Das letzte Tabu

Wegen des Films «Mario» ist das Thema Homosexualität im Spitzenfussball derzeit sehr präsent. Wie sieht es in der Realität aus?

Simon Weber von den Wankdorf Junxx wartet vor dem YB-Spiel gegen die Grasshoppers auf seinen Partner.

Simon Weber von den Wankdorf Junxx wartet vor dem YB-Spiel gegen die Grasshoppers auf seinen Partner. Bild: Raphael Moser

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«Goooal!» YB geht in Führung! Simon Weber küsst seinen Partner. Wie an jedem Heimspiel steht der Präsident des YB-Fanclubs für Schwule und Lesben in der Fankurve des Wankdorf-Stadions.

Weber hat die Wankdorf Junxx 2007 gegründet. Er wollte die Fans und den Verein mit dem Thema Homosexualität konfrontieren. Zu Beginn habe es positive wie negative Reaktionen gegeben. Nach kurzer Zeit seien die Bedenken aber weg gewesen. Und: «Es gibt seither keine homophoben Fangesänge mehr.»

«Die Rassismus-bekämpfung hat den Boden für Schwule geebnet.»Simon Weber

In weniger urbanen Vereinen sei jedoch mehr Zurückhaltung bei Küssen oder Händchenhalten angesagt. Einen Regenbogen zur besseren Sichtbarkeit findet Weber nicht nötig: «Wir wollen keine Sonderbehandlung, sondern Teil von Gelb-Schwarz sein.» Man verteile «gemeinsam mit Heteros» Sympathisanten-Kleber oder verkaufe T-Shirts gegen Homophobie und Rassismus. «Die Rassismusbekämpfung hat den Boden für Schwule geebnet», sagt Weber.

Homosexualität im Fussball ist derzeit ein prominentes Thema. Ein Grund ist der Film «Mario», der derzeit in den Kinos läuft. Der Regisseur Marcel Gisler sagt, er sei erstaunt gewesen, dass trotz der grossen Medienpräsenz des Themas Homophobie im Fussball bisher kein Spielfilm darüber existiere. Die Reaktion der Zuschauer auf den Film: ungläubiges Kopfschütteln darüber, dass Schwulsein im Fussball immer noch so tabuisiert ist. Von einem hochrangigen Funktionär habe Gisler 2014 erfahren, dass er von vier schwulen aktiven Fussballern in der Bundesliga wisse. Zwei von ihnen hätten eine Scheinfreundin.

Viele Berührungen unter Spielern

Die Offenheit von YB habe Gisler positiv überrascht. Auch an Podien habe er von Funktionären immer wieder gehört, dass Homosexualität überhaupt kein Problem sei und man schwule Spieler beim Coming-out unterstützen würde. «Ich denke, sie sind etwas blauäugig», sagt Gisler. Er glaubt nicht, dass das Thema sexuelle Vielfalt bei jungen Spielern ernst genommen werde.

Während seiner Recherche für den Film habe er eine U-21-Mannschaft während einer Woche begleitet. Bei dieser Gelegenheit habe er herausgefunden, dass das gemeinsame Duschen für einige der jungen Spieler ein Problem sei. Sei es wegen fehlender Aufklärung oder weil ihre Eltern aus Ländern stammten, in denen das Thema noch stärker tabuisiert sei. Die Spieler seien sich körperlich sehr nahe, beschäftigten sich ständig mit dem eigenen Körper, würden massiert. Er habe auch viele Berührungen der Spieler untereinander beobachtet. «Da braucht es vielleicht eine besonders starke Abgrenzung zur Homosexualität», sagt Gisler.

Auch Marianne Meier, die am interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung (IZFG) der Universität Bern zu Sexualität und Profi-Sport forscht, sagt, dass im Fussball Schwulsein als Defizit angesehen werde. Dies hänge mit einem befürchteten Kontrollverlust zusammen. Im Gegensatz zur Hautfarbe sei das Schwulsein nicht sichtbar und könne verunsichernd wirken. Auch das Vorurteil, dass Schwule sanft und schwach seien, erschwere die Akzeptanz im Fussball, sagt Meier.

