Die Stadt fühlt sich übergangen

Verkauft der Kanton ehemalige Büros in der Altstadt, erhält die Stadt keine Vorzugsbehandlung. Damit fördere der Kanton die Spekulation, findet Gemeinderat Michael Aebersold.

Zu verkaufen für 6,5 Millionen Franken: Die Liegenschaft an der Münstergasse 32.

Zu verkaufen für 6,5 Millionen Franken: Die Liegenschaft an der Münstergasse 32. Bild: Franziska Rothenbühler

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Betrieb am Tag, aber dunkle Fenster am Abend und am Wochenende: Büros sind in Innenstädten nicht gern gesehen. Auch nicht in der Verwaltungsstadt Bern. Doch: Gerade die kantonale Verwaltung ist in der unteren Altstadt stark präsent. Einige der Liegenschaften haben repräsentativen Charakter, etwa das ehemalige Stiftsgebäude beim Münster, wo sich der Sitz der Volkswirtschaftsdirektion befindet oder das Tscharnerhaus der Finanzdirektion direkt gegenüber dem Münster.

Aber auch in eigentlichen Wohnhäusern ist die kantonale Verwaltung präsent: Etwa an der Kramgasse 20, wo die Polizei- und Militärdirektion wie auch die Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion Büros hat. Hier wollte der Kanton gar Wohnräume, die er als Büros nutzte, definitiv umwandeln lassen. Nach einer Einsprache des Rathausgasse-Leists bleibt die Änderung auf zehn Jahre begrenzt, dann soll sie wieder überprüft werden.

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Die Entwicklung geht aber in eine andere Richtung: Seit einigen Jahren fordern Vorstösse im Grossen Rat immer wieder, der Kanton Bern solle seine Liegenschaften in der Altstadt verkaufen. So etwa die Forderung einer Motion von Grossrat Samuel Leuenberger (BDP) von 2014, welche das Parlament überwies. Auch die Finanzkommission wollte 2016 wissen, ob sich Büroräume in der Altstadt finanziell wirklich rechnen würden.

Ein Auszug aus diesen Büros sei finanziell nicht prinzipiell vorteilhaft, befand die Kantonsregierung. Dennoch kommt sie der Forderung nach. Beispiele aus den letzten zehn Jahren sind der Auszug der Steuerverwaltung aus den Von-Muralt-Häusern an der Münstergasse 1–3/Junkerngasse 63 nach Bümpliz oder der Verkauf von Häusern an der Herrengasse 11/13 und der Münstergasse 24.

Zieht sich der Kanton aus der Altstadt zurück, werden Büros dann meist auch zu Wohnraum. Nötige Umbauten, Bauvorschriften und nicht zuletzt hohe Kaufpreise sind der Grund dafür, dass die resultierenden Wohnungen oft dem Luxussegment zuzurechnen sind.

Denn der Kanton verkauft seine Liegenschaften grundsätzlich auf dem freien Markt. Aktuell im Angebot ist etwa das Haus an der Münstergasse 32, wo die kantonale Denkmalpflege einquartiert war. Der Richtpreis liegt bei 6,5 Millionen Franken. Der Markt werde über den definitiven Kaufpreis entscheiden, heisst es im Verkaufsdossier.

Stadt spricht von Fantasiepreisen

Die Strategie des Kantons findet im Grundsatz auch bei der Stadt Bern Anklang. Die Stärkung der Altstadt als Wohngebiet durch die Verlagerung von Arbeitsplätzen aus der Altstadt heraus und die Rückführung der Gebäude in Wohnraum sei seit Jahren ein Ziel der Stadtentwicklung, schreibt Finanzdirektor Michael Aebersold (SP) auf Anfrage. «Die Anstrengungen des Kantons, Bürogebäude in Wohnnutzungen zu überführen, erachtet die Stadt als positiv.»

Aber: Indem der Kanton die Häuser einfach auf dem Markt verkaufe, «unterstützt er die Bodenspekulation und verhindert den Bau von preisgünstigem Wohnraum in der Stadt». Die Stadt wolle ehemalige Büroliegenschaften, die sich für die Umwandlung zu Wohnraum eignen, «in der Regel erwerben» und lege dazu ein Höchstgebot fest. Nur: «Wegen fehlender Investitionsmöglichkeiten werden heute auf dem Markt Fantasiepreise erzielt», so Aebersold. Mit diesen könne die Stadt kaum mithalten. Die hohen Kaufpreise würden sich dann auch auf die Mieten niederschlagen.

Unterstützung erhält Aebersold mit seiner Kritik auch aus dem Stadtrat. So hatte Rithy Chheng (SP) 2013 in einem Vorstoss gefordert, die Stadt solle sich bei kantonalen Liegenschaften um ein Vorkaufsrecht bemühen.

Kein Gehör beim Kanton

Bisher ist die Stadt bei der Regierung – in deren Zuständigkeit die Verwaltung des kantonalen Immobilienportfolios liegt – mit ihren Forderungen aber nicht durchgedrungen. Entscheide sich der Kanton, eine Liegenschaft nicht weiter zu nutzen, müsse er das Gebäude verkaufen, dies aufgrund der Motion Leuenberger, schreibt die Baudirektorin, Regierungsrätin Barbara Egger-Jenzer (SP) auf Anfrage.

