sportlich.

Sie kann sich sogar noch an die Zeit des Ersten Weltkriegs erinnern: Frieda Binz-Schoch.

Sie kann sich sogar noch an die Zeit des Ersten Weltkriegs erinnern: Frieda Binz-Schoch.

(Bild: Adrian Moser)

Markus Dütschler

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, begann für Frieda Binz-Schoch in Thun die Schulzeit. Vom Lerchenfeld ins Aarefeld-Schulhaus war es ein langer Weg, ein Velo hatte sie erst viel später. Noch lange trafen sich jeweils die Klassenangehörigen am Tag des «Fulehung». Jetzt sitzt die Jubilarin am Tisch im Aufenthaltsraum des Pflegeheims Tilia Schönberg am Stadtrand von Bern. Ganz alte Erinnerungen kann man bei der 109-jährigen Greisin manchmal noch abrufen, doch was jetzt geschieht, vergisst sie meist sofort wieder. Die Welt draussen ist weit weg, so wie die Autobahn vor dem Schallschutzfenster: Man sieht die Autos vorbeirasen, hört sie aber nicht. «Äs gö viu», sagt die betagte Frau.

Beim Besuch, der aus organisatorischen Gründen im Dezember stattfinden musste, hat die Jubilarin den «Bund» vor sich und entziffert auf der Frontseite – ohne Brille – den Titel: «Lastwagen rast auf Berliner Markt in Menschenmenge». Die Frau, die am Morgen beim Coiffeur war, damit es ein hübsches Bild gibt, versteht offenbar, dass das eine schlimme Nachricht ist: «Hets Toti gäh?»

Als Telefonieren kompliziert war

Sie selbst hat fast alle überlebt, auch zwei ihrer Kinder. Ein Sohn starb bereits vor einigen Jahren, der zweite 2015. «Sie hat das nicht wirklich mitbekommen», sagt dessen Witwe Gerti Binz, die dem Gespräch mit ihrer Schwiegermutter beiwohnt. Die Tochter der Jubilarin wohnt in Amerika. Vier Enkel hat sie – und sechs Urenkel. Die 109-Jährige betrachtet interessiert den Laptop des Besuchers und meint: «S ganze ABC isch drin, ei ei ei.» Mit der damaligen modernen Technik war die Frau durchaus vertraut. Sie arbeitete als Telefonistin, als das Medium kompliziert, teuer und nur wenigen zugänglich war. Sie sprach Englisch, Französisch und Italienisch.

Später arbeitete sie im Patentamt, und noch weit über die Pensionierung hinaus war sie eine flexible Arbeitskraft, die einsprang, wenn jemand krank war. Sie habe bei Anrufen immer gewusst, wer für das Thema im Haus zuständig sei, erzählt Schwiegertochter Gerti Binz. Schon mit ihrem Vater ging Frieda Binz-Schoch auf Bergtouren, auf einer lernte sie ihren künftigen Ehemann kennen, der schon vor über einem halben Jahrhundert starb. Noch als Mittachtzigerin unternahm sie spontan eine Saumpfadwanderung, die sie bis auf 3200 Meter Höhe führte. Sie vergass, sich bei ihrer Familie in Burgdorf abzumelden, die verzweifelt versuchte, sie in ihrem Haus im Spiegel zu erreichen. Dann war die alte Dame plötzlich wieder wohlbehalten zu Hause und wunderte sich über die Aufregung.

Im Haus lebte sie noch als gut 100-Jährige. Kurz bevor sie dieses Alter erreichte, flog sie wie jedes Jahr für drei Monate nach Amerika zu ihrer Tochter – ein letztes Mal. Natürlich war sie die älteste Passagierin, wurde über Lautsprecher begrüsst und bekam ein Glas Champagner kredenzt. Nun entdeckt die betagte Frau plötzlich, dass der Besucher nichts zu trinken hat, es war ihm selbstverständlich angeboten worden. «Heit der gar nüt becho?», fragt sie aufmerksam, war sie doch als gute Gastgeberin und vorzügliche Köchin bekannt.

«Bund»-Abonnentin seit 1934

Schon am 105. Geburtstag besuchte sie der «Bund». Damals war sie noch in erstaunlich guter Verfassung. Sie sass zwar schon im Rollstuhl, posierte aber für den Fotografen aufrecht fast wie einst Queen Mum. Nun blickt sie wieder auf die Zeitung vor sich. «Wieso hei mer jitz dr ‹Bund›?» fragt sie. Seit 1934, um genau zu sein: Frieda Binz-Schoch ist die älteste Abonnentin. Ihr Vater, ein aufrechter Sozialdemokrat, der sich am Generalstreik von 1918 beteiligt hatte, war auf die – längst eingestellte – SP-Zeitung «Tagwacht» abonniert. Wenn er die Tochter besuchte, wurde der – damals freisinnige – «Bund» vorsorglich weggeräumt, um den Vater nicht zu erzürnen.

Berns Vizestadtpräsident Reto Nause hat sich für den heutigen Geburtstag im Tilia angesagt, ebenso eine Delegation der Gemeinde Köniz, in der Frieda Binz-Schoch immer noch den amtlichen Wohnsitz hat.

Gibt es in diesem hohen Alter noch unerfüllte Wünsche? Die Jubilarin, welche die baubedingte Züglete vom Tilia in Köniz ins Tilia im Schönberg-Quartier nicht richtig mitbekommen hat, sagt nur: «Ig wott hei, zu de Eltere.»

Der Bund

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