Die Sorglosen schnappen sich die günstigen Wohnungen

Wird in der Stadt Bern eine preiswerte Wohnung ausgeschrieben, dann sind diejenigen im Vorteil, die sowieso schon ein geordnetes Leben führen.

Günstig an der Berner Kasernenstrasse wollen viele wohnen.

Günstig an der Berner Kasernenstrasse wollen viele wohnen. Bild: Adrian Moser

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Die Stadt Bern, ein Paradies für Mieter? Ja, zumindest wenn man den Zahlen glaubt. Mehr als die Hälfte der 3- und 3,5-Zimmer-Wohnungen kosten weniger als 1500 Franken pro Monat. Dies zeigt eine Datenanalyse, die der «Bund» am Montag publiziert hat. Doch diese attraktiven und günstigen Wohnungen kommen nicht unbedingt denen zugute, die am dringendsten darauf angewiesen sind. Davon ist Felix Wolffers, Leiter des Berner Sozialamtes, überzeugt.

«Wenn sich bei einer Wohnung Dutzende potenzielle Mieter bewerben, dann fliegen die durch die Maschen, die ein Manko mitbringen», sagt er. Sei es ein tiefes Einkommen, ungenügende Sprachkenntnisse oder ein Eintrag im Betreibungsregister. Dies betreffe dann oft Menschen, die Sozialhilfe beziehen oder sonst armutsgefährdet seien.

Keine Chance mit Betreibungen

Tatsächlich zeigt eine Nachfrage bei ausgewählten Liegenschaftsverwaltern, dass eindeutig schlechtere Chancen hat, wer «in kritischen Punkten» nicht dem Idealmieter entspricht. Was das konkret heisst, sagt der Berner Immobilientreuhänder Rudolph Schweizer: Schlechte Aussichten auf einen Zuschlag habe, wer weder einen Job noch einen Bürgen habe. Zeige zudem der Betreibungsregisterauszug mehr als nur belanglos kleine Betreibungen, führe auch dies zu einem «eher nein». Und auch negative Rückmeldungen des früheren Vermieters könnten eine Rolle spielen.

Allerdings sagt Schweizer, dass man gerade bei Rückmeldungen aus dem früheren Mietumfeld der Bewerberinnen und Bewerber «nicht nach einem Schema vorgehen dürfe». Man müsse selber entscheiden, denn die vermeintlichen Reklamationen könnten auch heissen, «dass jemand aus dem Haus gemobbt wurde».

Passt der Bewerber ins Haus?

Der «Hausfriede» ist schliesslich das Thema, wo für Immobilienverwaltungen die weichen Kriterien zu spielen beginnen, also die Frage: Passen die sich Bewerbenden in die bestehende Hausgemeinschaft? Wie die Nachfrage bei Verwaltungen ergibt, haben dabei Familien mit Kleinkindern, Mieter mit Hunden und Bewerber ohne Schweizer Pass je nach Objekt die schlechteren Karten. Und punkto Hausfrieden gibts nach übereinstimmenden Aussagen offenbar einen Röstigraben: Im durchschnittlichen bernischen Mehrparteienhaus liegt die Toleranzschwelle – also Schwelle zur Reklamation – tiefer als im Welschland. Das sagt auch Schweizer und schreibt dies primär «kulturellen Unterschieden» zu.

Geht es also nach dem Schema der Liegenschaftsverwalter, so hat ein Sozialhilfebezüger wegen der grossen Konkurrenz nur selten Chancen auf eine günstige Wohnung in der Stadt. Die Haltung der Vermieter ist für Wolffers nachvollziehbar: «Sie entscheiden sich für das kleinste Risiko.» Aber er sieht alle Gemeinden in der Region in der Pflicht, ein ausgeglichenes Wohnungsangebot bereitzustellen. «Es darf nicht sein, dass günstiger Wohnraum zur Belastung für eine Gemeinde wird und alle nur noch Wohnungen für Gutverdienende anbieten wollen.»

In Köniz steht Daniel Läderach, Leiter der Abteilung Soziales, vor ähnlichen Problemen wie Wolffers in der Stadt Bern. Er und seine Mitarbeitenden versuchen aber, den Sozialhilfebezügern bei der Wohnungssuche zu helfen. «Wir können eine Kostengutsprache ausstellen», sagt er. Dies gebe dem Vermieter Sicherheit, outet den Wohnungsbewerber aber auch als Sozialhilfebezüger. Dies bringe auch wieder Nachteile mit sich: «Die meisten Sozialhilfebezüger überweisen die Miete selber und pünktlich, eine Stigmatisierung ist unfair», sagt Läderach.

Wie erleben/erlebten Sie die Wohnungssuche in Bern und der Region? Wie gut decken sich die Zahlen mit Ihren Erfahrungen, für Ihr Budget? Haben Sie etwas erlebt auf Ihrer Wohnungssuche? Diskutieren Sie mit im «Stadtgespräch». (Der Bund)

Erstellt: 28.02.2018, 06:55 Uhr

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