Das Lindendorf soll höher werden

Den Schutz von Kulturland befürworten alle. Konkrete Verdichtungsprojekte sorgen aber regelmässig für heisse Köpfe – so auch die Aufstockung eines Quartiers in Ostermundigen.

Sechs bis sieben Geschosse hoch könnten die Häuser im Lindendorf künftig sein.<p class='credit'>(Bild: Christian Pfander)</p>

Sechs bis sieben Geschosse hoch könnten die Häuser im Lindendorf künftig sein.

(Bild: Christian Pfander)

Naomi Jones

Ostermundigen hat ein Problem mit Liegenschaften, die in die Jahre gekommen sind. Die Mieten sind tief. Die Mieter verdienen oft wenig und zahlen noch weniger Steuern. Darum will Ostermundigen wachsen. Mehr Einwohner sollen mehr Einnahmen bringen. Aber zugleich will Ostermundigen die verbleibenden grünen Felder um das Dorf herum erhalten. Fast 73 Prozent der Bevölkerung stimmten dem nationalen Raumplanungsgesetz zu.

Und vor fünf Jahren verabschiedete die Gemeinde ihren Raumentwicklungswegweiser, der verdichtetes Bauen im bestehenden Siedlungsraum zur Strategie erklärt. Mit der Möglichkeit, dichter, also auch höher zu bauen, will die Gemeinde zudem die Hauseigentümer alter Liegenschaften animieren, diese zu sanieren. Die Gemeinde hofft, dass dadurch Mieter mit besserem Einkommen nach Ostermundigen ziehen. Am Donnerstagabend diskutierte das Parlament lange über ein Papier, das diesem Zweck dient: die neue Überbauungsordnung Lindendorf.

110 neue Wohnungen

Die Häuser an der Unterdorfstrasse stammen aus den frühen 1980er-Jahren. Hier wohnen viele ältere Leute und Menschen mit Migrationshintergrund. Denn die Bauten wurden zwar unterhalten, aber nie umfassend erneuert. Nun möchte die Gemeinde, dass die Überbauung saniert und gleichzeitig aufgestockt wird. So entstünden rund 110 neue Wohnungen. Bereits hat sie eine architektonische Studie machen lassen und mit den Eigentümern verhandelt. Diesen scheinen die Pläne der Gemeinde zu gefallen. Die Häuser gehören Pensionskassen und anderen Institutionen, etwa der Zuger Immobiliengesellschaft Swiss Property.

Auch der Kanton hat schon eine Vorprüfung durchgeführt. Daniel Wachter, Vorsteher des kantonalen Amts für Gemeinden und Raumordnung, nennt die Überbauungsordung Lindendorf gar ein «Musterbeispiel». Die Häuser könnten aufgestockt werden, ohne dass die Wohn- oder Aussenraumqualität gefährdet würde. Die Energiebilanz könne durch die Sanierung deutlich verbessert werden. Zudem sei das Quartier für den Verkehr bereits gut erschlossen.

Mieter wehren sich

Keine Freude haben die Mieter in den zwölf Häusern. Sie haben 126 Unterschriften gesammelt und gemeinsam Einsprache erhoben. Höhere Mieten befürchten sie, oder gar, ihre Wohnung ganz zu verlieren. So etwa der 83-jährige Willy Rüfenacht. Er wohnt mit seiner Frau seit 38 Jahren in einer Attikawohnung im Quartier und möchte hier seinen Lebensabend verbringen. Seine Wohnung würde aber der Aufstockung zum Opfer fallen. «Wir können dann abfahren», sagt er bitter. Der Missmut wird dadurch verstärkt, dass die Mieter bisher keine konkreten Informationen erhalten haben. Selbst wenn er nach der Aufstockung erneut eine der obersten Wohnungen mieten könnte, möchten sich Rüfenachts nicht zwei Umzüge zumuten.

Die Diskussion im Ostermundiger Parlament drehte sich daher Donnerstagabend um die Mieter. SP, Grüne, EVP und CVP wollten die Zustimmung zur Überbauungsordnung an ein Mitbestimmungsrecht für die Mieter knüpfen. Weiter verlangten sie, dass ein Teil der Wohnungen nach der Sanierung gleich viel kosten müsse wie vorher. Die Vorschläge hatten bei der Abstimmung keine Chance. Das Parlament bewilligte die Überbauungsordung ohne Bedingungen. Die Mieter könnten nun noch das Referendum ergreifen.

Heidi Haag vom Verband für Raumplanung Espace Suisse versteht die Mieter. «Es tut weh, nach 38 Jahren die Wohnung zu verlieren.» Erfahrungsgemäss würden die Wohnungen teurer. Das liege aber nicht an der Aufstockung, sondern daran, dass die Wohnungen saniert werden müssten. Und es komme darauf an, ob der Standard der Wohnungen nach der Sanierung viel höher sei und etwa kleinere Wohnungen zu grösseren verbunden würden. Die Aufstockung könne hingegen helfen, die Mieten tiefer zu halten, weil die Eigentümer mehr Wohnungen vermieten könnten, wie Haag sagt.

Aufstockungspläne werden oft bekämpft. Im November lehnte die Münsinger Bevölkerung eine Überbauungsordnung ab, die das Aufstocken von zwei Wohnblöcken um ein Geschoss hätte ermöglichen sollen. Der Widerstand gegen solche Projekte geht aber oft von den Nachbarn aus, wie Haag aus Erfahrung weiss: «Sie befürchten mehr Schatten und Verkehr.» Wolle eine Gemeinde ihre Quartiere verdichten, müsse sie der Bevölkerung gut erklären, welchen Nutzen das auch für sie habe. Nebst den neuen Steuerzahlern hofft Ostermundigen auf eine Mehrwertabschöpfung von knapp 1,5 Millionen Franken für die Gemeindekasse.

Der Bund

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