Die Lohnfrage spaltet die Reitschule

Die Besetzer der Grossen Halle sind gegen Lohnarbeit und fixe Preise. Dafür ernten sie Kritik aus dem eigenen Lager.

Die Grosse Halle ist zur Zeit von den «Wohlstandsverwarlosten» besetzt. Diese ernten aber Kritik aus den eigenen Reihen.

Die Grosse Halle ist zur Zeit von den «Wohlstandsverwarlosten» besetzt. Diese ernten aber Kritik aus den eigenen Reihen. Bild: Adrian Moser (Archiv)

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Immer am ersten Sonntag des Monats findet in der Grossen Halle ein Flohmarkt statt. Der Anlass ist beliebt und entsprechend gut besucht. Doch heute Vormittag ist nur wenig los. Am Boden in der Mitte der Halle hat ein Verkäufer diverse Motorsensen und anderes schweres Gerät ausgebreitet. Neben ihm werden Turnschuhe angeboten, an einem anderen Stand gibt es Musikanlagen und DVDs. Für einmal hat es für die Stände mehr als genug Platz. Der Grund ist folgender: Seit Mittwoch ist die Grosse Halle von Aktivisten besetzt. Der Trägerverein, welcher jeweils den Flohmarkt organisiert, hat den Anlass kurzfristig abgesagt. Viele Verkäufer sind deshalb dem Flohmi ferngeblieben.

Die rund 30 jungen Besetzerinnen und Besetzer – sie nennen sich die Wohlstandsverwahrlosten – sind der Meinung, die Grosse Halle sei zu kommerziell und zu exklusiv. Man wolle die Halle wieder den kleinen Leuten zurückgeben, sagten die Aktivisten in einem Extrablatt des «Megafons», die Zeitung der Reitschule. Konsequenterweise verzichten die Besetzer nun auch auf ein Einkassieren der sonst üblichen Standmiete. Ein Verkäufer, welcher sich auf Handyzubehör spezialisiert hat, findet das gut. Warum genau die Grosse Halle besetzt wurde weiss er nicht. Ein anderer Verkäufer äussert Verständnis für die Anliegen der Besetzer. «Ist doch gut, wenn die Jungen motiviert sind, etwas zu machen, statt nur zu konsumieren», sagt er.

An der Bar gibt es Kaffee gegen Kollekte. Man könne soviel bezahlen, «wie es einem Wert ist», sagt der junge Mann mit den akkurat geschnittenen Haaren. Lohn für seine Arbeit will er keinen. Geht es nämlich nach dem Willen der Besetzer, soll die Grosse Halle quasi entprofessionalisiert werden. Lohnarbeit schaffe nur finanzielle Abhängigkeiten und führe letztlich zu hohen Eintrittspreisen sowie einer Orientierung hin zum Konsum, sagen die «Wohlstandsverwahrlosten».

Ohne Lohn nur Kinder reicher Eltern

Für diese Haltung werden die Aktivisten aber auch heftig kritisiert – auch aus dem Umfeld der Reitschule selbst. «Bei aller Liebe: Die Argumentation der ‘Wohlstandsverwahrlosten’ hat so die eine oder andere Schwäche», schreibt beispielsweise das Reitschule-Urgestein Tom Locher auf Facebook. Locher verteidigt die Lohnarbeit in der Reitschule. Sie ermögliche es den Menschen nicht nur an den Wochenenden oder abends in der Reitschule präsent zu sein. Vor der Einführung der Lohnarbeit - so Lochers Argument - hätten sich in der Reitschule vor allem Kinder reicher Eltern, Sozialhilfeempfänger und Dealer betätigt. Wobei letztere das Projekt Reitschule anfangs 1990er Jahre fast um die Existenz gebracht hätten.

Die Erfahrung habe zudem gezeigt, dass sich Veranstaltungen, neue Beschaffungen und Renovationen auf die Dauer nicht allein durch Einnahmen aus Kollekte finanzieren liessen.

Trägerverein will Kultur nicht gratis anbieten

Mit den Besetzer ist der Trägerverein im Gespräch. Man verstehe gewisse Kritikpunkte betreffend der Programmgestaltung und Auslastung der Grossen Halle, schreibt der Trägerverein in einer Stellungnahme zur Besetzung. Man sei bereit darüber zu diskutieren und Lösungen zu finden. Aber man teile nicht die Meinung der Besetzer, dass Kultur gratis sein soll. Kulturelle Veranstaltungen hätten einen Wert, der Wertschätzung verdiene. Der Trägerverein sei bestrebt, Kultur für alle zu ermöglichen. «Und dies nicht nur auf Seiten des Konsumenten und Konsumentinnen, sondern auch auf Seite der Produzenten und Produzentinnen».

Die Stadt Bern als Eigentümerin der Räumlichkeiten hat von der Besetzung erst über die Medien erfahren. Mit dem Trägerverein Grosse Halle hat sie einen Leistungsvertrag abgeschlossen. Es liege nun an der Grossen Halle und an der Ikur zu entscheiden, wie sie mit der Situation umgehen wollen, sagte Walter Langenegger, Leiter Informationsdienst der Stadt Bern am Mittwoch gegenüber dem Lokalsender «Tele Bärn».

Neues Leitungsteam in der Grossen Halle

Die Grosse Halle und die Reitschule gehören zwar zum selben Gebäudekomplex, sind aber voneinander unabhängig. Die Grosse Halle wird von einem Trägerverein verwaltet, in der Vertreter der Stadt Bern, der Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) und Einzelpersonen sitzen. Für das Programm in der Grossen Halle war 18 Jahre lang Giorgio Andreoli zuständig. In der linken Szene ist Andreoli eine umstrittene Figur. Sein Konzept, mit einigen wenigen kommerziellen Grossanlässen kleinere Veranstaltungen quer zu subventionieren war vielen aus dem Umfeld der Reitschule einen Dorn im Auge. Vor kurzem wurde bekannt, dass Andreoli ab Mai durch eine ein neues Leitungsteam abgelöst wird. Dieses erlebt nun gerade seine Feuertaufe. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.04.2018, 10:03 Uhr

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