Das E-Bike ist Mainstream geworden

In ein paar Jahren wird es in der Stadt Bern mehr E-Bikes geben als normale Velos, prognostizieren Fachleute. Das bringt Entlastung, aber auch Konflikte.

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An normalen Arbeitstagen fährt Stefan Roth aus Köniz mit dem Velo zur Arbeit. Wenn der Kinderarzt aber Pikettdienst für das Engeriedspital in der Länggasse hat, muss er innerhalb von 20 Minuten vor Ort sein. Dann setzt er sich aufs E-Bike. «Mit dem Auto schafft man die Strecke in dieser Zeit nicht», sagt er. Mit dem normalen Velo grundsätzlich schon, aber dann müsse er gleich unter die Dusche. Mit dem Stromer, der mit Tretunterstützung bis 45 Kilometer pro Stunde ausgerüstet ist, legt er den Weg in der Hälfte der Zeit zurück. Der 46-Jährige fährt seit acht Jahren Elektrobike, das erste Modell hat er mittlerweile gegen ein neueres getauscht. «Das Fahrverhalten, das Handling und die Bremsen sind viel besser geworden», sagt er.

Stefan Roth liegt im Trend. Immer mehr Leute satteln aufs Elektrobike um, sie ersetzen damit das Auto oder pendeln radelnd aus der Agglomeration statt mit dem öffentlichen Verkehr.

Ein Rekord jagt den nächsten

Die zunehmende Anzahl an E-Bikes ist auf den Strassen nicht zu übersehen und lässt Hersteller und Händler frohlocken. «Wir nehmen den Trend wahr», sagt René Walker, Leiter Kommunikation bei Thömus Veloshop. Das erfolgreiche Velounternehmen mit Sitz in Oberried hat im letzten Jahr rund 3000 Velos verkauft, weit mehr als die Hälfte davon waren Velos mit Elektromotor. Der Anteil verkaufter E-Bikes hat sich gegenüber dem Vorjahr erneut deutlich gesteigert. Und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sich dies bald ändern könnte. Bei den E-Bike-Verkäufen schweizweit jagt ein Rekord den nächsten (siehe Grafik). Die Zuwachsraten in den letzten beiden Jahre liegen im zweistelligen Prozentbereich.

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Beim Konkurrenzunternehmen Biketec in Huttwil, das mittlerweile nach Deutschland verkauft worden ist, erwartet man denn auch ein gutes Jahr. «Der Markt wird noch vier bis sechs Jahre weiterwachsen», sagt Andreas Kessler, Geschäftsführer der Biketec AG. Das Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, in diesem Jahr 52 000 Elektrovelos zu verkaufen, wobei 75 Prozent in den Export gehen, vorwiegend nach Deutschland und Holland.

«Der E-Bike-Markt wird noch vier bis sechs Jahre weiterwachsen.»Andreas Kessler, Geschäftsführer Biketec AG

Der Anteil E-Bikes nimmt so stark zu, dass man beim Verband der Schweizer Fahrradlieferanten Velosuisse davon ausgeht, dass in sieben Jahren mehr E-Bikes auf den Strassen sein werden als normale Velos. Vielleicht wird es in Bern sogar noch schneller gehen. Das zumindest glaubt René Walker von Thömus Veloshop, weil Bern hügelig ist. Doch wer kauft heute ein E-Bike? Den typischen Kunden umschreibt Walker so: Leute ab 30 Jahren, die kein Auto mehr besitzen und erkannt haben, dass man in städtischem Gebiet mit dem E-Bike schneller unterwegs ist als mit jedem anderen Verkehrsmittel. Vorbei sind die Zeiten, als Stromer und Flyer Gefährte für ältere Leute waren. «Der Kunde wird immer jünger», sagt Kessler.

«Es geht nur noch um Zentimeter»

Mit dem Boom einher geht auch die zunehmende Zahl an Unfällen. Innerhalb von vier Jahren haben sich die Unfälle mit E-Bikes im Kanton Bern verdoppelt. Die Elektrovelos mit Tretunterstützung bis 25 oder 45 Kilometer pro Stunde sind schnell unterwegs, viele Fahrer haben damit zu wenig Übung. Deshalb werden mittlerweile zahlreiche E-Bike-Kurse angeboten. Dies scheint auch nötig zu sein. Der E-Bike-Fahrer Stefan Roth teilt diese Einschätzung: «Ganz viele Leute unterschätzen die Geschwindigkeit.» Doch kritische Momente sind nicht nur auf Selbstverschulden zurückzuführen, sondern oft auch auf Autos. «Wenn der Rückspiegel am Velo vom überholenden Auto weggeklappt wird, geht es nur noch um Zentimeter», sagt Roth.

