Das harte Geschäft mit dem Leihvelo

Publibike verzeichnet nach dem Schlossdebakel auch finanzielle Einbussen. Trotzdem will man in drei Jahren Geld verdienen – das dürfte nicht einfach werden.

Berns Veloverleihstationen bleiben vorerst leer.

Berns Veloverleihstationen bleiben vorerst leer. Bild: Adrian Moser

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Noch ist nicht absehbar, ab wann die Leihvelos von Publibike wieder auf Berns Strassen unterwegs sein werden. Der ursprüngliche Zeitplan, die Velos bis am Wochenende nachzurüsten, erwies sich als zu optimistisch. Mit jedem Tag, an dem die Leihvelos eingebunkert darauf warten, dass ihre Schlösser aufbruchsicher gemacht werden, entgehen Publibike Einnahmen. Noch ist zwar nicht klar, wie hoch die Ausgaben für das Nachrüsten sein werden und wer sie trägt. Gravierender als diese Kosten sei aber so oder so der Ertragsausfall, weil gegenwärtig niemand Velos ausleihen kann, teilt das Unternehmen mit.

Im Sommer sagte Publibike-Chef Bruno Rohner dem «Bund» noch: «Das Ziel ist, bis in drei Jahren schwarze Zahlen zu schreiben.» An diesem Ziel hält das Unternehmen trotz der aktuellen Schwierigkeiten fest, wie es auf Anfrage heisst.

Ein Millionenverlust

Derweil bezweifeln mehrere Branchenkenner, dass die Tochtergesellschaft von Postauto mit ihrem stationären System in der Schweiz rentabel sein kann. Philip Douglas, der früher mit Velobility im Veloverleih-Geschäft tätig war, lässt etwa verlauten, damit Publibike Gewinn schreibe, brauche es Nutzerzahlen, die nie erreicht würden. Besser als mit schwarzen Zahlen kennt sich Publibike bisher mit den roten aus.

Das 2010 gegründete Unternehmen hat in den Jahren 2012 bis 2015 Verluste von insgesamt 3,8 Millionen Franken geschrieben, wie dem Untersuchungsbericht zur Postauto-Affäre zu entnehmen ist. Während Publibike 2012 noch einen geringen Überschuss ausgewiesen hatte, nahm der Verlust in den Jahren darauf stetig zu. 2015 waren es dann 2,9 Millionen. Aktuellere Zahlen gibt das Unternehmen nicht bekannt.

Eine Präsentation des Berner Gemeinderats enthält jedoch aufschlussreiche Schätzungen. Für die Einführung eines Systems mit insgesamt 1200 Leihvelos rechnete die Stadt im Jahr 2013 mit Kosten von ungefähr 5,6 bis 7 Millionen Franken. Ausgewiesen werden in der Schätzung zudem jährliche Betriebskosten in der Höhe von 2,4 bis 3 Millionen Franken für die ersten fünf Betriebsjahre.

In diesem Betrag noch nicht enthalten sind die Abschreibungen der Investitionen. Die Aufbaukosten werden in der städtischen Schätzung zwar über eine Dauer von 10 Jahren abgeschrieben. Da Publibike in Bern den Zuschlag vorerst aber nur für fünf Jahre erhalten hat, wäre es sinnvoller, die Investitionen über diese Periode abzuschreiben. Jährlich fallen damit Abschreibungen in der Höhe von 1,1 bis 1,4 Millionen an. Dazu kommen noch kalkulatorische Zinskosten.

Insgesamt hat Publibike gemäss der Schätzung in Bern demnach jährliche Kosten von 3,6 bis 4,6 Millionen Franken. Dies bei einer Flotte von 1200 Velos, wie sie in den nächsten Monaten aufgebaut werden soll.

Publibike verweist darauf, dass diese Schätzungen nichts mit «den tatsächlich anfallenden Kosten» zu tun hätten. Auch der Berner Verkehrsplaner Karl Vogel betont auf Anfrage, es handle sich um Schätzungen zu einem älteren Verleihsystem. Dennoch dürften die Zahlen der Grössenordnung nach die Realität spiegeln. Die Schätzungen beruhen auf «Erfahrungen anderer Städte», wie der Gemeinderat schreibt. Rechnet man diese Kosten für alle Schweizer Publibike-Standorte hoch, so kommt man auf aktuelle jährliche Betriebskosten in der Höhe von 6 bis 7,6 Millionen Franken.

Viele haben ein Billig-Abo

Den Kosten stehen Einnahmen gegenüber. Publibike finanziert sich grob gesagt aus drei Quellen: den Abos, den Nutzungsgebühren und dem Sponsoring. Von den Abonnenten – es sind derzeit 40'000 an der Zahl – sind die Hälfte Geschäftskunden, die ihr Abo in der Regel zu Vorzugskonditionen erhalten.

Die Stadt Bern etwa überweist Publibike für die Abos ihrer Angestellten und zusätzliche Velo­stationen total 780'000 Franken für fünf Jahre – also gut 150'000 pro Jahr. Wenn alle 3000 Angestellten der Stadt ein Abo hätten, wären das 50 Franken pro Jahr und Abo. Von Publibike ist zudem zu erfahren, dass grössere Kunden wie die Post und die SBB im Verhältnis zur Zahl der Angestellten noch weniger bezahlen als die Stadt Bern. Unter den privaten Nutzern sind die günstigen Abos Quick (ohne Grundgebühr) und Easy (50 Franken Jahresgebühr) besonders beliebt, wie Publibike mitteilt.

Damit ist das Unternehmen stark darauf angewiesen, dass die Fahrräder auch tatsächlich genutzt werden. Als die Leihvelos in Bern und Zürich noch verfügbar waren, kam Publibike schweizweit auf rund 3600 Fahrten täglich. Allerdings im Sommer. Im Herbst und Winter ist mit deutlich tieferen Nutzerzahlen zu rechnen. Übers Jahr gesehen dürfte der Tagesschnitt bei rund 2500 Fahrten liegen. Eine Fahrt dauert, so Publibike, im Schnitt 16 Minuten. Die durchschnittliche Ausleihe liegt damit in dem Zeitrahmen, der im Preis der meisten Abos inbegriffen ist.

Finanziert mit Geld der Post

Die Hauptsponsoren, Migros in Bern und die Zürcher Kantonalbank in Zürich, wollen sich nicht zum Engagement äussern. Auch nicht dazu, welchen Einfluss die temporäre Stilllegung auf das Sponsoring hat. Der Website von Publibike ist zu entnehmen, dass die Werbung auf einem Velo 500 Franken kostet; wobei die grossen Geldgeber deutlich weniger bezahlen. Bei einer Flotte von insgesamt rund 2000 Velos dürfte Publibike um die 500'000 Franken mit Werbung und Sponsoring einnehmen.

Berücksichtigen wir die aufgrund der Nutzerzahlen geschätzten Einnahmen aus Abos und Nutzungsgebühren, resultieren Erträge in der Höhe von insgesamt 4,5 bis 6 Millionen. Wir erinnern uns: Die hochgerechneten Betriebskosten betragen rund 6 bis 7,6 Millionen Franken. Unter dem Strich dürfte derzeit ein Defizit von bis zu 3 Millionen Franken bleiben. Wer finanziert das? Die Post gewährt Publibike einen Kredit zu Marktkonditionen. Wenn der Veloverleih diesen nicht zurückzahlen kann, bleibt der Verlust am Mutterkonzern hängen. (Der Bund)

Erstellt: 31.08.2018, 06:44 Uhr

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