«Die Kinder wissen nicht mehr, wann Morgen und wann Abend ist»

Asylsuchende aus der Notunterkunft Hochfeld in Bern melden sich zu Wort, denn sie ertragen ihre Lebenssituation kaum noch. Der kantonale Migrationsdienst nimmt keine Stellung zu den Vorwürfen.

Laut Asylsuchenden in der Notunterkunft Hochfeld haben die Kinder Pausenplatz- und Spielplatzverbot.<p class='credit'>(Bild: Adrian Moser)</p>

Laut Asylsuchenden in der Notunterkunft Hochfeld haben die Kinder Pausenplatz- und Spielplatzverbot.

(Bild: Adrian Moser)

Seit der Eröffnung im Januar steht die unterirdische Asylunterkunft Hochfeld in Bern in der Kritik. Und die Situation scheint sich weiter zuzuspitzen: Keine Spielsachen für Kinder, enge Platzverhältnisse, mangelnde hygienische Versorgung, Schlafprobleme und die fehlende Tagesstruktur machen den rund 150 Asylbewerbern zu schaffen. «Die Lage für die Bewohner hat sich bis heute nicht verbessert», bestätigt GB-Stadträtin Cristina Anliker-Mansour.

So beschreiben es auch freiwillige Helferinnen, die regelmässig in der Unterkunft sind, ebenso eine Asylbewerberin und sechs Asylbewerber, die seit mehreren Monaten dort leben. Doch obwohl sich die Vorwürfe häufen, nimmt der Migrationsdienst des Kantons Bern nach wie vor keine Stellung. Nicht nur Asylbewerber und ehrenamtliche Helferinnen, auch Politiker blitzen ab.

Keine Spielsachen für die Kinder

Für Anliker-Mansour ist diese Reaktion unverständlich: «Der Migrationsdienst muss schnell handeln, um eine menschenwürdige Unterbringung der Asylsuchenden zu garantieren – auch im Hochfeld», fordert sie. Denn aus den Schilderungen der Bewohner geht hervor, dass es Schwierigkeiten gibt.

Am schlimmsten scheint es die Kinder zu treffen. Die Rede ist von circa 24 Kindern im Alter von 1 bis 15 Jahren. Zur genauen Anzahl gibt der kantonale Migrationsdienst keine Auskunft. Laut Aussagen einer Asylbewerberin und Mutter gibt es für die Kleinen weder Spielsachen noch eine kindergerechte Infrastruktur. Dazu komme, dass die Kinder nicht auf dem Pausenplatz und dem nahe gelegenen Spielplatz spielen dürften. Sie litten sie unter Schlafstörungen. «Es ist laut, der Fernseher ist die ganze Nacht eingeschaltet», sagt sie.

Mit knurrendem Magen ausharren

Die Bewegungsmelder in den Schlafzimmern sorgten dafür, dass das Licht bei jedem, der hinausgeht oder hereinkommt, einschalte und alle aufwecke, so eine ehrenamtliche Helferin. «Die Kinder wissen nicht mehr, wann Morgen und wann Abend ist.» Falls sie doch einmal schlafen und deshalb das Essen verpassen, müssen sie, laut der Frau, bis zur nächsten Mahlzeit mit knurrendem Magen ausharren.

Die GB/JA-Fraktion zeigt sich besorgt über die Situation der Kinder. «Wir sind der Meinung, dass diese Vorwürfe ernst genommen werden müssen und dass alles unternommen werden muss, diese Situation zu klären», fordern die Stadträtinnen Cristina Anliker-Mansour und Rahel Ruch in einer Interpellation.

Weder Seife noch Oropax

«Gemäss Kinderrechtskonvention ist das Wohl des Kindes bei jedem behördlichen Akt vorrangig zu berücksichtigen», sagt Muriel Trummer, Juristin beim Rechtsdienst der Flüchtlingshilfe. Dazu gehöre, dass insbesondere die primären Bedürfnisse der Kinder erfüllt werden. Neben der Ernährung, einem ausreichenden Angebot an Windeln und anderen Pflegeartikeln müsse etwa auch das Vorhandensein von Wickeltisch und Kinderwagen gewährleistet sein. Mit zunehmender Aufenthaltsdauer müsse zudem das Spielbedürfnis der Kinder befriedigt werden. «Je länger der Aufenthalt, desto mehr Beschäftigungsmöglichkeiten braucht es für Kinder, damit sie keinen Schaden nehmen», sagt Trummer.

Doch auch die Erwachsenen beschweren sich. Es gebe bei den Hauptmahlzeiten, die geliefert werden, zu kleine Portionen. Zwischenmahlzeiten gibt es nicht. Um Wasser zu trinken, müssen sie auf die Toilette gehen, da die Küche ausserhalb der Essenszeiten geschlossen wird. Auch das Schlafen fällt ihnen schwer. Bei 24 Leuten in einem Raum sei es schwierig, sich über Schlafenszeiten zu einigen, sagt einer der Männer. Dazu kommt das Schnarchen, die stickige Luft, Licht und Lärm. Oropax würden keine verteilt. Knapp sind gemäss den Schilderungen der Asylbewerber auch die Hygieneartikel. In den Toiletten gebe es nur selten Seife zum Händewaschen, über hundert Männer müssten sich einen elektrischen Rasierapparat teilen.

«Nur warten, essen und schlafen»

Doch das Allerschlimmste sei, dass sie den ganzen Tag nichts zu tun hätten, sagt ein Mann aus Syrien. «Nur warten, essen und schlafen.» Klar könnten sie kleinere Arbeiten wie Geschirrabwaschen oder Putzen übernehmen, sagt er auf Nachfrage. Dafür bekommen sie drei Franken in der Stunde. «Trotzdem», sagt er, «es ist verlorene Zeit. Du wirst faul. Möglichst unangenehm soll es für uns in der Schweiz sein», beschreibt er die Art und Weise, wie er sich behandelt fühlt.

Im Verlaufe des Gesprächs wird erzählt, dass sich eine Asylbewerberin zwei Mal das Leben nehmen wollte. «Kein Wunder», sagt einer der Männer. «Wenn sogar die Männer über die Situation in der Unterkunft weinen, was sollen dann Frauen und Kinder machen?» Ihnen gehe es nicht darum, dass die Unterkunft geschlossen werde, sind sich die Asylbewerber einig. Was sie fordern, ist die Verbesserung der Lebensbedingungen. Selber kochen möchten sie. Mit dem Sozialhilfegeld – das ihnen laut Gesetz zusteht, im Hochfeld aber nicht bar ausbezahlt wird – möchten sie einkaufen oder ein Telefonat finanzieren. Obwohl die Asylbewerber empört sind, wirken sie gefasster als die ehrenamtlich arbeitende Frau, welche sie zum Gespräch begleitet. Sie drückt ihren Unmut deutlich aus: «Da werden Menschen wie Vieh auf engstem Raum gehalten.»

Zu den zahlreichen Vorwürfen äussert sich Iris Rivas, Leiterin des kantonalen Migrationsdienstes, nur knapp: «Die im Hochfeld untergebrachten Personen können sich jederzeit direkt beim Betreuungspersonal melden, wenn sie nicht zufrieden sind oder es ihnen an irgendetwas fehlt. Das ist bestens bekannt, und die Allermeisten machen das auch so.»

Der Bund

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