Damit Mann weiss wohin

Seit Anfang Juli gibt es im Kanton Bern ein Männer- und Väterhaus. Dort finden Männer Zuflucht, die unter häuslicher Gewalt leiden. Bis jetzt wohnt nur ein Mann im Haus.

Sieglinde Lorz begleitet im Männerhaus Zwüschehalt Betroffene durch die schwere Zeit.

Sieglinde Lorz begleitet im Männerhaus Zwüschehalt Betroffene durch die schwere Zeit. Bild: Adrian Moser

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«Wenn du gehst, bringe ich mich um.» «Wenn du gehst, siehst du die Kinder nie wieder.» «Wenn du gehst, ruiniere ich dich finanziell.» Solche Drohungen bekommen Männer zu hören, die einen Ausweg suchen. Einen Ausweg aus psychischer, physischer oder sexueller Gewalt durch ihre Partnerinnen und Partner oder Angehörige. Betroffene, die es nicht mehr aushalten, finden im Männer- und Väterhaus Zwüschehalt eine Zuflucht.

Einer von ihnen ist Alain (Name von der Redaktion geändert). Es ist still im Haus. Nicht einmal das Ticken einer Uhr ist zu hören. Es ist eine Stille, wie sie Alain gesucht hat. Seit knapp einem Monat wohnt er im Männerhaus in der Stadt Bern. Er hat sich seit längerer Zeit nicht mehr mit seiner Partnerin verstanden. «Wir haben nur noch gestritten», sagt er.

Die verbalen Ausfälligkeiten haben sich auf ihren gemeinsamen Sohn ausgewirkt: Er war unruhig, schlief nicht mehr gut und war quengelig. So sahen sie nur noch eine Lösung: Abstand gewinnen. Alain wollte aber nicht, dass sein Sohn die gewohnte Umgebung verlassen muss. «Ich bin weggegangen, damit er mit seiner Mutter zu Hause bleiben kann und die Streiterei aufhört.»

«Wir nehmen Männer auf, egal ob sie Opfer oder Täter sind.»Sieglinde Lorz

Alain ist der erste und einzige Mann, der momentan im Berner Männerhaus wohnt. Seit dem 1. Juli ist es geöffnet. Begleitet wird der Gast von Sieglinde Lorz. Sie ist die Initiantin des Hauses in Bern. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, arbeitet sie als selbstständige Projektleiterin in der Informatik. Das Männer- und Väterhaus ist ihr erstes soziales Projekt. Getragen wird es von der privaten Organisation Zwüschehalt, die 2009 im Kanton Aargau das erste Männerhaus in der Schweiz gründete.

Am 1. Juli 2017 wurde von Manfred Schneeberger in Luzern ebenfalls ein Haus initiiert. Da Bern viel zentraler gelegen ist als der Aargau, hat Lorz diesen Kanton für einen neuen Standort gewählt. Sie sagt, Männerhäuser unterschieden sich von Frauenhäusern, weil die Betroffenen in der Regel weiterhin einer Arbeit nachgingen. «Deshalb war die gute Erreichbarkeit ein zentrales Kriterium.» Aus den gleichen Gründen wie bei den Frauenhäusern ist die Adresse geheim.

Rund ein Viertel männliche Opfer

In Lorz’ Augen ist Alain ein Musterfall: Er kam, bevor die Situation eskalierte. «Meistens kommen die Betroffenen erst zu uns, nachdem es zu Handgreiflichkeiten gekommen ist», sagt sie. Aus eskalierten Situationen gehe der Mann eigentlich immer als der Schuldige hervor, auch wenn beide Parteien Gewalt angewendet hätten. Denn die Frau gelte immer noch als schutzbedürftiger als der Mann. «Im Gegensatz zum Frauenhaus nehmen wir aber auch Täter auf», sagt Lorz.

Wer unschuldig sei oder bereue, was er getan habe, brauche Unterstützung. Gemäss der Polizeistatistik sind allerdings mehr Frauen Opfer von häuslicher Gewalt als Männer. Im Jahr 2016 machten Frauen 73 Prozent aller registrierten Fälle aus. Das zeigt aber auch, dass ein Viertel der Opfer männlich ist. Da sich viele nicht bei der Polizei melden, sei die Statistik nicht aussagekräftig, findet Lorz. Sie spricht von einer Dunkelziffer. «Damit sich mehr Männer melden, braucht es eine Anlaufstelle wie das Männerhaus», sagt sie.

Warum holen sich dennoch so wenig Männer Hilfe? «Zum einen ist es die Scham», sagt Lorz. Die Betroffenen haben das Gefühl, die Gewalt ertragen zu müssen. Denn in der Gesellschaft dürfe ein Mann nach wie vor kaum Schwäche zeigen. «Zum anderen braucht es viel Mut, sich der eigenen Verletzlichkeit zu stellen.» Männer erlebten vor allem psychische Gewalt.

Die meisten sähen keine Lösung darin, dass sie gehen. Stattdessen blieben sie und versuchten durchzuhalten. «Denn wenn man geht, lässt man jemanden im Stich.» Auch wenn es seltener ist, widerfährt Männern durchaus auch körperliche Gewalt. Die Anrufe, die Lorz erhält, handeln oft von Handgreiflichkeiten. «Nicht nur Männer, auch Frauen schlagen zu», sagt sie.

Eine Zwischenlösung

Wie der Name Zwüschehalt antönt, ist das Männerhaus eine Übergangslösung. Alain bleibt nur noch ein paar Tage dort, danach will er sich – zumindest vorübergehend – eine eigene Wohnung suchen. Er könnte auch länger im Haus bleiben, denn die Aufenthaltsdauer ist nicht befristet. «Wer nach einem halben Jahr noch nicht bereit ist, wird nicht vor die Tür gestellt.»

Eine Nacht kostet 35 Franken, Platz hat es für acht Personen. Die Preise sind so niedrig, weil kaum einer der Männer Geld von der Opferhilfe bekommt. Das Haus finanziert sich durch Spenden. Frauenhäuser erhalten staatliche Unterstützung – eine Ungerechtigkeit? «Es ist schade, dass uns der Kanton nicht unter die Arme greift», findet Lorz. Aber die Frauenhäuser brauchten das Geld genauso. «Vielleicht schaffen wir es auch, die Gewalt so zu reduzieren, dass es weder Männer- noch Frauenhäuser mehr braucht.»

www.zwueschehalt.ch (Der Bund)

Erstellt: 08.08.2017, 06:42 Uhr

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