«Die Polizei ist mit gezogener Waffe eingedrungen»

Die Polizei führte am Mittwoch in einem Haus in Ostermundigen eine Razzia durch. Dessen Bewohner kritisieren den Einsatz nun heftig.

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Es handelte sich nicht um einen Scherz, als am 1. April in der Bernstrasse 29a in Ostermundigen die Türen aufgebrochen wurden und Scheiben klirrten. Das Haus, in dem seit vergangener Woche das Wohn- und Kunstkollektiv «Familie Osterhase» eine Zwischennutzung betreibt (siehe Kasten), bekam Besuch von der Polizei. Dieser verlief alles andere als friedlich, wie das Kollektiv gegenüber DerBund.ch/Newsnet sagt. «Die Polizei ist mit gezogenen Dienstwaffen in das Haus eingedrungen.» Laut Schweizerischer Strafprozessordnung müsste zu Beginn einer Hausdurchsuchung ein Hausdurchsuchungsbefehl vorgelegt werden. Das sei laut den Bewohnern nicht passiert. «Die Polizei ist ohne Vorwarnung rücksichtslos und mit unverhältnismässiger Gewalt eingedrungen.»

Darauf hätten die Polizisten den Bewohnern Augenbinden umgebunden und Handschellen angelegt. «Jede Person wurde von einem Polizisten überwacht.» Zu diesem Zeitpunkt hätten die Bewohner noch nicht gewusst, dass die Razzia Teil der Ermittlungen gegen die Täterschaft des Angriffes auf die Polizeiwache und das Amtshaus vom 21. Februar war. Wieso diese die Polizei zur «Familie Osterhase» führte, ist für das Kollektiv ein Rätsel. «Warum sie genau zu uns kam, ist uns nicht bekannt.» Zwar sei das Haus für die Öffentlichkeit zugänglich, aber man habe nicht das Interesse, Besucher zu kontrollieren und zu überwachen. «Wir können logischerweise nicht die Verantwortung für unsere Besucher übernehmen.» Wer sich nicht an einen «offenen und gewaltfreien» Umgang halte, werde des Ortes verwiesen.

Für die Aktion vom Februar zeigt das Kollektiv kein Verständnis. «Wir als Gruppe distanzieren uns klar von dieser Aktion und den damit verbundenen Personen.»

Stromzufuhr gekappt

Als die Polizei wieder abrückte, stellten die Bewohner des Hauses einigen Sachschaden fest. Türen und Fenster seien eingeschlagen worden. «Das beeinträchtigt unsere persönliche Sicherheit.» Zudem sei die Stromzufuhr manipuliert und die Sicherungen «ohne ersichtlichen Grund» mitgenommen worden. Der Hauswart habe darauf mit der Polizei über den entstanden Schaden gesprochen. «Selbst dieser wurde uns in die Schuhe geschoben – als würden wir uns selbst schaden wollen!»

Ob die Bewohner rechtliche Schritte gegen die Polizeiaktion erwägen, werde nun im Kollektiv besprochen. Eines sei jedoch sicher: «Wir werden nicht für den entstandenen Schaden, den die Polizei verursacht hat, aufkommen.»

Handschellen zur Sicherheit

Was genau hat denn den Fokus der Ermittler auf die «Familie Osterhase» gerichtet? Die Polizei gibt sich bedeckt: «Um das Verfahren nicht zu gefährden, können zu den vorliegenden Informationen keine weiterführenden Auskünfte gegeben werden», sagt Corinne Müller, Sprecherin der Kantonspolizei Bern. Im Rahmen des Strafverfahrens wurde an der Bernstrasse 29a niemand festgenommen. Ein polizeilicher Fehlschlag? Müller verneint. «Der Schluss, wonach eine Hausdurchsuchung eine Verhaftung zum Ziel haben muss, greift zu kurz.» Welche Erkenntnisse aus der Hausdurchsuchung herausgehen, müsse nun abgeklärt werden. Eine Wertung der einzelnen Verfahrensschritte würde nicht öffentlich vorgenommen werden.

Aus polizeilicher Sicht sei der Einsatz «ruhig und ohne Probleme» verlaufen. Das steht in krassem Kontrast zu den Beschreibungen der Bewohner. Wie steht die Polizei zu den Vorwürfen betreffend «rücksichtsloser Gewalt» und das «Eindringen ohne Vorwarnung»? Müller erklärt: «Das polizeiliche Vorgehen erfolgte nach einer vorgängigen Beurteilung der Gefährdungssituation und mit Blick darauf, dass die Hausdurchsuchung nicht gefährdet werden sollte.» Der Polizei sei nicht bekannt gewesen, welche Situation sie in der Liegenschaft antreffen würde und habe dabei auch mit Gegenwehr rechnen müssen. «Beim erwähnten Strafverfahren stehen unter anderem Tatbestände wie ‹Gefährdung des Lebens›, ‹Angriff› oder ‹Landfriedensbruch› im Raum.»

Die Polizei widerspricht der Aussage des Kollektivs, dass sämtliche Bewohner in Handschellen gelegt wurden und Augenbinden umgebunden bekommen hätten. «Dies stimmt nicht für alle Personen», sagt Corinne Müller. Mit dieser Massnahme haben man verhindern wollen, dass die Durchsuchung gefährdet wird. Zudem sollte dadurch die Sicherheit aller Beteiligten gewährleistet werden. «Dabei gilt zu beachten, dass die Wohnverhältnisse nicht klar abgrenzbar waren und Verbarrikadierungen den Einsatz erschwerten.»

Image-Schaden

Neben Sachschäden am Haus plagt nun die «Familie Osterhase» auch noch ein anderes Problem. «Natürlich ist jetzt unser positives und offenes Verhältnis zur Bevölkerung angeschlagen.» Dennoch wolle man das im Rahmen der Zwischennutzung angebotene Programm fortsetzen.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.04.2015, 19:36 Uhr

«Familie Osterhase»

Das Wohn- und Kunstkollektiv «Familie Osterhase» hat Ende März ein Haus an der Bernstrasse in Ostermundigen besetzt. Kurz darauf wurde mit dem Liegenschaftsbesitzer ein Zwischennutzung-Vertrag unterzeichnet, der am 12. April ausläuft.

Bis dahin will das Kollektiv das schon länger leerstehende Haus wiederbeleben. So werden beispielsweise verschiedene Workshops, Kinoabende oder Bastelnachmittage für Kinder veranstaltet. Nach dem Auszug der «Familie Osterhase» würde das Haus für ein «Sozialprojekt» der Gemeinde Ostermundigen gebraucht werden, wie HRS Real Estate, Eigentümerin des Hauses, mitteilt.

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