Der Erfolg der Feckerchilbi motiviert die Roma

Für viele Jenische und Sinti brachte die Feckerchilbi 2016 die grosse Erleichterung: Sie sind nicht länger eine «namenlose» Minderheit.

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Marc Lettau

Die Stimmung war friedlich und anregend. Anderseits: Messerschleifer Birchler hatte nicht übermässig viel zu tun. Auch vom «Sinti con Carne» blieben etliche Portionen übrig. Und der Run auf Korbwaren hielt sich bis am Schluss in Grenzen.

Kurz: Die am Sonntag in Bern zu Ende gegangene Feckerchilbi 2016 wird womöglich nicht als Jahrmarkt der gewaltigen Umsätze in Erinnerung bleiben, wohl aber als Moment der grossen Umwälzung: In ihrer Schlussbilanz machten die Vertreter der Jenischen und der Sinti klar, die Zusage von Bundesrat Alain Berset, Jenische und Sinti künftig als solche zu benennen und sie nicht mehr unter dem diffusen Begriff Fahrende zu subsumieren, sei als «grosser Durchbruch» zu verstehen. Laut Daniel Huber, dem Präsident der Radgenossenschaft der Landstrasse, sind die Jenischen damit endlich «ein Volk mit Namen».

Aufbruchstimmung bei den Sinti

Wie behördliche Anerkennung auf das Selbstverständnis wirkt, demonstrierte am Wochenende die zahlenmässig kleinere Gruppe der in der Schweiz verwurzelten Sinti: Jetzt gewissermassen amtlich als Sinti anerkannt, wollen sie mehr Gesicht zeigen und selbstbewusster auftreten. Die Feckerchilbi in Bern wurde deshalb zugleich zur Geburtsstunde der neuen Organisation «Sinti Schweiz», die vom Sinto Fino Winter präsidiert wird. Winter verbringt den Winter stets auf dem Standplatz Bern-Buech. Im Sommer ist er häufig auf Achse.

Anerkennung weckt Hoffnungen

Gerade die Einschliessung der in der Schweiz stark mit den Jenischen verflochtenen Sinti durch Bundesrat Alain Berset dürfte den Blick auf die in der Schweiz verwurzelten Minderheiten nachhaltig verändern. Auch wenn sie sich gerne von den Roma abgrenzen, sind die Sinti doch eine Untergruppe der facettenreichen, europäischen Romafamilie.

Sie erinnern also daran, dass sich erste Romagemeinschaften bereits in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts in der Schweiz niedergelassen hatten. Wenig verwunderlich, weckt nun Alain Bersets Anerkennung der Romanes sprechenden Sinti neue Hoffnungen bei den Interessengemeinschaften der schweizerischen Roma.

Folgt der «logische Schritt»?

Er freue sich ausserordentlich über die Anerkennung der Jenischen und der Sinti, sagt etwa Kemal Sadulov von der Organisation Romano Dialog. Sozialpädagoge Sadulov unterstreicht aber auch, was er daraus folgert: «Wir erachten es als sehr bemerkenswert, dass erstmals eine Romanes sprechende Gruppe als nationale Minderheit der Schweiz Anerkennung findet.» Doch es gebe weitere in der Schweiz verwurzelte Gruppen, die Romanes sprächen, sagt Sadulov, der sich selbst als «aufgeklärter Schweizer Rom» versteht. Seines Erachtens müsste Bersets Geste zum «logischen Schritt» führen, nicht bloss eine einzelne Romanes sprechende Gruppe anzuerkennen, sondern die hierzulande verwurzelten Roma als Ganzes als schweizerische Minorität zu betrachten.

In der Schweiz lebten rund 80'000 Schweizer Roma, schätzt Sadulov. Er zählt zu ihnen nebst den Sinti, die im Welschland als Manouches auftreten, auch die Kalderasch, die Lovara und Vertreterinnen und Vertreter weiterer Untergruppen, die zusammen die Roma bildeten. In all diesen Gruppen wachse der Wunsch, besser – respektive überhaupt – wahrgenommen zu werden.

Gesuch ist beim Bund hängig

Ihr Verlangen nach Anerkennung ist nicht erst an der Feckerchilbi 2016 erwacht: Die schweizerischen Romaorganisationen haben bereits vor anderthalb Jahren beim Bund den Antrag um Anerkennung der Roma als nationale Minderheit eingereicht. Die Antragsteller verwiesen dabei auf die bereits 600 Jahre andauernde Präsenz von Roma in der Schweiz, einen Umstand, den die Mehrheitsgesellschaft gerne ausblende: Zur Kenntnis genommen werde oft nur, dass in jüngster Vergangenheit – im Zuge der der Flüchtlingswelle aus dem ehemaligen Jugoslawien – auch Roma in der Schweiz eine neue Heimat gefunden hätten, sagt Sadulov.

Nach Bersets symbolischem Akt hofft er, «dass es nun etwas schneller weitergeht». Das ist eine Hoffnung, die auch die Gesellschaft für bedrohte Völker teilt, wie deren Kampagnenleiterin Angela Mattli auf Anfrage sagte.

Grundsätzlich auf Augenhöhe

Was sagen die Glücklichen des vergangenen Wochenendes, Jenische und Sinti, zu den Ambitionen der in der Schweiz verwurzelten Roma? Ihre Dachorganisation, die Radgenossenschaft der Landstrasse, signalisiert Wohlwollen. Sie brachte an der Feckerchilbi zum Ausdruck, sie deute Bersets Schritt als Bereitschaft, den Minderheiten im Lande ganz grundsätzlich auf Augenhöhe zu begegnen.

Bei einer Fraktion jener jungen fahrenden Jenischen, die 2014 mit der Besetzung der Kleinen Allmend vieles in Bewegung gebracht hatten, weckte allerdings bereits die Einschliessung der Sinti Vorbehalte. Szenekenner schreiben dies der Platznot zu: Der Mangel an Plätzen führe auch zu übermässigen Abgrenzungswünschen.

Der Bund

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