«Der Jihad wird von vielen Muslimen falsch verstanden»

Der Islam sei anders, als er von vielen wahrgenommen werde, sagt Imam Abdul Wahab Tayyab. Nun will er an einem Vortrag in Bern gegen Missverständnisse ankämpfen.

«Die Gräueltaten der IS-Milizen seien nicht mit dem Glauben des Islam vereinbar»: Imam Abdul Wahab Tayyab.

«Die Gräueltaten der IS-Milizen seien nicht mit dem Glauben des Islam vereinbar»: Imam Abdul Wahab Tayyab. Bild: zvg

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«Der Islam – Bedrohung oder Quelle des Friedens?»: So ist ein Vortragsabend überschrieben, der morgen Dienstag im Berner Quartierzentrum Wylerhuus stattfinden wird. Referent ist Abdul Wahab Tayyab, Imam der Ahmadiyya Muslim Jamaat Kanton Bern und Solothurn. Der Vortrag ist keine Reaktion auf die Ereignisse in Paris. Der gleiche Vortrag ist in anderen Regionen der Schweiz schon mehrmals gehalten worden.

Trotzdem: Nach dem 13. November dürfte der Islam bei vielen Menschen eher als Bedrohung wahrgenommen werden und nicht unbedingt als Quelle des Friedens. Was will Abdul Wahab Tayyab seinen Zuhörerinnen und Zuhörern dazu sagen? Dieser erklärt auf Anfrage, diese Widersprüchlichkeit gehöre zum Kernthema seines Vortrags. Die Anschläge in Paris seien eine «unentschuldbare Barbarei». Wer im Namen des Islam Gewalt anwende, sei «völlig irregeleitet».

Auch die «Gräueltaten» der IS-Milizen seien nicht mit dem Glauben des Islam vereinbar. Der Islamische Staat missbrauche den Islam zu politischen Zwecken, um Macht zu erringen. Imam Abdul Wahab Tayyab sagt, für Jugendliche, die von den Ideen des Islamischen Staats verblendet seien, wäre es deshalb wichtig, den Koran auch wirklich zu studieren. Dieser lehne Gewalt ab, und darin heisse es deutlich, es gebe «keinen Zwang im Glauben».

Kampf gegen eigene Schwächen

Der 25-jährige Tayyab, der im solothurnischen Zuchwil lebt, sagt denn auch, «das Konzept des Jihad wird von vielen Muslimen falsch verstanden» – als Heiliger Krieg, der dazu ermächtige, Ungläubige zu töten. Dieses Missverständnis sei aus seiner Sicht ein Grund dafür, warum viele Jugendliche sich radikalisieren liessen. Und weil solche Jugendliche auch eine Gefahr für die Schweiz darstellten, sei es wichtig – zum Beispiel mithilfe von Vorträgen – das Konzept «richtigzustellen».

Tayyab sagt, «Jihad» bedeute wörtlich übersetzt, «hart arbeiten, streben». Dabei gehe es «in erster Linie um den Kampf gegen die eigenen Schwächen». Jihad beinhalte in der Tat ein Recht auf Selbstverteidigung. Es sei aber nicht bloss der Islam zu verteidigen, es gelte auch dann aufzustehen, wenn andere Religionen unterdrückt würden.

Die Einladung zum Vortragsabend war bereits mehrere Tage vor den Anschlägen auf der Redaktion eingegangen. Im Begleitschreiben ist die Rede von einer «schwierigen Zeit voller Unsicherheiten und Ängste». «Gewisse muslimische Organisationen» brächten mit Gräueltaten im Namen der Religion den Islam in Verruf. Dadurch entstehe ein Bild dieser Religion, welches von Terror geprägt werde. Im Gegensatz zu diesem Bild stehe die «eigentliche friedliebende und tolerante Lehre des Islam».

Einerseits werde dem Islam mit Ängsten begegnet, heisst es im Einladungsschreiben weiter. «Islamophobe Tendenzen scheinen bereits in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein.» Andererseits werde die momentane Situation von «gewissen Muslimen» ausgenutzt, um beispielsweise Jugendliche zu radikalisieren. Eine solche Entwicklung berge die Gefahr, «dass die Gesellschaft gespalten und der Frieden gestört wird». Es sei deshalb «äusserst wichtig, etwas dagegen zu unternehmen». Um den Frieden zu wahren, müsse sowohl die muslimische als auch die nicht muslimische Bevölkerung mit Informationen versorgt werden.

Information: Vortragsabend im Quartierzentrum Wylerhuus, Wylerringstrasse 60 in Bern, Dienstag, 24. November 19 bis 22 Uhr. Der Eintritt ist gratis. (Der Bund)

Erstellt: 23.11.2015, 08:57 Uhr

Islam

Reformbewegung

Die Gemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat versteht sich als islamische Reformgemeinde. Es handelt sich um eine Minderheit, die bei anderen muslimischen Gemeinschaften im Kanton Bern nur wenig bekannt zu sein scheint, wie Nachfragen dort ergeben haben. Nach eigenen Angaben zählt sie in der Schweiz rund 900 Mitglieder. Gegründet worden war die Gemeinschaft 1889 vom Inder Mirza Ghulam Ahmad. Aktiv in der Schweiz ist sie seit 1946. Ihr gehört die Mahmud Moschee in Zürich, eine der wenigen Moscheen in der Schweiz, die ein Minarett hat. Der Gründer der Ahmadiyya-Bewegung wird von den Anhängern als Messias des Islam betrachtet. Seine Aufgabe bestand nicht darin, eine neue Religion zu gründen, sondern «den Islam in seiner ursprünglichen friedlichen Form wieder zu beleben und die Muslime zu reformieren», wie es auf dem Flugblatt zum Vortrag heisst. (db)

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