Dabei sei man verpflichtet, die Liegenschaften in «rechtsgleichen und willkürfreien» Verfahren zu Marktpreisen zu verkaufen. «Vorzugsbehandlungen» beispielsweise gegenüber der Stadt Bern seien dabei nicht möglich. «Dies würden zu einem geringeren Verkaufserlös führen.» Für die Bewirtschaftung des Immobilien-Portfolios stütze man sich auf die strategischen Grundsätze, welche der Regierungsrat 2006 genehmigte.

Darin festgehalten seien die «drei Nachhaltigkeitsgrundsätze Gesellschaft, Wirtschaft, Umwelt. Details dazu gibt es keine: Das betreffende Dokument sei «intern klassifiziert und somit nicht öffentlich». (Der Bund)

Erstellt: 01.05.2017, 06:41 Uhr

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Fokus Altstadt

Strikte Vorgaben des Gesetztes

Eine vorwiegende Wohnnutzung in der unteren Altstadt ist auch das Ziel der Stadtplanung. In der Altstadt werde eine gemischte Nutzung angestrebt, gerade in der unteren Altstadt liege der Fokus auf dem Wohnen, so Stadtplaner Mark Werren. Ein Instrument dazu bieten etwa Zonenvorschriften.

An solchen Regelungen, welche die Wohnnutzung fördern, fehlt es für die Altstadt nicht. In der Bauordnung (BO) wird die untere Altstadt explizit als Gebiet für Wohnen, Kleingewerbe und Gastro bezeichnet. Die BO schützt die Liegenschaften als Baudenkmäler. Sobald ein «grösserer, in die Gebäudestruktur eingreifender» Umbau stattfindet, müssen allfällige Büroräume oberhalb des zweiten Geschosses in Wohnungen umgewandelt werden. Auch das Stadtentwicklungskonzept bezeichnet die untere Altstadt als Gebiet für Wohnen. (zec)

Verwaltungsbüros in der Altstadt sind nicht in jedem Fall fehl am Platz

Verwaltungsbüros haben in bestimmten Liegenschaften ihre Berechtigung, sagt der Denkmalpfleger.

«Für den Erhalt der wertvollen Gebäude ist es immer besser, wenn sie gemäss ihrem ursprünglichen Zweck genutzt werden», sagt der Stadtberner Denkmalpfleger Jean-Daniel Gross. Doch fordert Gross zu einer differenzierten Sicht auf: Das ehemalige Stiftsgebäude am Münsterplatz 3 etwa sei schon als Gebäude zur öffentlichen Nutzung gebaut worden. Von daher sei es gerechtfertigt, wenn sich hier eine kantonale Verwaltung befinde. Gerade in solchen Gebäuden wäre es nicht zweckmässig, Wohnungen einzurichten. «Das ginge nicht ohne massive Eingriffe», so Gross. Die Räumlichkeiten würden sich nur schwerlich in Wohnungen unterteilen lassen. Zudem habe die Öffentlichkeit bei solchen Gebäuden den berechtigten Anspruch, dass sie zumindest teilweise zugänglich seien.

Ähnlich sieht Gross die Situation bei der Finanzdirektion, welch im Tscharnerhaus, unmittelbar gegenüber dem Münster, einquartiert ist. Dieses fällt für Gross in eine zweite Kategorie von Liegenschaften: die «Stadt-Palais». Dies sind repräsentative Bauten, die neben einer Wohnnutzung immer auch schon einen zumindest halböffentlichen Charakter hatten. Bewohnt von einflussreichen Berner Familien, dienten sie diesen immer auch als Schauplatz zur Erfüllung ihrer politischen und gesellschaftlichen Verpflichtungen.

In dieselbe Kategorie teilt Gross etwa auch den Erlacherhof ein. Dass die grosse Mehrheit der Altstadtliegenschaften, welche als Wohnhäuser gebaut worden sind, weiterhin oder wieder zum Wohnen genutzt werden, sei jedoch ganz im Sinne der Denkmalpflege. Für den Erhalt komme es weniger auf den Eigentümer an, sondern vielmehr darauf, ob die Nutzung mit den historischen Strukturen und Austattungen zusammenpasse, so Gross.

Ebenso sieht es Architekt André Born. Er ist mehrfacher Träger des Dr.-Jost-Hartmann-Preises, mit welchem die Denkmalpflege besonders gelungene Umbauten auszeichnet, und war für den ausgezeichneten Umbau der Von-Muralt-Häuser zuständig sowie für die Renovation eines Teils des ehemaligen Stiftsgebäudes. Der Tatsache, dass die diversen Verwaltungen jahrzehntelang Wohnhäuser in der Altstadt als Büroräumlichkeiten genutzt haben, kann Born gar etwas Positives abgewinnen. Denn unter dem Bürointerieur sei die ursprüngliche Bausubstanz grösstenteils erhalten geblieben, sagt Born. «Wären diese Liegenschaften in den 1950er- oder 1960er-Jahren zu Wohnungen umgebaut worden, wäre wahrscheinlich viel von der historischen Substanz verloren gegangen.» (zec)

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