Das grosse Schaulaufen der Lehrberufe

Morgen beginnen in Bern die zweiten Schweizer Berufsmeisterschaften. Auf dem Bernexpo-Areal wurde für den Grossanlass eine temporäre Fabrik errichtet.

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Noah Fend@noahfend

Emsiges Treiben gestern früh rund um die Bernexpo-Hallen am Guisanplatz. Stapler kurven umher, schwere Kühlcontainer werden abgeladen, auf dem Vorplatz wird eine Bühne aufgebaut. Es riecht abwechslungsweise nach Holz, Diesel und Kuhstall. Die letzten Vorbereitungen für die Schweizer Berufsmeisterschaften sind im Gang. Von morgen bis Sonntag werden diese zum zweiten Mal nach 2014 durchgeführt. Der Verein Swiss Skills zentralisiert die Meisterschaften diverser Berufsverbände und formt daraus einen Grossanlass. Rund 120 000 Besucher werden in den kommenden Tagen die Wettkämpfe verfolgen, sich über die Berufe informieren oder sie sogar ausprobieren.

Vielzahl an Berufen

In 15 Hallen werden seit Freitag Arbeitsplätze und Wettkampfarenen für 135 Berufe eingerichtet. Dabei wird kein Aufwand gescheut. Die Kühe für die Meisterschaften der Landwirte stehen seit vier Tagen auf dem Guisanplatz. «Ihr Melkrhythmus muss so angepasst werden, dass sie zu den Wettkampfzeiten Milch geben», erklärt Stefan Ulrich, Infrastruktur-Chef der Swiss Skills.

Gleich vor dem temporären Wettkampfstall werden Leitplanken montiert. Sie sollen die Zuschauer schützen beim Geschicklichkeitsfahren mit Traktoren und Lastwagen. Die Strassenbauer schütten tonnenweise Erde auf. In ihrem Zelt werden in den kommenden Tagen echte Strassenabschnitte gebaut.

Die verschiedenen Berufsgruppen haben unterschiedliche Erwartungen an ihre Ausstellungsplätze. Ulrich stellt sicher, dass überall die nötigen Wasser- und Elektroanschlüsse verfügbar sind. Da nun die Berufsverbände ihre Plätze einrichten, ist für ihn der grösste Teil der Aufbauarbeit erledigt. «Wir sind im Fahrplan», stellt Stefan Ulrich zufrieden fest. «Nun geht es noch um den Feinschliff und die Inbetriebnahme der Maschinen.»

Wie eine solche Berufsmeisterschaft konkret aussehen kann, sagt Jean-Claude Schmocker vom Berufsverband Hotel und Gastro Schweiz, der unter anderem die Koch-Meisterschaft austrägt.

«Sport» in der Küche

Die Köche müssen ein Dreigangmenü zubereiten. «Sie erhalten einen Warenkorb mit Zutaten, aus denen sie dann eine Vor-, eine Hauptspeise sowie ein Dessert kreieren», sagt Schmocker. Während der Arbeit werden sie von je zwei Experten beobachtet. Eine dreiköpfige Degustations-Jury beurteilt das Resultat und kürt dann den Sieger.

«Was die jungen Köche hier machen, ist Hochleistungssport», sagt Schmocker. Auf ihrem Platz wurde ein ganzes Mini-Hotel errichtet mit Küche, Speiseraum und Hotelzimmern. Der Verband lässt sich diese Einrichtung 600'000 Franken kosten.

In den Messehallen werden auch Infostände eingerichtet, und am Sonntag, nach den Meisterschaften, können verschiedene Berufe ausprobiert werden.

Rückgrat der Wirtschaft

Rudolf Strahm, ehemaliger SP-Nationalrat und Ex-Preisüberwacher, lobt in seiner Kolumne den grossen Aufwand der Berufsverbände und streicht deren Wichtigkeit für die Schweizer Wirtschaft heraus.

Er würdigt kleinere und mittlere Schweizer Unternehmen, die einen Grossteil der Lehrstellen zur Verfügung stellen und so das «stabilisierende Rückgrat der Schweizer Wirtschaft» bilden. «Die Schweiz funktioniert dank der Berufslehre», so Strahm weiter. Damit betont er, dass es um mehr geht als um den Wettstreit unter Berufskollegen. An den Swiss Skills wird das Erfolgsmodell der Berufslehre der Öffentlichkeit präsentiert.

Effizientes Schnuppern

Auch Tobias Roder, Berufsberater am Berufsberatungs- und Informationszentrum in Burgdorf, geht es in diesen Tagen um mehr. Roder unterstreicht die grosse Bedeutung der Swiss Skills für Jugendliche bei der Berufsfindung. «Es ist wie ein Mini-Schnuppern für vier Tage mit 135 Berufen. Das ist sehr effizient.» Die Kosten von über 16 Millionen Franken sind für Roder gerechtfertigt. «Wenn der Anlass dazu führt, 60'000 Schülern den Horizont zu erweitern, ist das gut investiertes Geld.» Müsste man sich den Einblick in all diese Berufe einzeln organisieren, wäre das kaum möglich.

Schade sei einzig, so der Berufsberater weiter, dass die Veranstaltung nicht häufiger stattfinde. «Das ist ein wenig unfair für all diejenigen, die dies in den vier Jahren dazwischen nicht in dieser Grössenordnung geboten bekommen.»

Der Bund

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