Die Mystik einer Umarmung

Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja gibt in der Französischen Kirche ihren Einstand als künstlerische Leiterin mit einem berührenden Konzertprogramm für alle Sinne.

Musikalisch fulminant verbindet die Camerata in der Französischen Kirche das Mittelalter mit der Moderne.

Musikalisch fulminant verbindet die Camerata in der Französischen Kirche das Mittelalter mit der Moderne. Bild: Franziska Scheidegger

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Was für eine Woche! Klassikkonzerte mit Neuer Musik in dieser Dichte gibt es in Bern selten. Und dass die Anlässe beim breiten Publikum derart Zuspruch finden, davon kann man sonst nur träumen. Diese Woche aber war alles so, wie man sich das wünscht: Sowohl die Grosskonzerte in der Dampfzentrale und in der Reitschule im Rahmen des Musikfestivals Bern waren gut besucht und begeisterten durch Spannung, Qualität und innovative Konzepte. Und am Samstag erlebt das Berner Publikum in der Französischen Kirche, dass sich diese Highlights noch toppen lassen.

Die Camerata Bern lädt in der Französischen Kirche zum Auftakt der neuen Saison. Es ist ein Ereignis, das viele mit Spannung erwartet haben. Denn das Konzert markiert den Anbruch einer neuen Ära in der Geschichte des renommierten Orchesters. Erstmals steht das 18-köpfige Ensemble unter der künstlerischen Leitung der Geigerin Patricia Kopatchinskaja, einer der derzeit spannendsten Musikerinnen in der Schweiz. Kopatchinskajas Engagement und ihre unverwechselbare Handschrift sind in jeder Faser des inspirierenden Abends zu spüren. Das Programm ist ausgeklügelt und anspruchsvoll und reiht nicht bloss Werk an Werk, sondern punktet durch die tiefe Symbolik seiner Inhalte.

Mit ihren unkonventionellen Ideen ist die Geigerin ein veritabler Publikumsmagnet. Zudem wirkt sie als Solistin wie ein Katalysator für ihre Musikerkollegen und Gäste. So kooperiert die Camerata Bern an diesem Eröffnungsabend mit dem Organisten und Akkordeonisten Wieslaw Pipczynski, dem Schlagzeuger Peter Fleischlin und den polnischen Sängerinnen Beata, Sarah und Monika Würsten, die das Programm mit ihren persönlichen Klangfarben bereichern. Das Publikum erlebt einen Abend voller Symbolkraft, der alle Sinne anspricht und durch die gelungene Umsetzung alle Erwartungen übertrifft.

Klänge aus dem Epizentrum

Bereits beim Betreten der Französischen Kirche ist vieles anders als sonst in einem Konzert. Es riecht nach geschmolzenem Wachs, nach Feuer. Und eine flüchtige Materie schlägt einem ins Gesicht. Ein Endloston. Sein Ursprung lässt sich nur schwer verorten, denn der Klang ist keineswegs statisch. Er bewegt sich durch die Gänge. Und durch die Flut der Konzertbesucher, die ihre Sitzplätze suchen (der Abend ist ausverkauft). Der Ton ist ein E, wie man später erfahren wird. Er stammt von der Orgel.

Ein Klebband an einer Taste verhindert, dass der Ton abbricht. Er wird aber auch von den Streichern der Camerata weitergeführt, während sie kreuz und quer durch die Kirche flanieren. Das Ostinato fühlt sich an wie eine mystische Umarmung. Das E steht für die Ewigkeit, aber auch für die Energie, die hier geteilt und mitgeteilt wird. So will es Kopatchinskajas Konzept: Alle Anwesenden sind auch Akteure. Für den Schlusschoral von Johann Sebastian Bach bekommt das Publikum Notenblätter und ist frei, ins Spiel der Camerata Bern einzustimmen.

Das Publikum erlebt einige Überraschungen. Und Gefühlsexplosionen. So unmittelbar sollte Musik immer treffen. Vor und nach der Pause bildet je ein Violinkonzert das Epizentrum. Es sind Werke mit hohem künstlerischem Anspruch. Technische Brillanz genügt nicht, um ihre seelischen Abgründe musikalisch auszuloten. Kopatchinskaja ist wie immer eine feinnervige Solistin. Mit Esprit und beherzt im Dialog mit ihren Kolleginnen und Kollegen reflektiert sie im Concerto funebre des Deutschen Karl Amadeus Hartmann (1905–1963) die Trauer, Verzweiflung und Wut, die der Komponist da verpackt hat.