Affengeräusche im Publikum

«Goooal!» Weber und sein Freund sind vom Dauerregen durchnässt. Sie küssen sich wieder – der Goal-Kuss hat Tradition. Meier von der Uni Bern sagt, dass rassistisch motivierte Affengeräusche aus dem Publikum heute – zu Recht – mit Bussen sanktioniert würden. Auch auf den Tribünen würde dies heute kaum mehr toleriert.

Bei Homophobie sei man noch nicht so weit. Als 2007 in der Deutschen Bundesliga Roman Weidenfeller den dunkelhäutigen Gerald Asamoah als «schwarzes Schwein» verunglimpft hatte, wurde Weidenfeller für sechs Spiele gesperrt. Nachdem Weidenfeller aussagte, dass er Asamoah als «schwule Sau» bezeichnet habe, sei die Sperre auf drei Spiele halbiert worden. Doch heute gehe man im Fussball auch härter gegen Homophobie vor, so die Forscherin. 2016 habe der Weltfussballverband Fifa erstmals Verbände wegen homophober Fangesänge sanktioniert.

Der Einzige, der sich im Schweizer Profi-Fussball bisher geoutet hat, ist der Schiedsrichter Pascal Erlachner. Seine Arbeit habe sich nach dem Coming-out letzten Dezember nicht verändert, sagt er. «Ich bin auf dem Platz immer noch der Gleiche.»

Das Einzige, worauf es ankomme, sei seine Leistung als Schiedsrichter. Ihm gehe es nicht um Präsenz in den Medien, sondern um Aufklärungsarbeit, so der Sekundarlehrer. Langsam tue sich etwas: In der Trainerausbildung werde heute neben Mobbing und Gewalt auch Toleranz thematisiert.

Dem Coming-out des aktiven Schiedsrichters misst Meier von der Uni Bern grosse Bedeutung bei, da er ein Risiko eingegangen sei. «Das kann eine Vorbildfunktion haben für andere, die zu sich stehen möchten.» Der Durchbruch wäre, wenn sich mehrere aktive Spitzenfussballer in verschiedenen Ländern gleichzeitig outen würden, sagt Meier. Dann stünde der Einzelne nicht so stark im Fokus der Medien. Eine solche Koordination sei jedoch schwierig. «Aber gerade für Jugendliche wäre das Signal wichtig, dass es egal ist, zu wem sie sich hingezogen fühlen.»

«Goooal!» YB gewinnt 3 zu 1 gegen die Grasshoppers! Gelöst verlassen Weber und sein Freund Hand in Hand zusammen mit den restlichen 25'000 Fans das Stadion. Nach 32 Jahren rückt der Titel in greifbare Nähe. (Der Bund)

Erstellt: 13.03.2018, 09:12 Uhr

«Einen Spieler, der sich outet, würden wir unterstützen»

Die Spieler seien mit dem Film-Projekt entspannt umgegangen, sagt Wanja Greuel, YB-Chef.

YB hat dem Regisseur Marcel Gisler für den Film «Mario» seinen Namen, sein Stadion und sein Trikot zur Verfügung gestellt. Warum?

Warum nicht? Wir sehen keinen Grund, warum wir das nicht hätten tun sollen. Unsere Fans bilden einen Querschnitt durch die Gesellschaft, da kann es sein, dass einige mit dem Thema Homosexualität ein Problem haben. Wir aber nicht. Die Clubführung hat das Projekt von Anfang an einstimmig unterstützt.


