Den ganzen Tag betreut

Im Stöckacker soll die erste öffentliche Stadtberner Ganztagesschule entstehen. Linke und liberale Politikerinnen sehen darin eine Chance. Gratis ist das Angebot aber nicht.

Zur Ganztagsschule gehört auch das gemeinsame Mittagessen – so wie hier in der Schule Bungertwies in der Stadt Zürich.

Zur Ganztagsschule gehört auch das gemeinsame Mittagessen – so wie hier in der Schule Bungertwies in der Stadt Zürich. Bild: Gaëtan Bally (Keystone)

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Die FDP und die GLP wagen sich ins Gärtchen der rot-grünen Parteien. Mit einem Vorstosspaket wollen Claudine Esseiva (FDP) und Marianne Schild (GLP) eine Strategie für ein umfassendes Angebot an Tagesschulen fordern. «Ziel der Strategie soll sein, dass Familien mit schulpflichtigen Kindern in der Stadt bis 2025 über ein flächendeckendes und vernetztes Angebot an Tagesschulen verfügen, das freiwillig und kostenpflichtig ist», so Esseiva. Der Zugang dazu soll einheitlicher und unbürokratischer werden. Der Gemeinderat soll zudem sicherstellen, dass es in allen Tagesschulen ein Zeitfenster gibt, in dem die Kinder ihre Aufgaben erledigen können. «Als berufstätige Mutter ist es mir ein Anliegen, dass mein Kind auch am Nachmittag betreut wird», sagt Esseiva.

Stadt plant Versuch im Stöckacker

Auch die Finanzierung der Tagesschulen und der Betreuung in den Schulferien soll gemäss der liberalen Strategie überprüft werden. «Warum können wir nicht auch dafür Betreuungsgutscheine einsetzen?», fragt Esseiva. Die Stadt habe ja bereits Erfahrung mit dem Ausstellen von Gutscheinen für Kitas und Tagesstätten.

In der Schuldirektion von Gemeinderätin Franziska Teuscher (GB) rennen FDP und GLP mit ihren Anliegen offene Türen ein: Die Stadt Bern will im Schuljahr 2018/19 einen Pilotversuch für eine Gesamttagesschule im Stöckacker in Betrieb nehmen, sagt Irene Hänsenberger, Leiterin des Berner Schulamts. Kinder vom Kindergartenalter bis zur sechsten Klasse sollen dort von acht Uhr morgens bis um 16 Uhr in Ganztagesstrukturen unterrichtet und betreut werden. Zurzeit werde ein Konzept für die Ganztagesschule Stöckacker ausgearbeitet, sagt Hänsenberger. So müsse man etwa die Räumlichkeiten organisieren und neue Stellenbeschreibungen ausarbeiten, weil Lehrpersonen in Ganztagesschulen neue Aufgaben erhielten. Bis zu vier Klassen sollen ab 2019 im Stöckacker ganztägig betreut werden. Auch im Wyssloch sei zu einem späteren Zeitpunkt eine solche Ganztagesbetreuung geplant, sagt Hänsenberger.

Zürcher Pilotversuche als Vorbild

Anstoss für den Versuch in der Stöckackerschule gab ein SP-Vorstoss aus dem Jahr 2006 – damals forderte SP-Stadträtin Corinne Mathieu einen Pilotversuch für eine unentgeltliche Ganztagesbetreuung.

Doch gratis wird die Betreuung in den Ganztagesschulen im Stöckacker nicht sein: Die Kostenpflicht entspreche den kantonalen Vorgaben, sagt Hänsenberger. In der Stadt Zürich läuft bereits ein Pilotversuch mit Ganztagesschulen an sieben Schulstandorten – das Berner Schulamt ist mit Zürich in Kontakt, um von den Erfahrungen profitieren zu können, sagt die Berner Schulamtleiterin. Gemäss der Zürcher Vision sollen bis 2025 alle Stadtzürcher Schulen als Tagesschulen geführt werden.

«Ein Generationenprojekt»

In Bern ticken die Uhren noch etwas langsamer: «Die flächendeckende Einführung von Ganztagesschulen ist sicher ein Generationenprojekt», sagt Hänsenberger. Solange die Ganztagesschulen freiwillig sein sollen, müsse es ein Nebeneinander geben. «Ein Obligatorium ist nur dann realistisch, wenn die Ganztagesbetreuung kostenlos ist. Dafür braucht es aber eine kantonale Grundlage. Das ist nicht allein eine städtische Frage», sagt Hänsenberger dazu.

SP will Obligatorium

Die rot-grünen Parteien sind von der Offensive der Bürgerlichen offensichtlich überrascht worden. SP und GB finden die Stossrichtung zwar grundsätzlich gut, haben aber Vorbehalte: «Es ist begrüssenswert, dass nun auch die Liberalen in Bildungsfragen vorwärtsmachen», sagt SP-Stadrätin Nadja Kehrli-Feldmann. Für sie persönlich gehen die Forderungen von FDP und GLP aber noch zu wenig weit. «Wir möchten eine Ganztagesschule in jedem Schulkreis», sagt Kehrli-Feldmann. Der Besuch dürfe aber nicht freiwillig, sondern müsse «gebunden» sein. Dies bedeute, dass die ganztägige Betreuung an jenen Tagen obligatorisch sei, an denen die Kinder nachmittags Unterricht hätten. Eltern, die das Angebot nicht wahrnehmen wollten, müssten für ihr Kind ein Gesuch zum Besuch einer anderen Schule im Schulkreis stellen, sagt Kehrli-Feldmann. Grundlegende Kritik am Konzept Gesamttagesschule übt Stadtrat Manuel Widmer (GFL). Aus Elternsicht sei die Forderung zwar nachvollziehbar. Aber die Auswirkungen auf die Lehrerschaft müssten zuerst geklärt werden. «Das Verständnis der Lehrerrolle verändert sich.» Die Einführung freiwilliger Ganztagesschulen müsse gut vorbereitet werden. Ein Obligatorium lehnt Widmer ab. «Da hätte ich ein ungutes Gefühl.» (Der Bund)

Erstellt: 13.05.2017, 08:18 Uhr

Tages- und Ganztagesschule

Was ist was?

Die Tagesschule bietet eine Betreuung der Kinder ausserhalb der Unterrichtszeit an. Nicht jede Berner Schule hat eine eigene Tagesschule. Das führt dazu, dass Kinder teilweise in einem anderen Schulhaus in die Tagesschule gehen. Für den Weg zu diesem Ort und für den Heimweg sind die Eltern oder Erziehungsberechtigten verantwortlich. Während der Schulferien ist die Tagesschule geschlossen.

In der Ganztagesschule werden Unterricht und Tagesbetreuung vereint. Der Unterricht wird ergänzt durch geführte Freizeitangebote. Die Teilnahme am Mittagstisch ist ein fester Teil des Schulalltags. Die Ganztagesschule wird idealerweise in einer ganzen Schule mit einem Team aus Lehr- und Betreuungspersonen geführt. Die Berner Ganztagesschule wird voraussichtlich von Montag bis Freitag von 7.30 Uhr bis 16.00 Uhr dauern. Zwischen 7.00 und 7.30 Uhr können die Kinder in der Schule eintreffen. Nach 16.00 Uhr sollen frei wählbare Zusatzmodule angeboten werden. (sie)

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