Die Stadt Bern will mehr selber bauen

Die publizierte Auswertung der Mietpreise im Raum Bern durch den «Bund» hat gezeigt, dass auch in der Stadt Wohnungen zu erschwinglichen Preisen angeboten werden.

Im Stöckacker Süd liegen die Alters- direkt neben den Familienwohnungen – für mehr soziale Durchmischung.

Im Stöckacker Süd liegen die Alters- direkt neben den Familienwohnungen – für mehr soziale Durchmischung. Bild: Adrian Moser

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Trotz gestiegener Mieten gibt es im Raum Bern immer noch bezahlbaren Wohnraum. Das zeigen die von Wüest Partner erfassten Zahlen zu fast 145 000 Wohnungsinseraten, die der «Bund» ausgewertet und am Montag publiziert hat. Demnach sind sogar im unter «Gentrifizierungsverdacht» stehenden Gebiet Breitenrain/Lorraine über 50 Prozent der ausgeschriebenen 3,5-Zimmer-Wohnungen für monatlich 1500 Franken oder weniger zu haben.

Weiter gilt: Wohnungen mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis gehen oft unter der Hand weg. Die ausgewerteten Angebotsmieten liegen darum im Schnitt über dem, was tatsächlich bezahlt wird. Sogar noch tiefer sind zudem die Bestandesmieten. Laut einer am Montag veröffentlichten Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) liegen die Mieten aus laufenden Verträgen in Bern 20 bis 30 Prozent unter den Angebotsmieten.

Strengere Handhabe ist blockiert

Der Fonds für Boden- und Wohnbaupolitik, das städtische Förderinstrument für günstigen Wohnraum, sieht trotzdem akuten Handlungsbedarf. Am Montag teilten die Verantwortlichen mit, man forciere die Wohnungsoffensive: «Zukünftig will der Fonds günstigen Wohnraum noch stärker fördern.» Für Gemeinderat Michael Aebersold (SP) ist klar: Tendenziell seien die Mietkosten am Steigen; günstiger Wohnraum verschwinde. Auch die Auswertung im «Bund» zeige letztlich, dass Wohnen in der Agglomeration oft günstiger sei. Die Stadt wolle verhindern, dass sich nur die Oberschicht eine Wohnung im Viererfeld leisten könne, während die Unterschicht nur noch in Bümpliz und Ostermundigen erschwinglichen Wohnraum finde.

Um dies umzusetzen, hat die Stadt mehrere Möglichkeiten. Sie kann selber Bauprojekte realisieren, was laut Aebersold vor allem dann getan wird, wenn günstigster Wohnraum entstehen soll. Sie kann bei Wettbewerben den Bauherren Auflagen machen wie beim Warmbächliareal. Oder sie kann gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaften den Boden günstig zur Verfügung stellen. Eine zusätzliche Handhabe würde ihr die Wohninitiative geben, deren Umsetzung derzeit wegen einer Beschwerde blockiert ist. Dass die Stadt nun vermehrt selber bauen wolle, heisse nicht, dass die anderen Förderinstrumente in Zukunft weniger wichtig seien, sagt Aebersold.

Wohnbaugenossenschaften seien nach wie vor wichtige Partner. Die Kritik, wonach Genossenschaftswohnungen für Leute mit tiefen Budget nicht erschwinglich seien, kontert der Finanzdirektor: «Direkt nach dem Bau sind sie zwar nicht günstig, aber 10, 15 Jahre später schon.»

Alters- neben Familienwohnungen

Die Stadt will mit ihrer Wohnpolitik auch die soziale Durchmischung der Quartiere fördern, so steht es in den Legislaturzielen. Um das zu erreichen, ist der Mietpreis nur ein Mittel. In der Überbauung Stöckacker Süd wurden etwa altersgerechte Wohnungen direkt neben Familienwohnungen erstellt. Zudem brauche es gemeinsame Innen- und Aussenräume, damit ein Austausch zwischen den Bewohnern stattfinde, meint Aebersold.

Die Stadt kann aber nur dann bestimmen, wer letztlich die Wohnungen und Gewerberäume mietet, wenn sie selber gebaut hat. Aebersold hat deshalb die Diskussion angeregt, ob man nicht auch den Baugenossenschaften diesbezüglich Auflagen machen müsste.

