Die Menschenfreundin

Friedensaktivistin Louise Schneider ist achtzig Jahre alt – und sammelt für die GSoA noch immer Unterschriften auf der Strasse. Den Ostermarsch, der am Montag zum zehnten Mal stattfindet, hat sie initiiert.

Sie ist achtzig und nimmt an Demonstrationen teil. Was daran speziell sein soll, versteht Louise Schneider nicht.

Sie ist achtzig und nimmt an Demonstrationen teil. Was daran speziell sein soll, versteht Louise Schneider nicht. Bild: Adrian Moser

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Es ist eine Frage, die Louise Schneider ungerne hört: Wie kommt es, dass eine betagte Dame noch immer an Demonstrationen geht, die regenbogenfarbene Pace-Fahne umgehängt? Mit achtzig Jahren eine Politaktivistin zu sein – was daran besonders ist, sieht Louise Schneider nicht ein. «Warum ist das speziell?», fragt sie etwas unwirsch, «nur weil ich alt bin?» Man müsse sich treu bleiben, findet Louise Schneider, und danach hat sie schon immer gehandelt. Solange die Beine sie noch trügen, werde sie sich engagieren. Und nachdem man einen ganzen Morgen geredet hat und die Zeit dennoch bei weitem nicht genügte, um dieses reiche Leben zu erfassen, meint sie: «Es ist mein Auftrag, hier auf Erden etwas zu bewegen, nicht erst im Himmel.»

Louise Schneider ist so etwas wie eine Mutterfigur für die linke Szene in Bern. Und ganz besonders für die GSoA (Gruppe für eine Schweiz ohne Armee). Als «vollamtliche GSoA-Aktivistin» wurde sie in der WOZ bezeichnet. Der Arthrose in den Beinen zum Trotz hilft Louise Schneider noch immer, am Karren zu ziehen. Wenn eine Initiative ansteht, etwa wie jüngst zur Aufhebung der Wehrpflicht, steht die Friedensaktivistin auf der Strasse und sammelt Unterschriften. Und wenn im Sekretariat in Bern die Koordinationssitzung stattfindet, dann backt sie ihren legendären Früchtekuchen. Die jungen Männer und Frauen in der GSoA – viele könnten ihre Urenkel sein – sind mehr als Gleichgesinnte. Es sind Freunde. Zu ihrem 80. Geburtstag haben ihr die GSoA-Mitstreiter versprochen: «Zum Neunzigsten schenken wir dir eine Abschaffungsinitiative.»

Hirtin des Schwarzen Blocks

Seit den 1980er-Jahren ist Louise Schneider an Demonstrationen in Bern anzutreffen, die Achtziger-Unruhen waren für sie ein einschneidendes Erlebnis. Die Polizeigewalt, die sie da gesehen hat, habe sie aufgerüttelt. Später hat sie sich bei Demos um den Schwarzen Block gekümmert und verhinderte Konfrontationen mit der Polizei. «Wenn ich zu ihnen geschaut habe, blieb es immer friedlich», sagt sie stolz. Den jungen Wütenden spricht sie ins Gewissen, die Ordnungshüter hätten nur ihren Auftrag zu erfüllen. Für Gewalt und Randale hat die Pazifistin kein Verständnis. Mit der Polizei habe sie selber nie schlechte Erfahrungen gemacht, streicht sie hervor. Aber, sagt sie, seitdem 2008 die Stadtpolizei in der Kantonspolizei aufgegangen sei, fahre die Polizei wieder einen härteren Kurs – eine Entwicklung, die Schneider mit Sorge verfolgt.

Religiöser Sozialismus

Es war auch während der Achtziger-Unruhen, als Schneider endgültig mit der SP brach, für die sie vier Jahre lang im Könizer Gemeindeparlament sass. Die starren Strukturen der Partei und die «Betonköpfe» unter den Genossen brachten sie zu diesem Entschluss. Heute ist ihr die SP zu stark in die Mitte gerutscht, «zu fest Bügelfalten», wie sie sagt.

