«Der ‹Chindertroum› ist meine Lebensaufgabe»

Die 40-jährige Pädagogin Andrea Wolfensberger betreut Vorschulkinder im Steinhölzli in einem aussergewöhnlichen Ambiente: Im Wald.

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Naomi Jones

Computer und Fernseher: Dagegen hat Andrea Wolfensberger grundsätzlich nichts: «Das gehört zu unserer Gesellschaft.» Doch Kinder brauchen nach Ansicht der 40-jährigen Pädagogin unbedingt noch etwas anderes: fantasievolle Spiele in der Natur, bei denen alle ihre Sinne gefordert werden.

Und das, findet Wolfensberger, lasse sich in einem Wald besonders gut verwirklichen. Darum baute die Mutter von zwei inzwischen halbwüchsigen Söhne vor 13 Jahren auf dem Spielplatz Steinhölzli im Liebefeld eine Waldspielgruppe auf. Für die Kindergärtnerin, die zuvor in Zürich gearbeitet hatte, ergab sich daraus auch die Möglichkeit, ihr Kind nicht in eine Fremdbetreuung geben zu müssen, sondern an den Arbeitsplatz mitzunehmen.

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Anfänglich war das Angebot als Hütedienst gedacht, doch bald zeigte sich, dass eine regelmässige Betreuung eher gefragt war. Das Projekt nannte und nennt sich bis heute «Chindertroum». Es soll ein Traum sein für die betreuten Kinder, sagt Wolfensberger und: «Der ‹Chindertroum› ist meine Lebensaufgabe.»

Mit einem Teilpensum hat sie bisher zusätzlich auch noch in einem «normalen» Kindergarten gearbeitet, doch diese Stelle hat sie auf Ende des vergangenen Schuljahrs gekündigt, denn sie hat weitere Pläne. Ebenfalls im Steinhölzliwald will sie eine Waldkita einrichten. Noch fehlt die behördliche Bewilligung für diese Kindertagesstätte, diese wird für den Herbst erwartet. Auch die Kita-Kinder sollen die Zeit im Wald verbringen, und dies nicht nur bei guter Witterung. Es sei bisher selten vorgekommen, dass sie mit den Kindern ins Naturhistorische Museum oder in den «Chinderchübu» gefahren sei: Normalerweise seien sie im Wald.

Das sei kein Problem, auch nicht bei Kälte, sagt Wolfensberger, «man muss sich nur richtig anziehen». Wer nach dem Vorbild einer Zwiebel die Kleider in mehreren Schichten trage, friere nicht. «Es sind oft die Eltern, die sich viel zu viel Sorgen machen.» Es gehöre ihrer Meinung nach dazu, dass Kinder beim Spielen so richtig dreckig würden. «Wenn sie das nie tun dürfen, fehlt ihnen etwas.»

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Ausgeklügeltes Spielzeug brauchten Kinder nicht unbedingt, sie spielten mit Steinen, Stecken oder mit Moos – und ihrer Fantasie. Kürzlich hätten sie mit grossen Ästen ein Zelt konstruiert, ein Tipi: «Als es fertig war, wurde es für die Kinder zu einem Auto, in das sie sich hineinsetzten und umherfuhren.»

Unterwegs ist die ursprünglich als Bauzeichnerin ausgebildete Wolfensberger auch mit einem neuen Projekt beim Spielplatz Steinhölzli. In einem umgebauten Bauwagen beim Buswartehäuschen möchte sie einen Treffpunkt mit Take-away einrichten. Im Quartier sei der Wunsch formuliert worden, dort einen Ort zu haben, wo sich Eltern ungezwungen treffen und auch Neuzuzüger erste Kontakte knüpfen können.

Ihr mache es grosse Freude, so etwas zu verwirklichen, denn das sei auch ihr lange gehegter Wunsch. Inzwischen hat sie das Gesuch für die Umgestaltung des kleinen Gebäudes eingereicht. Sie hofft, dass es bewilligt wird. Aus den bisherigen Kontakten zu den zuständigen Stellen hat sie den Eindruck gewonnen, dass man diesem Projekt wohlgesonnen ist, obwohl es etwas aus dem Rahmen fällt.

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Getränke und Essen für die Gäste sollen, so der Plan, in dem umgebauten Bauwagen zubereitet werden. Dieser hängt an einer blauen «Lokomotive», ebenfalls ein alter Bauwagen. Dass daraus ein originelles Loki-Gefährt geworden ist, verdankt Wolfensberger der Hilfe der Stadtnomaden.

Per Zufall habe sie diese in Bern umherziehende Gruppe entdeckt, weil deren originell gestaltete Bauwagen ihre Aufmerksamkeit erregt hätten. Angehörige der Gruppe – diese ist in Bern nicht unumstritten – hätten sich sehr ins Zeug gelegt und in unzähligen Stunden diese originelle «Lokomotive» geschaffen, erzählt Wolfensberger gestenreich und mit ausdrucksstarker Mimik.

Subventionen bekomme sie derzeit nicht, sagt sie, der «Chindertroum» finanziere sich allein aus den Beiträgen der Eltern. Manche Eltern engagieren sich darüber hinaus: Ein Vater hat für sie die Webseite gestaltet. «Das hätte ich mir nie leisten können.» Die Betreuungs­beiträge der Eltern sind abgestuft: Gut verdienende Akademiker bezahlen mehr, einfache Angestellte weniger. «Es ist mir wichtig, dass wir einen guten Mix haben.»

Wieder Montag, Begegnungen mit Menschen www.montag.derbund.ch

Der Bund

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