Wie erleben/erlebten Sie die Wohnungssuche in Bern und der Region? Wie gut decken sich die Zahlen mit Ihren Erfahrungen, für Ihr Budget? Haben Sie etwas erlebt auf Ihrer Wohnungssuche? Diskutieren Sie mit im «Stadtgespräch». (Der Bund)

Erstellt: 27.02.2018, 06:46 Uhr

Soziale Durchmischung

Wissenschaft widerspricht der Intuition

Das Schreckgespenst der Gentrifizierung geht auch in Bern um. Der Begriff stammt aus England, wo der Landadel – die sogenannte Gentry – im 18. Jahrhundert vom Land in die Städte zog und dort die ansässige Bevölkerung verdrängte. Gegen Gentrifizierung – oder besser: für soziale Durchmischung – setzt sich auch Bern ein. Die Stadt ist damit in guter Gesellschaft.

Soziale Durchmischung – ursprünglich von den Bürgerlichen aus Angst vor Seuchen in den Arbeiterquartieren und sozialen Konflikten sowie zur Einbindung des Proletariats erdacht – ist in den letzten Jahren zu einem Leitideal in der Stadtentwicklung geworden. Das zeigt eine Analyse der Berner Fachhochschule für Soziale Arbeit aus dem Jahr 2015.

Die Studie hält fest, dass dem Konzept in der wissenschaftlichen Debatte viel kritischer begegnet werde als in der Stadtplanung. Soziale Durchmischung wird nicht selten als Heilmittel gegen Armut, Ausgrenzung und Rassismus propagiert. Die Argumentation klingt soweit auch durchaus plausibel: Wenn in einem Quartier verschiedene Schichten zusammenleben, werden Vorurteile abgebaut.

Zudem können Personen aus der Unterschicht informelle Kontakte knüpfen mit Leuten aus der Oberschicht. Dieses Vitamin B kann dann später die Karriere vorantreiben. Junge Bewohner kaufen für ihre älteren Nachbarn ein; diese hüten dafür einmal die Kinder der Nachbarsfamilie.

Räumliche ist nicht soziale Nähe


Intuitiv spricht nichts gegen dieses Szenario. Nur: Empirisch lassen sich die Vorteile der sozialen Durchmischung nicht festmachen. Die Forschung habe bisher beispielsweise keine Belege dafür gefunden, «dass soziale Mischung den Kontakt fördere und Vorurteile abbaue», heisst es in der Studie.

Auch sei nicht nachweisbar, dass Menschen, die in benachteiligten Vierteln lebten, dadurch ärmer würden. In Sachen Integration gelte sogar das Gegenteil: Die Chancen der sozialen Integration seien in homogenen Quartieren grösser als in durchmischten. Räumliche Nähe habe eben letztlich nichts mit sozialer Nähe zu tun.

Soziale Durchmischung sei vor allem ein politisches Schlagwort. Wenn es konkret darum gehe, wie diese zu erreichen sei, fehlten Vorschläge oft, sagen die Forscher, die mehrere Berner Experten zum Thema interviewt haben. Denn einerseits seien die Prozesse, die zu einer sozialen Mischung führten, nur schwer zu steuern. Dass es Rezepte gebe, die dauerhaft zu einer sozialen Durchmischung führten, sei bisher nicht belegt worden. Andererseits sei der Begriff oft sowieso nur vage definiert.

«Diese Unverbindlichkeit und in gewisser Hinsicht auch Ratlosigkeit hinsichtlich dessen, was denn nun wirklich zu tun wäre, durchzieht den gesamten Diskurs zur sozialen Durchmischung.»

Leben ausserhalb des Quartiers

Ob ein Quartier zum Ort der sozialen Ausgrenzung wird, hängt vor allem mit der physischen Mobilität und den Zugängen zu Bildung, Arbeit und Wohnen sowie der Qualität des Wohnens ab. Im Alltag orientieren sich die Bewohner eines Quartiers nicht an den administrativen Quartiergrenzen. Wenn jemand in Bümpliz wohnt, im Kirchenfeld arbeitet und in der Freizeit im Turnverein Länggasse Volleyball spielt, lebt er im Alltag in einer sehr durchmischten Welt.

Soziale Isolation, so die Studie der Fachhochschule, werde oft durch räumliche Isolation verstärkt. Dem könne eine Stadt entgegenwirken, wenn sie zwischen den Quartieren für Fuss-, Fahrrad- und ÖV-Verbindungen sorge, grosse Durchgangsstrassen vermeide und allen den Zugang zu öffentlichen Räumen und Kulturangeboten ermögliche.

Kritisch ist der Aspekt der Schule – besonders in Quartieren mit hohem Ausländeranteil. Mangelnde Qualität der Schule könne bildungsnahe Familien aus dem Quartier vertreiben, sagt die Studie. Ob eine gute Schule diese Familien auch wieder zurückholen kann, ist laut den Forschern ungeklärt.

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