Das Brasilien jenseits der Fussballstadien

Seit 23 Jahren arbeitet Pater Josef Wasensteiner in einer der ärmsten Regionen Brasiliens. Trotz Drohungen baut er mit den Armen an einer besseren Zukunft. Der «Bund» hat ihn in Bern getroffen.

Kampf gegen Armut: Padre José alias Josef Wasensteiner.

Kampf gegen Armut: Padre José alias Josef Wasensteiner. Bild: Manu Friederich

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Am Donnerstag beginnt die Fussball-WM in Brasilien, in den Medien wird man unzählige Bilder jubelnder Fans in den Stadien sehen – und pralle Hintern am Traumstrand Copacabana. Die Bilderflut lässt etwas vergessen, dass es ein Brasilien fernab des WM-Jubels gibt, ein Land, das jetzt schon als Weltmeister sozialer Ungleichheit gehandelt wird.

Einer dieser vergessenen Orte ist die Stadt Codó. Dort arbeitet der 56-jährige Pater Wasensteiner, genannt Padre José, Pater des sozial engagierten Pallottiner-Ordens. Der gebürtige Oberbayer zog vor 23 Jahren in die 120 000 Einwohner zählende Stadt im Bundesstaat Maranhão, dem ärmsten Brasiliens. Dort leitet er gemeinsam mit fünf Patres verschiedener Nationen eine Pfarrei, die ein Gebiet etwa von der Grösse des Kantons Uri abdeckt. Padre José hat in Bern die Stiftung Cooperaxion, die mit ihm Hilfsprojekte durchführt, und hat den Bernern ein Brasilien jenseits der Fussball-WM gezeigt.

«Mein Kopf ist 800 Franken wert»

Wasensteiner spricht breites Bayrisch. «Sie wollen die Gemeinden auf dem Land schwächen, damit die Menschen in die Stadt ziehen und sie ihrerseits Soja oder Zuckerrohr anbauen können.» Sie, das sind Agro-Unternehmen, Politiker und Investoren aller Art. «Als wir in einem Dorf einen Brunnen errichten wollten, besuchte mich ein Mann und sagte mir, es warteten Gewehre auf uns, falls wir auftauchten.» Der Brunnen sei trotzdem eingerichtet worden, und niemandem sei etwas passiert. In der Region gelte das Faustrecht.

Der Beruf des Pistoleros, des Kopfgeldjägers, sei eine blühende Branche. Padre José weiss, dass man diese Gefahr nicht ignorieren sollte: «Wenn man von einem Pistolero bedroht wird, muss man das ernst nehmen. Mein Kopf ist etwa 800 Franken wert, wie ich anlässlich einer Drohung erfuhr. Es kann jeden Tag passieren, dass ich auf offener Strasse erschossen werde. Damit musste ich leben lernen.»

Land der Sklaven

Die Region hat eine blutige Geschichte. Vom 17. bis ins 19. Jahrhundert wurden rund vier Millionen Afrikaner als Sklaven nach Brasilien gebracht, die Hälfte von ihnen allein in den Nordosten. Jene, die fliehen konnten oder freigelassen wurden, flüchteten ins Landesinnere und bildeten sogenannte Quilombolas, entlegene Zufluchtsdörfer. «Die Leute werden dort bis heute von ihrem Land verdrängt» sagt Padre José. «Die Geschichte hat die Menschen geprägt. Sie haben einen Schicksalsglauben entwickelt. Früher glaubten die meisten, das Leid, das ihnen angetan wird, sei gottgewollt, egal, welchen Gott sie anbeteten. Darum vermitteln wir den Leuten, dass Gott das Leben will und Leid von Menschen verursacht wird.» Man müsse handeln. Ein «Halleluja» reiche nicht.

Wasensteiner haut auf den Tisch. «Man kann nicht das Wort Gottes lesen, ohne tatsächlich den Glauben zu leben. In meiner Studienzeit im Rheinland sagte ein Professor, man solle die Bibel in der einen, die Zeitung in der anderen Hand halten.» Deshalb ist Wasensteiner Pallottiner geworden. Der Ordensgründer Vincenzo Pallotti (1795–1850) war der Überzeugung, dass jeder Mensch ein Apostel sein und hinaus in die Welt gehen solle.

Kinder in der Drogenmafia

Nebst der pastoralen Tätigkeit – Gottesdienste oder Taufen – setzt sich Padre José für sauberes Trinkwasser ein, indem er Brunnen bauen oder Wasserfilter installieren lässt. Zum anderen bietet er Aktivitäten für Kinder an. Diese werden in der Stadt von Drogendealern abhängig gemacht und dadurch als Kriminelle rekrutiert, oft schon im Alter von zehn Jahren. Das Perfide daran: Sie sind noch strafunmündig, weshalb sie immer wieder kriminelle Taten begehen können. Für diese Kinder biete die Kirche Musikunterricht an. Man bastle mit ihnen, spiele Fussball oder betreibe Capoeira, eine Mischung aus Kampfsport und Tanz.

Brasilien fiebert wie verrückt

Was wünscht Padre José für sich – und für Brasilien? Der Pater bleibt lange still. «Ich danke auf Knien, dass ich das tun kann, was ich tue.» Er hoffe, dass der Tag komme, an dem die Leute das Leben in die Hand nehmen könnten und dies auch täten. «Ich wünsche mir, dass sie einmal nicht mehr abhängig sein werden von den Reichen.» Kann man das auch hoffen, ohne Christ zu sein? «Mir hat der Glaube geholfen, meinen Weg zu gehen, doch ist dies nicht der einzige Weg», sagt Padre José. «Wichtig ist die Gemeinschaft.» In diesem Sinne habe auch die WM ihr Gutes. «Wenn Brasilien spielt, fiebern alle wie verrückt, dann ruhen die Bauern wie die Banken.» (Der Bund)

Erstellt: 11.06.2014, 15:05 Uhr

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