Der Kampf gegen die Wald-Hippies vom Bremgartenwald

Eine Gruppe Aussteiger lebt seit über einem Jahr im «Bremer». Die Burgergemeinde droht mit Anzeigen.

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Die Hunde jaulen, als sich das «Bund»-Reporterteam dem Unterschlupf im Bremgartenwald nähert. Im Dickicht ist zuerst nur eine grüne Plache sichtbar. Dann stechen gestapelte Glasflaschen ins Auge, die nicht nur Quellwasser enthalten. Man sieht den ersten Bewohner. Barfuss kniet er neben der gedeckten Feuerstelle auf dem Waldboden und pustet in die Glut. «Ich bin Tinu», stellt er sich mit freundlicher Stimme vor. Sein langes Haar ist etwas filzig und zerzaust. Kein Wunder: Seit gut einem Jahr wohnt der 45-jährige Berner in einem selbst gebauten Refugium irgendwo im «Bremer». Die Infrastruktur des Zeltlagers ist ausgeklügelt. In der «Küche» steht gar ein Gewürzregal. Pfannen, Brennholz, Nahrungsmittel und M-Budget-Tetrapacks sind fein säuberlich aufgereiht. Tannäste bedecken die Schlafzelte. Er und seine vier Gefährten holen sich das Trinkwasser von einer nahen Quelle. «Wir campieren nicht, wir leben hier», sagt der Freigeist.

Unbewilligt Wald «besiedeln» ist illegal

Gar nicht begeistert über die Aussteiger-Clique ist Stefan Flückiger, Forstmeister der Burgergemeinde Bern, welcher der Wald gehört. «Wir können diese illegale Siedlung nicht tolerieren.» In seinem Büro breitet er eine Karte des Bremgartenwalds aus. Darauf sind 15 «unrechtmässige Nutzungen» markiert, darunter eine Wald-Sauna und drei Zeltlager. «Die Leute versuchen den Wald zu besiedeln und zu zivilisieren. Ohne Bewilligung erlaubt das das Waldgesetz nicht. Wenn nötig, zeigen wir die Bewohner an.» Flückiger stellt sich auf ein langes rechtliches Verfahren ein.

Doch schon sein Vorgänger, Oberförster Franz Weibel, hat sich vor vier Jahren an Wald-Dauercampierern die Zähne ausgebissen. 2012 stellten Randständige vor ihrem Zeltlager Schilder mit der Aufschrift «Verpisst euch» auf und belästigten Passanten, zudem liessen sie 700 Kilogramm Abfall im Wald liegen. Sogar das Schweizer Fernsehen berichtete darüber. Wegen offener Rechtsfragen habe man die Waldbewohner nicht ohne weiteres aus dem Wald weisen können, sagt Flückiger. Nun aber nimmt die Burgergemeinde einen neuen Anlauf: So liess sie vorsorglich schon einmal die Personalien der Waldbewohner durch die Polizei aufnehmen. Ein Streitpunkt ist die Notdurft. Einen Steinwurf vom Zeltlager entfernt liegen Fäkalien und gebrauchtes Toilettenpapier auf dem Waldboden. «Sie ‹machen› in Wurzellöcher», stellt Flückiger fest. Ebenso stören ihn die freilaufenden Vierbeiner. «Hunde sind im Wald wie Wölfe. Sie reissen zwar keine Rehe, hetzen aber die Tiere durch den Forst.» Er findet aber auch lobende Worte für die Waldbewohner: «Sie entsorgen ihren Kehricht vorbildlich.»

Mit dem Wald verwachsen

Tinu kann den Ärger nicht so recht nachvollziehen. «Wir stören hier niemanden.» Im Gegenteil: Leute, die häufig im Wald unterwegs seien, hätten ihnen schon Geschenke gebracht. Natürlich weiss die Gruppe, dass die Burgergemeinde als Waldbesitzerin sie lieber heute als morgen weghaben möchte. «Dabei steht in der Bundesverfassung, dass man sich überall niederlassen darf», sagt Tinu. Inzwischen hat sich der 23-jährige Wythold ans Feuer gesetzt. Er scheint mit dem Wald verwachsen zu sein. Seine Rasta-Frisur hat er mit einem Ast hochgesteckt. An seinem Gurt hängt eine kleine Machete. Mit seinen Bandagen an den Beinen ist der Vollbärtige gekleidet wie im Mittelalter. Dann gesellen sich Alain, Mättu und Grinchi dazu, der aus Deutschland stammt. Ausser Tinu sind alle um die 20 Jahre jung.

