Der Spagat der Einwanderer

Die Saga um Mesut Özil wirft in Deutschland Fragen über Integration, Identität und Politik im Sport auf. Die Debatte beschäftigt auch Berner mit türkischer Herkunft.

Mehmet Darga und Ahmet Tamer sind entschiedene Gegner Erdogans. Doch die Kritik an Mesut Özil finden sie etwas einseitig.

Mehmet Darga und Ahmet Tamer sind entschiedene Gegner Erdogans. Doch die Kritik an Mesut Özil finden sie etwas einseitig.

(Bild: Adrian Moser)

Calum MacKenzie@CalumMacKenzie0

Der Fall Mesut Özil erschüttert die Fussballwelt. Der Rücktritt des begabten Gelsenkircheners mit türkischen Eltern aus der deutschen Nationalmannschaft wird aber nicht nur aus sportlichen Gründen heiss diskutiert. Özils Beweggründe haben eine politische und gesellschaftliche Debatte losgelöst. Diese beschäftigt auch Bewohner des Kantons Bern, wo rund sechstausend Menschen türkischer Herkunft zu Hause sind.

Zu ihnen gehören Mehmet Darga und Ahmet Tamer. Beide sind in der Türkei aufgewachsen. Beide sind entschiedene Gegner der autokratischen Politik des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan: Tamer setzt sich als Jurist für Menschenrechte in der Türkei ein, Darga ist Kurde und am Demokratischen Gesellschaftszentrum der Kurdinnen und Kurden aktiv. Beide sind auch langjährige Mitglieder des türkisch-kurdischen Fussballclubs Medspor aus dem Berner Liebefeld.

«Eigentlich ist es ganz normal, wenn ein Secondo sich mit dem Präsidenten seines Herkunftslandes trifft», sagt Tamer. «Aber Erdogan ist nicht ein normaler Politiker. In der Türkei stecken Tausende Oppositionelle und Journalisten im Gefängnis». Mehmet Darga glaubt nicht, dass dies Özil habe entgehen können: «Er ist ein erwachsener Mann und ein Weltstar. Er wusste, was in der Türkei los ist und dass Erdogan ihn politisch benutzen würde.» Gleichzeitig sind Darga und Tamer mit der Kritik an Özil nach dem frühzeitigen WM-Aus der Deutschen nicht einverstanden. «Die ganze Mannschaft war schlecht, nicht nur er», so Darga. «Wenn die Kritik an seiner sportlichen Leistung mit seiner Herkunft verbunden wird, ist das rassistisch», sagt Tamer.

«Sportliche Frage»

«Es stehen elf Spieler auf dem Feld. Wenn sie aus der WM fliegen, ist nicht nur einer schuld», sagt Mustafa Tiryaki, Sportchef des FC Bosporus Bern. Die deutsche Nationalmannschaft sei kaum wegen eines Fotos mit dem türkischen Präsidenten ausgeschieden. Tiryaki kennt aber den Spagat, den Özil zwischen zwei Identitäten machen muss. «Ich bin auch mit zwei Kulturen aufgewachsen», sagt er. «Ich fühle mich in beiden Kulturen wohl, manchmal können mir aber beide fremd sein.» In der Türkei werde er wegen Gewohnheiten wie etwa Pünktlichkeit als Schweizer bezeichnet. In der Schweiz wiederum zeige sich seine türkische Herkunft durch seine Lebensfreude und dass er gewisse Sachen lockerer nehme als seine Mitbürger. «Ich spreche zwar Berndeutsch, aber wenn ich meinen Namen nenne, fragt man, woher ich wirklich komme.» Probleme habe er aber deswegen nie erlebt. Die Situation sei jedem bekannt, der in einer Einwandererfamilie aufwachse. «Das Gleiche haben mir auch andere Migranten erzählt.»

«Ich fühle mich in beiden Kulturen wohl, manchmal können mir aber beide fremd sein.»Mustafa Tiryaki Sportchef des FC Bosporus Bern

Tiryaki weiss nicht, ob sich Mesut Özil eher als Türke oder als Deutscher fühlt. «Das spielt auch gar keine Rolle.» Die Hauptsache sei, dass sich der Mittelfeldspieler für die deutsche Nationalmannschaft entschieden habe. «Er spielte für sie – ob gut oder schlecht, es ist eine sportliche Frage.» Tiryaki mag Multikulti-Mannschaften. «Man muss hinter den Jungs stehen, auch wenn sie verlieren.»

«Bessere Diskussion»

Bei den türkischen Präsidentschaftswahlen vor einem Monat entschied sich nicht nur in der Türkei, sondern auch in Deutschland eine Mehrheit der Stimmberechtigten für Erdogan. Während er in Deutschland 65 Prozent der Stimmen holte, waren es in der Schweiz nur 38 Prozent. «Deutsche Türken stammen oft aus Gastarbeiterfamilien», erklärt Ahmet Tamer. «In der Schweiz hingegen gibt es viele politische Flüchtlinge, Intellektuelle oder Kurden – das sind die Opfer von Erdogans Politik.»

Mehmet Darga vermutet, dass viele Erdogan-Wähler nur türkisches Fernsehen schauten. «Erdogan hat alle Medien in der Hand.» Zudem verteidigten viele aus Heimweh und Nostalgie die Regierung ihrer Heimat. «Wenn sie in der Türkei leben würden, würden sie vielleicht anders denken.»

In Deutschland stellen Politiker die Frage, ob ein Bekenntnis zum zunehmend diktatorischen Erdogan eine Aberkennung von demokratischen Werten sei. Seine schweizerischen Anhänger seien jedoch nicht ein Problem, sagt Ahmet Tamer. «Die Türken in der Schweiz sind gut integriert, auch wenn sie Erdogan wählen.» Sie deswegen anzuprangern, lohne sich nicht. «Was es braucht, ist eine bessere Diskussion über Menschenrechte in der Türkei.» Zudem müsse man westliche Politiker hinterfragen, die Erdogan unterstützen. «Die gibt es auch bei uns – die Schweiz verkauft Waffen an die Türkei.»

Der Bund

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