Ein Stück Zeitgeschichte: Als Hartmann dreissig war, kam Hitler an die Macht. Da er mit den Nazis nichts zu tun haben wollte, zog er sich in eine Art innere Emigration in seine Musik zurück. Das Concerto funebre, das 1939 in der Schweiz zur Uraufführung kam, hört sich phasenweise an wie eine intime Seelenmusik. Nahtlos und voller markiger Kontraste gehen die Sätze dann ineinander über – und implodieren wuchtig. Kopatchinskaja und die Camerata Bern gestalten die Details mit Sorgfalt, verlieren den Blick aufs grosse Ganze aber nie. Auch Frank Martins spätes Violinkonzert «Polyptyque» (1973) überzeugt, ein Werk, das übrigens von Yehudi Menuhin in Auftrag gegeben und 1973 von ihm uraufgeführt wurde. Es bezieht sich in sechs Tableaux auf eine Bilderfolge zur Passionsgeschichte aus dem 13. Jahrhundert. Kopatchinskajas Spiel berührt durch Farbigkeit und sparsames Vibrato.

Durch die Fontanelle der Welt

Als Überraschung erlebt man, wie performativ die Stücke in den Kontext ihrer Entstehungszeit gestellt werden, ohne aber das Szenische in den Vordergrund zu rücken. Hartmanns düsterer Todesmusik geht ein hebräisches Gebet voraus, gesprochen von einem Kantor der jüdischen Gemeinde Bern. Der Epilog kommt dann von einem polnischen Priester. Zusammen mit den Werken von Guillaume de Machaut, John Zorn (Kol Nidre) und Lubos Fiser (Crux für Violine, Pauken und Glocken) steigert sich der Abend zur Besinnungsfeier für den Frieden. Auch wenn man die Worte der Patres nicht versteht, begreift man ihre Dringlichkeit. Oh Mensch, glaubt man zu hören, wann wirst du endlich Mensch!

So viel geballte Verlorenheit, Verletzung, Verzweiflung und Friedenssehnsucht, wie da in 600 Jahren Musik zum Ausdruck kommt, geht unter die Haut. So als wäre er ein Blick durch die Fontanelle der Welt.

Die Idee, den Schlusschoral in Hartmanns Violinkonzert auszukoppeln – er bezieht sich auf ein russisches Revolutionslied – erweist sich als stimmig. Die polnischen Sängerinnen in bunten Trachten überhöhen den Text mit urtümlich kehligen Stimmen. Das rührt, als ob sich Avantgarde und Mittelalter versöhnen. Und noch eine Idee überzeugt: In der Pause werden die Holzbänke im Kirchenschiff umgedreht. So sitzt man im ersten und zweiten Teil des Abends zwar immer am gleichen Platz, schaut aber einmal Richtung Orgel, das andere Mal in die gegenüberliegende Himmelsrichtung, wo Teelichter in der Apsis als Kreuz aufscheinen. Die lebendigen Lichtpunkte machen den Konzertraum zum Kraftort.

Nachspiel mit Gewinner

Ein reicher Abend voller Facetten. Und doch geht er noch in die Verlängerung – und ein grosser Teil des Publikums hat noch nicht genug und bleibt sitzen. Und auch Patricia Kopatchinskaja scheint noch nicht müde. Es gebe nie genug Neue Musik auf der Welt, sagt sie. Und lässt die Camerata Bern nochmals aufspielen. Die drei Kurzkompositionen für Streichquartett und Pauken sind Uraufführungen und dank eines Wettbewerbs zustande gekommen, den Kopatchinskaja auf Facebook als S.M.S (lies: Sound-Magical-Space) lanciert hat.

Das Publikum darf mitbestimmen, wer gewinnt. Im Rennen sind der Zürcher Daniel Hess, der Spanier Mateo Soto oder der Ungare Péter Tornyai. Der Sieger wird auf der Website der Camerata Bern veröffentlicht und darf zu einem späteren Zeitpunkt wohl auf einen grösseren Kompositionsauftrag hoffen. Die Mystik der Umarmung wirkt auch hier: Dem lang anhaltenden Applaus nach zu schliessen, werden viele dann wieder dabei sein wollen. (Der Bund)

Erstellt: 10.09.2018, 06:40 Uhr

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