Leben mit ganz wenig Geld

Was treibt die Männer an, sich selbst im Winter eisige Nächte im Forst um die Ohren zu schlagen? Er sei im Wald gross geworden und fühle sich in der Natur einfach wohl, sagt Tinu, der bis 2015 ganz normal in einer Wohnung lebte und auch arbeitete. «Ich habe keine Lust mehr auf unser System mit all seinen Zwängen. Wir sind der lebende Beweis, dass man mit einem absoluten Minimum an Einnahmen durchs Leben kommt.» Sozialhilfe beziehen sie keine. Während des Tages musiziert Wythold regelmässig in der Innenstadt, um etwas Geld zu verdienen. «Ich mache ab und zu Hunde-Sitting oder verkaufe Schnitzereien.» Damit kaufen sie Essen, «Gras» und Tabak. «Mehr brauchen wir nicht», sagt Tinu. Die Wald-Hippies vom Bremgartenwald leben den Aussteiger-Traum auf Berner Stadtboden.

«Aussteiger, nicht Randständige»

Im Januar haben sie Besuch von Gassenarbeitern bekommen. «Sie sind gut ausgerüstet. Die robusten Männer wissen, wie man auch im Winter draussen überlebt», sagt Pinto-Leiter Silvio Flückiger. Die grösste Schwierigkeit sei, die Zelte auf dem feuchten Waldboden trocken zu halten. Flückiger sieht die Clique nicht als eigentliche Randständige an. «Sie haben sich bewusst und nicht aus der Not heraus entschieden, im Wald zu wohnen und ein Leben fernab der normalen Zwänge zu führen.» Man werde versuchen, im Konflikt mit der Burgergemeinde zu vermitteln.

Für den Forstmeister geht es um eine Grundsatzfrage. Wenn man ein Camp toleriere, spreche sich das herum. «Dann stehen plötzlich 300 Baumhütten im Wald.» Tinu zeigt sich durchaus kompromissbereit. «Gebt uns einen anderen Platz im Kanton, dann gehen wir weg.» Auch Forstmeister Flückiger ist klar: So schnell verschwinden die Lebenskünstler nicht aus dem Bremgartenwald.

(Der Bund)

Erstellt: 02.04.2016, 08:19 Uhr

Freies Betreten oder Aneignung?

Die Burgergemeinde als Waldbesitzerin will noch in diesem Monat juristische Schritte gegen die Bewohner des Zeltlagers einleiten – und zwar gleichzeitig bei der Stadt Bern, beim Regierungsstatthalteramt und beim kantonalen Forstdienst. «Vor vier Jahren haben die Ämter den schwarzen Peter herumgereicht. Das soll diesmal nicht mehr passieren», sagt Stefan Flückiger, Oberförster der Burgergemeinde Bern. Diese hat inzwischen selbst gehandelt und ein richterliches Verbot gegen «Besitzesstörung» erwirkt. Der Knackpunkt: Grundsätzlich ist in der Schweiz laut Artikel 699 des Zivilgesetzbuches das «freie Betreten von Wald und Weide» in «ortsüblichem» Umfang gestattet. «Die Nutzung der Camper geht weit über das Betretungsrecht hinaus. Das ist eine regelrechte Aneignung», sagt Flückiger dazu. Zudem gelte in der Stadt Bern ein grundsätzliches Campingverbot. Weiter unterliegen laut Waldgesetz sämtliche Bauten einer Bewilligungspflicht. Dennoch ist eine Wegweisung keineswegs so einfach, wie es scheint.
(amü)

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