Wanja Greuel, CEO des BSC YB

Im Film liegt dem YB-Vorstand viel daran, dass das Schwulsein der Spieler nicht an die Öffentlichkeit gelangt. Ist diese Szene realistisch?
Ich finde, man sollte nicht alle Szenen vom Film auf die Realität übertragen. Der YB-Vorstand würde sich bei einem Coming-out anders verhalten. Man würde dem Spieler zuhören und ihn unterstützen. Ob ein Spieler seine Homosexualität für sich behalten möchte oder nicht, ist seine Privatsache. Wenn sich ein Spieler outen möchte, würden wir ihn unterstützen. Es würde natürlich viel Medienarbeit auf ihn zukommen.

Hat sich bei YB in der Vergangenheit schon mal ein Spieler geoutet?
Das ist mir nicht bekannt. Aber ich glaube nicht, dass der Marktwert eines Spielers sinken würde. Das Gegenteil könnte der Fall sein: Seine Bekanntheit würde stark zunehmen. Auf der anderen Seite ist Fussball ein internationales Geschäft, und in anderen Ländern wie Russland oder Katar ist Homosexualität ein viel grösseres Tabu als in der Schweiz.

Warum ist Homosexualität im Profi-Fussball ein derartiges Tabu?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass in den ersten Ligen niemand schwul sein soll. Warum sich keiner outet, weiss ich jedoch auch nicht. Das Coming-out des Schiedsrichters Pascal Erlachner als erster Schwuler im Profi-Fussball hat zwar grosse Wellen geschlagen. Aber eigentlich ist es für mich ein Nicht-Thema. Ich denke, ein Coming-out von einem Spieler würde ebenfalls funktionieren.

Warum geschieht es dann nicht?
Spieler geben alles für ihre Karriere und wollen ihre Konzentration nicht durch ein Coming-out gefährden. Und ich glaube auch, dass das niedrige Alter eine wichtige Rolle spielt. Das Durchschnittsalter der YB-Spieler liegt bei 23 Jahren. Ich bin jetzt 40. Da ist man gelassener, was dieses Thema angeht.

Wie reagierten denn die YB-Spieler auf das Projekt «Mario»?
Ich habe mir sagen lassen, dass sie damit sehr entspannt umgehen. Das Thema Homophobie ist neben Themen wie Rassismus und Depression auch Teil der Ausbildung beim YB-Nachwuchs. Allerdings habe ich bei Podiumsdiskussionen manchmal das Gefühl, dass von uns erwartet wird, dass sich ein Spieler outet. Aber es ist nicht unsere Aufgabe, jemanden zu drängen. Wir sind ein Fussballclub.

Glauben Sie, dass der Film etwas gegen Homophobie bewirken kann?
Ich kann sagen, was er bei mir bewirkt hat. Ehrlich gesagt, habe ich mich mit dem Thema zuvor nicht tiefgehend beschäftigt. Ich bin in einer weltoffenen Familie aufgewachsen: Ob jemand schwul ist oder schwarz oder gross oder klein, ist mir egal. Er ist ein Mensch, alles andere ist zweitrangig. Aber der Film hilft, sich besser in die Lage eines solchen Spielers hineinzuversetzen. Man versteht besser, in welchem Konflikt er wirklich steht zwischen seinen Gefühlen und den Erwartungen seiner Familie und der Öffentlichkeit.

Der Film: Liebesgeschichte zwischen Kickern

Der Nachwuchsfussballer Mario (Max Hubacher) hofft auf einen Profivertrag bei den Berner Young Boys – da kommt ihm ein anderer junger Mann dazwischen, und zwar nicht nur auf dem Rasen.

Zwischen Leon (Aaron Altaras) und Mario entspinnt sich eine Liebesgeschichte, und das ist unter angehenden Fussballprofis auch im Jahr 2018 noch ein Problem.

Manager und Verein raten zur Geheimhaltung, doch auch im Verborgenen hat es diese Liebe schwer. Gedreht hat der Schweizer Regisseur Marcel Gisler seinen Spielfilm unter anderem im Berner Stade de Suisse – und mit Unterstützung des BSC Young Boys. Der Film läuft im Berner Kino Camera. (reg)

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