Mit dem Kurs der Juso dagegen könnte sie sich eher anfreunden – «um dort mitzumachen, wäre ich gerne nochmals jung.» Schliesslich werde zurzeit «das Rad wieder zurückgedreht» – dem gelte es entgegenzuhalten. Die politische Heimat von Louise Schneider und ihrem Gatten ist der Religiöse Sozialismus – ein Flügel, den es bei den Sozialdemokraten nicht mehr gibt. Was noch existiert, ist die Religiös-Sozialistische Vereinigung (Resos) und die Zeitschrift «Neue Wege».Louise Schneider ist ein religiöser Mensch – und ihr politisches Engagement gründet stark ihrem Glauben und ihrem christlichen Menschenbild. Mit der Kirche hat sie ihre liebe Mühe, verbunden ist sie aber mit der kirchlichen Fachstelle Oekumene, Mission und Entwicklungszusammenarbeit (OeME). Diese Leute stünden für eine Kirche, die sich für Gerechtigkeit einsetze, für die Armen und Schwachen. Dass OeME und GSoA den Ostermarsch gemeinsam bestreiten, das ist Louise Schneiders Verdienst – und darauf ist sie ganz besonders stolz.

Am eigenen Leib erfahren

In diesem Jahr findet der Ostermarsch zum zehnten Mal statt – unter dem Motto «Stopp der wirtschaftlichen Gewalt». Und Louise Schneider wird eine Rede halten, wenn man sich am Ostermontag im Eichholz versammelt. Es ist das letzte Mal, dass die bewegte Pensionärin den Marsch mitorganisiert: Das Alter und seine lästigen Nebenerscheinungen lassen es künftig nicht mehr zu. «Aber mitlaufen werde ich ganz bestimmt weiterhin.» Solange sie die Beine noch tragen.

Es ist die Ungerechtigkeit, die sie am eigenen Leib erfahren hat, die Louise Schneider antreibt. Wenn sie heute in der Veranda ihres schmucken Einfamilienhauses am Fuss des Gurtens sitzt und auf ihr Leben zurückblickt, dann erzählt sie die Geschichte einer Frau, die sich hochgearbeitet hat, einer Frau, die letztlich ein erfülltes Berufsleben hatte. Doch das stimmt Louise Schneider nicht milde, im Gegenteil. Seitdem sie älter geworden sei, habe sie wieder mehr zu kauen am Umstand, dass sie keine höhere Ausbildung absolvieren konnte – wegen ihrer Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen. Dass sie es sich auch später nicht leisten konnte, ein Instrument zu lernen oder Gesangsstunden zu nehmen, das schmerzt sie in ihren alten Tagen wieder mehr. Gerade in den dunklen Momenten, die sie manchmal heimsuchen.

Arme Arbeiter unter Grossbauern

Louise Schneider wächst im kleinen Weiler Nessleren oberhalb von Neuenegg auf. Der Vater, ein Arbeiter bei der Wander, ein Pazifist und ein «dunkelroter Sozi». Der Vater habe sich vom Verdingbub zum Knecht zum Fabrikarbeiter hochgearbeitet – «das war schon ein Aufstieg». Ein intelligenter Mann sei er gewesen, einer, der sich vieles selbst aneignete. Die Bauern rund herum haben grosse Höfe, auf Arbeiter schauen sie hinunter und über die «Roten» haben sie eine dezidierte Meinung. Politisiert wird Louise durch die Diskussionen am Küchentisch. Dass der Vater gegen seine Überzeugung während des Zweiten Weltkriegs Militärdienst leisten muss, prägt die Friedensaktivistin nachhaltig.

Louise Schneider ist das einzige von vier Kindern, welches die Sekundarschule besuchen darf – das Geld dafür drückt schwer aufs Familienbudget. Am Stammtisch meinen die Bauern zum Vater: «Wir gehen schönen Zeiten entgegen, wenn jetzt schon die Arbeiter meinen, ihre Kinder in die Sek schicken zu müssen.»

Die Frau, die ihr das Leben rettete

Louise würde gerne ins Gymnasium gehen, würde gerne studieren. In ihrer Verzweiflung wendet sie sich an Rosa Neuenschwander, Frauenrechtlerin und die erste Berufsberaterin in Bern. «Mit dem Velo bin ich nach Bern gefahren und habe mich bis zu ihrem Büro durchgefragt.» Es sei zwar eine Schande, dass sie nicht studieren könne, aber sie könne nichts für sie tun, meint Neuenschwander, prophezeit aber: «Es werden Zeiten kommen, in denen Frauen andere Möglichkeiten haben werden.» Heute sagt Louise Schneider: «Die Frau hat mir das Leben gerettet.»

