Der Berner Bär fährt rückwärts

Unsere alten Ritter würden vor Schreck vom Pferd fallen: Der Wappen-Bär am neuen Doppelstockzug Mutz guckt in die falsche Richtung - nur will es die BLS noch nicht glauben.

«Eindeutig falsch»: Der Bär hechelt in die verkehrte Richtung.

«Eindeutig falsch»: Der Bär hechelt in die verkehrte Richtung.

(Bild: Valérie Chételat)

Dölf Barben@DoelfBarben

Es ist eine kleine Geschichte aus dem grossen Reich der Irrelevanz - und wohl gerade deshalb von besonderem Interesse. Die Geschichte handelt von den neuen Doppelstockzügen namens Mutz (Moderner, Universeller Trieb-Zug), die seit letztem Herbst auf dem BLS-Netz nadisna in Betrieb gesetzt werden. Einer der ersten Züge ist auf den Namen «Stadt Bern» getauft worden und trägt seither das Stadtwappen. Weil es ein Zug ist, der in beide Richtungen fahren kann, sind es vier Wappen. Und alle Wappen sehen gleich aus. Der Bär klettert von unten rechts nach oben links. Wie es an und für sich richtig ist - aber nicht in jedem Fall.

Um die Ausnahmen zu erkennen, braucht es aufmerksame «Bund»-Leserinnen. Der BLS sei bei ihren Mutzen ein «mittelschwerer Fauxpas» unterlaufen, schreibt uns Frau S. B. aus Bern. Der Bär laufe zwar von rechts unten nach links oben; es sei «also scheinbar alles korrekt». Werde das Wappen aber auf Fahrzeugen verwendet, müsse der Bär «immer in Fahrtrichtung schauen». Abschliessend verweist Frau B. auf Bernmobil-Busse und Polizeiautos, bei denen alles seine Richtigkeit habe.

Wappen «eindeutig falsch»

Frau B. hat vollkommen recht. Der «Bund» hat die Frage inklusive Beweisfoto einem Fachmann unterbreitet: Rolf Kälin, Chefredaktor des Schweizer Archivs für Heraldik. Und der schickt nach wenigen Minuten eine E-Mail zurück, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt: «Das Wappen auf der Bahn ist eindeutig falsch angebracht.» Dass Wappentiere auf Fahrzeugen nach vorne schauen, hänge mit der frühen Heraldik zusammen, schreibt er. Der Ritter zu Pferd habe seinen Schild als Schutzwaffe an seiner Linken getragen. Sei beispielsweise ein Löwe auf dem Schild abgebildet gewesen, «so musste dieser beim Reiten dem Feind entgegenblicken und durfte ihm keinesfalls den Rücken zudrehen - das wäre als Feigheit gedeutet worden».

Später habe es sich eingebürgert, dass auch Wappentiere auf Fahrzeugen nach vorne schauen müssen - «sie sollen die Gefahr sehen und nicht mit dem Rücken vorausgehen». Bei Fahrzeugen wie den BLS-Kompositionen, die in beide Richtungen fahren können, ist es laut Kälin richtig, dass die Wappentiere gewissermassen an beiden Zugköpfen nach vorne orientiert sind. Tatsächlich fährt dann jeweils eines der beiden Bärenpaare rückwärts. «Es bildet dann so etwas wie die Nachhut», schreibt Kälin, «und sichert nach hinten ab.»

Polizei als Paradebeispiel

Kälins Ausführungen eröffnen einen ganz neuen Blick auf die Stadt. Und siehe da. Plötzlich erkennt auch der von Heraldik Unbeleckte, was richtig und was falsch ist. Vorbildlich unterwegs sind die Fahrzeuge von Bernmobil. Die Bernerbären gucken allesamt brav nach vorn - sogar jene, die heckseitig angebracht sind. Das rührt daher, dass Trams und Busse immer nur vorwärtsfahren.

Das Paradebeispiel sind die Streifenwagen der Berner Kantonspolizei: Tatsächlich hecheln die Bären beidseits stramm geradeaus. Ebenso wie auf den Ambulanzen der Sanitätspolizei. Dort sind sie am Dachstreifen aufgeklebt und begleiten die Retter in erhöhter Position in den Einsatz. Ein Sanitätspolizist erklärt dem «Bund» stolz, sogar bei den Schulterpatten der Uniformen, die mit kleinen Bärchen versehen sind, werde darauf geachtet, dass sie in Bewegungsrichtung schauen.

An und für sich richtige Antwort

Jeder Polizist verfügt somit über zwei Sorten von Patten: links- und rechtsseitige. Auf dem kurzen Rundgang durch die Stadt stechen nun auch die Fehler ins Auge: Auf einem Fahrzeug der städtischen Strassenreinigung zum Beispiel ist einer zu entdecken. Auch die Firma Bärentaxi scheint wenig von Symbolik zu halten: Das Einzige, was beim Bären auf der Fahrertür nach vorne orientiert ist, ist sein Allerwertester.

Bleibt die Frage, wann es bei der BLS zur Umorientierung kommt. Solange vom Informationsdienst der Stadt Bern nichts Gegenteiliges zu hören sei, ändere sich nichts, heisst es bei der BLS. Man habe sich dort nämlich vorgängig extra erkundigt, wie der Berner Bär im Wappen zu stehen habe. Ein Anruf beim städtischen Infodienst bestätigt, was auf der Hand liegt: Die BLS hat sich offenbar in sehr allgemeiner Form erkundigt und an und für sich eine richtige Antwort erhalten - aber eben nur an und für sich.

Der Bund

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