Auch wenn es nicht immer gleich zu einem Unfall kommt, gibt es unter den Verkehrsteilnehmern Stress (siehe Box). Fussgänger zucken zusammen, wenn sie von E-Bikes überholt werden, Autofahrer wiederum haben Mühe, die Geschwindigkeit von Elektrovelos richtig einzuschätzen. Wegen der engen Platzverhältnisse in der Stadt sind Mischverkehrsflächen unvermeidlich. Die schnellen E-Bikes müssen den Platz mit Autos teilen, die langsameren mit normalen Velos und Fussgängern. (Der Bund)

Erstellt: 14.04.2018, 08:03 Uhr

Konflikt Auto - Velo: TCS will keinen Kurszwang

Autofahrer und Velolenker kommen sich oft in die Quere. «In der Stadt gibt es oft gefährliche Situationen mit Velos», sagt Stefan Plüss. Er ist Leiter Verkehrssicherheit des TCS Sektion Bern, wohnt in Bern und kennt die Lage gut. Er sei sowohl als Fahrradfahrer als auch als Autofahrer unterwegs, betont Plüss.

Insbesondere bei grossen Kreuzungen sei es für die Fahrradfahrer schwierig, links abzubiegen oder die Spur zu wechseln. «Dadurch verringert sich der Verkehrsfluss», sagt Plüss. Routinierte Velofahrer hätten weniger Probleme. «Leute, die seltener mit dem Fahrrad unterwegs sind, bekunden aber oft Mühe.»

Zudem gebe es oftmals Probleme im Kreisverkehr, sagt Plüss. «Wenn der Kreisel nicht gut gestaltet ist, fahren die Autos zu schnell hinein», erklärt er. Dort habe der Velofahrer als «langsamerer Verkehrsteilnehmer das Nachsehen». Zudem wüssten viele Velofahrer immer noch nicht, dass sie im Kreisverkehr in der Mitte der Spur fahren sollten, damit sie besser sichtbar seien.

Einzig Rücksichtnahme hilft

Eine weitere Herausforderung ist die stark zunehmende Anzahl an E-Bikes (siehe Text unten links). Plüss hat dafür auch keine Patentlösung. Was am meisten wirke, sei eine «grössere Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmer».

Der Touring-Club bietet seit rund fünf Jahren selbst Elektrovelo-Kurse an. Diese kosten für Mitglieder 70 Franken und werden vom Fonds für Verkehrssicherheit unterstützt. Wäre ein obligatorischer Kurs für E-Bike-Lenker eine Lösung? «Nein», sagt Plüss, «ich bin gegen Obligatorien.» Für diejenigen, die sich nicht an die Regeln halten, bringe auch ein obligatorischer Kurs nichts.

Plüss hält nichts davon, für die schnellen E-Bikes eine eigene Spur zu machen oder sie auf die Autospur zu verbannen. Für Ersteres habe es in Bern keinen Platz, Zweiteres sei nicht zielführend. «E-Bikes sollen die Veloinfrastruktur nutzen», findet Plüss. Der Konflikt zwischen Auto- und Fahrradfahrern habe sich zwar entspannt, doch «nun kommt es vermehrt zu Konflikten im Langsamverkehr», sagt Plüss.

E-Mountainbike Höher, länger, weiter

Lange galt es als Ehrensache, aus eigener Muskelkraft einen Berg hochzufahren, mittlerweile sind aber auch E-Mountainbiker in guter Gesellschaft. «Das ist ein Megatrend, alle schreien nach E-Mountainbikes», sagt René Walker von Thömus Veloshop.

ie Unterstützung mit einem Motor erweitere den Kreis der Leute, die in den Bergen biken, sagt Andreas Kessler von Biketec. Höher, länger und weiter könne man mit den neuen E-Mountainbikes fahren. «1000 Höhenmeter sind heute kein Problem mehr.»

Auch die Reichweite von City- und Tourenvelos reichen mittlerweile rund 100 Kilometer. Trotzdem, die Batterie bleibe ein «Verschleissteil» und müsse bei regelmässigem Gebrauch alle vier bis fünf Jahre ersetzt werden.

Weil der Markt für Elektrovelos ständig wächst, entwickelt die Industrie ständig Innovationen. Bei der Firma Biketec können Kunden heuer sogar erstmals E-Bikes mit dem Antiblockiersystem ABS testen.

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