Das Zieglerspital-Experiment

Ein Bundesasylzentrum, ein Hostel, betreutes Wohnen, Künstlerateliers, Start-ups und Studierende – der Nutzermix im einstigen Berner Zieglerspital birgt Konfliktpotenzial. Der Betrieb läuft bisher aber problemlos.

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Nein, ein «Mini-Progr» wird aus dem einstigen Zieglerspital kaum werden, wie sich das der ehemalige Gemeinderat Alexandre Schmidt vorgestellt hatte. Die künstlerische Nutzung beschränkt sich zurzeit auf die hölzernen Skulpturen von Daniel Jakob, die in der einstigen Vogelvolière untergebracht sind. Die Künstlerateliers in einem Nebengebäude werden erst später bezogen.

Wer das weitläufige Areal durch den Haupteingang betritt, stösst auf das einstige Personalhaus und landet im Bistrobereich der Réception des Hostels 77, das seit Mitte September in Betrieb ist. Trotz des grauen Novembers ist die Nachfrage nach den 116 Betten offenbar gross. Aus dem einstigen Personalrestaurant des Spitals dringt laute Musik. «Wir haben gerade viele Gäste, die an der Jugendsession teilnehmen», sagt Fabienne Aebi von der Betriebsleitung. Über die dauerhafte Auslastung möchte sie sich nicht im Detail äussern. «Wir sind aber vom Ansturm überrannt worden», sagt Aebi.

Usbekische Fechter

Die Gäste des Hostels kommen nicht nur aus dem Inland, sondern auch aus fernen Ländern. «Wir hatten schon finnische Orchestermusiker, usbekische Fechter und Vertreter afrikanischer Staaten beim Weltpostverein zu Gast», sagt Aebi. Im einstigen Personalrestaurant nehmen die Gäste das Frühstück ein. Im Laufe des Tages wird das Lokal von Asylsuchenden und Mitgliedern des Vereins Ziegler-Freiwillige genutzt. An drei Nachmittagen in der Woche betreiben sie dort gemeinsam ein Begegnungscafé, das auch der Quartierbevölkerung offen steht. Das Interesse aus der Nachbarschaft ist bisher aber eher bescheiden. «Wir würden uns über mehr Besucher freuen», sagt Christoph Salzmann vom Verein Ziegler-Freiwillige. Auch der Verein selber brauchte mehr Interessenten. Nebst der Café-Gruppe betreiben die Freiwilligen auch das Nähatelier für Asylsuchende, das sich gleich neben dem Personalrestaurant befindet, sowie ein Gartenteam.

Hipster und Randständige

Hostel-Gäste und Asylsuchende kommen sich wegen der unterschiedlichen Nutzungszeiten kaum in die Quere. Auch die Dauergäste in den möblierten Zimmern der oberen Stockwerke – darunter viele Studierende – verhalten sich unauffällig. «Wir haben keine Reibungsflächen», sagt Christoph Salzmann vom Freiwilligenverein. Wie das künftig sein wird, wenn die Hipster aus den noch leeren Start-up-Büros und die Mieter von «Wohnenbern» dazukommen, ist offen. Beim Projekt für betreutes Wohnen wurden die ersten Zimmer soeben bezogen. Das Projekt als solches hat bereits experimentellen Charakter. Laut Bereichsleiter Robert Mäder wird nur die Hälfte der neunzehn Zimmer von Personen mit Betreuungsbedarf belegt. In den anderen Zimmern werden Studierende oder andere Einzelpersonen leben. «Wir arbeiten seit jeher mit durchmischten Projekten», sagt Mäder. Damit sollen die Selbstorganisation und die Kooperation der Bewohner bei alltäglichen Verrichtungen wie Putzen, Kochen oder Einkaufen verstärkt werden. Im besten Fall klappe dies derart gut, dass es kaum mehr Betreuung brauche, sagt Mäder. Zu Bürozeiten bleiben die Betreuungspersonen aber präsent. Für Notfälle in der Nacht gibt es ein Kontakttelefon.

Als nächtliche Anlaufstelle fürs ganze Gebäude fungiert der Nachtportier des Hostels. Zudem wird das Bundesasylzentrum im einstigen Bettenhochhaus von der Securitas bewacht. «Es gibt sicher Konfliktpotenzial», sagt Marc Lergier von Immobilien Stadt Bern, der die Liegenschaft verwaltet. Bisher habe es aber kaum Probleme gegeben. (Der Bund)

Erstellt: 11.11.2017, 08:14 Uhr

Bunter Nutzermix im Überblick

Hostel, möblierte Zimmer, betreutes Wohnen und Start-up-Büros befinden sich im einstigen Personalhaus des Zieglerspitals. Im rückwärtigen Teil des Gebäudes, dem einstigen Personalhaus Ost, werden dereinst Künstlerateliers vermietet. In einem Teil des Untergeschosses hat der Pétanque-Verein Boulissima soeben seine Boules-Bahnen eingerichtet. Gleich nebenan befindet sich die einstige Spitalküche. Sie hat Kapazitäten für 900 Mahlzeiten pro Tag. Der Gemeinderat plant dort die Einrichtung einer Quartierküche, in der künftig die Mahlzeiten für die Kinder des Schulkreises Mattenhof-Weissenbühl zubereitet werden sollen. Im Bettenhochhaus befindet sich das Bundesasylzentrum, das bis zu 350 Plätze anbieten kann. Das benachbarte Renferhaus wird zurzeit umgebaut, damit es ab August 2018 Platz für Medizinstudenten bietet. Alle Nutzungen sind bis 2023 befristet. (bob)

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