Das unterschätzte Juwel von Bern

Markus Marti hat ein in Vergessenheit geratenes Kulturgut ans Licht gebracht. Wie der «Uhreningenieur» die Geheimnisse des Zytglogge-Astrolabiums lüftete.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Für mich ist es die Perle des Zytglogge», schwärmt Markus Marti. «Das hat eine richtige Einzigartigkeit.» Der langjährige Zeitglockenrichter im Berner Uhrturm zeigt auf das Astrolabium, das mehrschichtige Zifferblatt an der in die Altstadt hinabblickenden Ostfassade. Vergleichbar sei nur die Aposteluhr des Prager Rathauses, sagt Marti. Dann grinst er. «Unsere ist aber fünf Jahre älter.»

Dieses Possessivpronomen benutzt Marti durchgehend bei der Beschreibung des Astrolabiums. Es werde von Bernern als Kulturgut unterschätzt, findet er. Er sehe oft Leute, die etwas verdutzt zum Zifferblatt hinaufblickten. Tatsächlich sind die konzentrischen Kreise, die farbigen Zahnräder und Zeiger für Uneingeweihte schwer durchschaubar. Marti will aber mit einem neuen Buch zur Aufklärung beitragen. «Das Astrolabium am Zeitglockenturm in Bern» ist im Stämpfli-Verlag erschienen und beschreibt detailliert die Technik und die Geschichte der Uhr.

Nach dem Grossbrand von Bern wurde 1405 der Zytglogge gebaut. Einige Jahre zuvor hatte die Anfertigung eines Astrolabiums für die Kathedrale in Strassburg in Mitteleuropa eine Begeisterung für sogenannte astronomische Monumentaluhren ausgelöst. Auch für den neuen Uhrturm in Bern liess man eine solche bauen. Zwei Jahrzehnte später waren die Astrolabien aus ungeklärten Gründen wieder aus der Mode geraten; von der Handvoll, die damals gebaut wurde, ist nur noch eines weitgehend im Originalzustand und in Betrieb: das Astrolabium des Berner Zytglogge.

Lange Detektivarbeit

Von der Kramgasse aus erläutert Marti die verschiedenen Funktionen der Uhr. Der ausgestreckte Finger am Ende des Sonnenzeigers deutet auf die Ortszeit: Auf der rechten Seite des Zifferblatts sind zwölf Nachmittagsstunden eingezeichnet, auf der linken zwölf Vormittagsstunden. Die am Zeiger befestigte goldene Sonne gibt durch Überlappung mit dem Tierkreis an, welches Sternzeichen aktuell ist. Eine kleine Kugel, die sich um die eigene Achse dreht, zeigt die momentane Mondphase an. «Im Mittelalter haben die Berner täglich von der Uhr Gebrauch gemacht», sagt Marti.

Erstaunlich ist, dass Marti die komplizierten Funktionsweisen des Astrolabiums selber, durch Detektivarbeit und Rätselraten, eruieren musste. Als er vor bald 40 Jahren als Zeitglockenrichter eingestellt wurde, war sehr wenig über die Uhr bekannt. «Ich sagte mir, das ist ein Juwel, da muss ich mich reinknien.»

Damals war ein grosser Teil des Zifferblatts noch mit einer Blechscheibe verdeckt, der Tierkreis war bei einer früheren Restauration falsch übermalt worden. Der Bauernkalender «Der Hinkende Bot» setzte ihn auf die richtige Spur: «Als ich darin über die Tierzeichen las, merkte ich, dass am Astrolabium etwas nicht stimmt.» Von den Erkenntnissen wollte man zunächst nichts hören. «Meine Vorgesetzten sagten mir, es dürfe ja nichts an der Uhr geändert werden.» Bei einer Renovation kamen schliesslich die von Marti vermuteten Zeichen und Symbole zum Vorschein. «Das war natürlich eine grosse Bestätigung», sagt er mit Genugtuung.

Alles hat er jedoch nicht herausgefunden. «Wer das Astrolabium gebaut hat, ist immer noch ein Mysterium.» Marti hofft aber, mit seinen Forschungen einen Grundstein gelegt zu haben. Auf das mittelalterliche Technikwunder könne man auch heute noch stolz sein. «Hoffentlich fangen noch mehr Leute an, sich dafür zu interessieren.»

Markus Marti. Das Astrolabium am Zeitglockenturm in Bern. Stämpfli-Verlag, 2017, 104 Seiten, ca. Fr. 29.–. (Der Bund)

Erstellt: 23.11.2017, 06:42 Uhr

Artikel zum Thema

Der Richter der Zytglogge-Uhr

Portrait Markus Marti ist seit 32 Jahren Richter der Berner Zytglogge. Täglich steigt er in den Turm, um das Uhr zu stellen. Mit seinem Werk «Zytglogge-Chronik» schliesst er eine Lücke in der Literatur über Bern. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...