Gegen den Willen der Eltern zieht sie mit 16 Jahren von Zuhause aus und organisiert sich selbst ein Welschlandjahr. «Von da an stand ich auf eigenen Beinen.» Später macht sie die «verhasste» Bürolehre, wie es ihr Rosa Neuenschwander empfohlen hat. In Uttigen muss sie Ordnung ins Archiv der Gemeindeverwaltung bringen, die Verwaltungsaktivitäten dreier Jahrzehnte ordnen und registrieren. Erst verzweifelt sie fast ob der eintönigen Aufgabe, später merkt sie aber, was für ein Wissen und eine Kompetenz sie sich angeeignet hat – und wie viel Verantwortung sie trägt. Das Selbstvertrauen der jungen Frau wächst.

Die Herkunft, die kleben bleibt

Nach der Lehre baut sie in Bümpliz eine Filiale der städtischen Schulzahnklinik auf, engagiert sich in der Freizeit im Blaukreuz-Jugendwerk und betreut Kinder aus Trinkerfamilien. Sie entdeckt ihre soziale Ader. Mit 36 Jahren entschliesst sie sich, Sozialarbeiterin zu werden. Das Aufnahmegremium der Schule für Soziale Arbeit, ein Kreis ergrauter Herren, fragt, ob ihr Mann wisse, dass sie sich angemeldet habe. Und wer denn nun zu Hause abwasche.

Aufgenommen wird sie dennoch. Schon während der vierjährigen Ausbildung, die sie sich selber finanzierte, begann sie ein Praktikum im Inselspital und durfte bleiben. Erst 12 Jahre als Sozialarbeiterin, wo sie Patienten betreute, später als Personalberaterin. Eine Arbeit, die sie ausgefüllt habe. Und obwohl sie es «zu etwas» gebracht hat, ist sie im Herzen eine Arbeitertochter aus ärmlichen Verhältnissen geblieben. Der Pfarrer Hans Schädelin habe ihr mal gesagt: «Den ‹Goût› bringt man nicht aus den Kleidern.»

Sich für Menschen einsetzen, besonders für jene, die zu kurz kommen, das sieht Louise Schneider als Lebensaufgabe an. Die Mutter dreier Kinder nahm immer wieder Pflegekinder auf. Zu einem der Kinder, das eine schreckliche Kindheit durchleben musste, pflegt sie eine besonders intensive Beziehung – als ihr viertes Kind bezeichnet sie es. Und dann schaut sie hinunter aufs Bundeshaus und sagt: «Im Kleinen zu wirken, das war mein Feld. Nationalrätin zu werden, wäre nie meine Sache gewesen.»

VBS-Angestellte als Freunde

Louise Schneider hat zwar dezidierte politische Ansichten. Das hindert sie aber nicht daran, mit Menschen zu verkehren, die andere Meinungen haben. «Ich kann mit allen Menschen leben, nur nicht mit jenen, die Menschen verachten», sagt sie. Sie und ihr Mann haben ein offenes Haus, ständig hat man Gäste zu Besuch, unterschiedlichste Leute. Etwa jener Nachbar, mit dem sie sich besonders gut versteht und der zu einem Freund geworden ist. Der Mann arbeitet beim Verteidigungsdepartement. Und so kams, dass an ihrem achtzigsten Geburtstag GSoA-Aktivisten und VBS-Angestellte zusammen anstiessen – auf eine ganz besondere Bekannte. (Der Bund)

Erstellt: 08.04.2012, 09:14 Uhr

Ostermarsch

Der Ostermarsch beginnt am Ostermontag um 13 Uhr im Eichholz – mit einer Rede von Louise Schneider. Von dort aus gehts zum Münsterplatz, wo es um 14.30 Uhr zur Schlusskundgebung kommt. Neben Reden und Musik gibts Essen und Trinken aus dem Jura.

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