Der Berner Biber hat schon jetzt Weihnachten

Dank fürsorglichen Aarebootsleuten geniesst der Biber, der in einer Ecke des Marzilibads wohnt, schon jetzt ein festliches Bankett. Sogar ein Weihnachtsbaum steht vor seinem Bau.

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Calum MacKenzie@CalumMacKenzie0

Hansruedi Petri holt eine Einkaufstasche aus seinem Auto hervor. Darin liegen allerlei ungewaschene Rüben, die ihm als Tierfutter dienen. «Heute kriegt er auch einen Apfel», sagt Petri. «Das gibts aber nicht so oft, die verursachen nämlich Karies.» Der umsorgte Zögling des rüstigen Mittsiebzigers ist aber kein Haustier. Petri kümmert sich um den Marzili-Biber. Seit dem Biberausbruch beim Hochwasser im Dählhölzlipark 1999 sind beim Freibad immer wieder Gruppen der aquatischen Nager anzutreffen. Eine Zeit lang konnte man dort eine ganze Biberfamilie mit fünf Mitgliedern sichten. Momentan bewohnt nur ein Tier das brachliegende ehemalige Männerbad in einer Ecke des Marziliareals. Als «rechtes Tütschi» beschreibt ihn Sepp Berger. Dass der Biber wohlgenährt ist, sei nicht zuletzt Petri zu verdanken. Man nennt ihn auch den Biber-Vater.

Auch für Biber weihnachtets

Berger und Petri gehören zum Pontonierfahrverein der Stadt Bern. Im Sommer stehen sie mit Stachel und Ruder ausgestattet auf der Aare in ihren langen, schmalen Kähnen, welche ursprünglich als «Pontons» zum Bau von temporären Militärbrücken dienten. Für die «Pönteler», wie sie sich nennen, ist die Flussschifffahrt ein Sport. Manchmal setzen sie aber ihre Fertigkeiten für das Gemeinwohl ein. «Bei Überschwemmungen mussten wir auch schon Menschen aus dem Mattequartier evakuieren», sagt Berger.

Nun helfen sie einem anderen Uferbewohner. Der Biberbau liegt direkt neben dem Depothaus des Pontoniervereins bei der Dalmazibrücke. Seit einigen Jahren servieren sie in den Wintermonaten auf einem eigens gebauten Holzfloss Gemüse und Äste. Denn Rinde ist eine der Lieblingsspeisen der Nagetiere. Auf das Floss stellen sie auch einen festlich geschmückten Weihnachtsbaum. «Der eigenwilligste Weihnachtsschmuck für das eigenwilligste Wildtier Berns», wie die «NZZ am Sonntag» neulich schrieb. Damit sich der unberechenbare Biber nicht auch an der Tanne vergreift, steht sie in einem hohen Metallsockel.

Einmal habe der Biber trotzdem die Weihnachtsstimmung gestört. «Er hat die Beleuchtung weggerissen», erzählt Petri. Die Glühbirnen habe der Bootsmann beim Biberbau wiedergefunden. «Der wollte wohl seine Wohnung ausleuchten», lacht er. Mit dem Futterfloss wollen die «Pönteler» ihrem Nachbar durch den Winter helfen und ihn beschäftigen. Petri verteile das Futter immer in verschiedene Ecken der schwimmenden Plattform: «Damit sich der Biber ein wenig bewegt, wenn es kalt ist.» Der Nager sei laut Berger im Marzili manchmal zu Schabernack veranlagt. Er beschädige gerne Bäume im Freibad. Dazu zeigt Berger einen abgesägten Ast, der fast vollständig von kleinen Schnitzen übersät ist. Die Spuren der zwei Schneidezähne sind unverkennbar. Die «Geschenke» auf dem Floss lenkten den Biber aber ab. «Wenn er hier nachts frisst, treibt er nicht sonst wo Unfug», sagt Berger.

Biber-Wegzug in Aussicht

Unfug könnte er aber trotzdem bald an einem anderen Ort anstellen. Das alte Männerbad, wo sein Zuhause steht, wird nächstes Jahr saniert. Den Aareschwimmern, Gummibötlern und auch den «Pöntelern» soll mehr Platz am Ufer geboten werden. Einige Stadtpolitiker fordern auch einen neuen Biberbau, damit der gern gesehene Marzili-Stammgast nicht wegziehen muss. Hansruedi Petri sieht den Sinn davon nicht. «Der Biber geht dorthin, wo es ihm passt.» Voraussehen könne man seine Handlungen nicht. «Er ist ein Luuscheib, wie ein echter Berner!»

Petri und Berger nehmen in Kauf, dass sie sich möglicherweise bald von ihrem ungewöhnlichen Nachbar verabschieden werden müssen. «Wir haben ihn noch nicht gefragt, ob er geht», scherzt Berger. Für sie muss es aber nicht ein Adieu sein. «Es hat an der Aare viele schöne Biber-Plätzchen», sagt Petri. «Wenn wir ihn mal vom Boot aus sehen, dann winken wir.»

Der Bund

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