Polizeiaktion in der Reitschule sorgt für Empörung

Polizisten haben am Donnerstag vor und in der Reitschule eine Aktion gegen Drogenhandel durchgeführt. Die Betreiber werfen der Polizei «unverhältnismässiges Verhalten» vor. Diese sieht das anders.

Polizisten in Vollmontur entern im Rahmen des Einsatzes am Donnerstagabend die Reitschule.

Polizisten in Vollmontur entern im Rahmen des Einsatzes am Donnerstagabend die Reitschule.

(Bild: zvg)

Martin Erdmann@M_Erdmann

M. R. (Name der Redaktion bekannt) sass gerade beim Abendessen im Restaurant Sous le Pont. Den bestellten Teller Schnitzel mit Pommes frites ass er nicht leer. «Mir ist nicht nur der Appetit vergangen, ich hatte auch mit meiner Fassung zu kämpfen», schreibt der Reitschule-Besucher in einem Brief an den «Bund». Was ist passiert? «Plötzlich herrschte Unruhe im Innenhof, es rannten Menschen herum», schildert M. R. Er dachte zuerst an Reitschule-Aktivisten, doch er lag völlig falsch. «Die Personen haben sich mit Polizei-Armbändern zu erkennen gegeben.»

Danach sei es chaotisch geworden. «Rund 15 Polizisten in voller Kampfmontur marschierten in die Reithalle.» Gleichzeitig hätten sich weitere Restaurantgäste als Zivilpolizisten zu erkennen gegeben. M. R. verfolgte das weitere Geschehen. «Polizisten wollten in die Küche eindringen. Ein Beamter zielte mit einer Pistole auf einen Reitschule-Mitarbeiter.» Seine Fragen, was hier eigentlich los sei, wurden ignoriert.

Noch in derselben Nacht meldete sich die Mediengruppe der Reitschule zu Wort. Ihre Sichtweise deckt sich mit den Schilderungen von M. R. «Wir sind bestürzt über das äusserst gewalttätige und unverhältnismässige Verhalten der Kantonspolizei», heisst es in einer Mitteilung. Das Sous-le-Pont-Personal sei zu keinem Zeitpunkt über Sinn und Zweck der Aktion informiert worden. Auf Nachfragen hätten die Beamten nur mit Beleidigungen geantwortet. Die Reitschule-Betreiber kritisieren nicht nur das Vorgehen der Polizei vor Ort, sondern beschweren sich auch über die Kommunikation der Beamten über das interne Kontakttelefon. «Die Anrufenden wurden regelrecht abgewimmelt.»

«Pistolenlauf auf Boden gerichtet»

Die Kantonspolizei bestätigt den Einsatz in der Reitschule, hält aber fest, dass sich dieser nicht nur auf den Raum Schützenmatte bezogen habe, sondern auch auf die Bereiche Kleine Schanze und Bahnhof. Der Einsatz sei eine gezielte Aktion gegen den Drogenhandel und «keine Razzia» gewesen. Die Vorwürfe der Reitschule werden zurückgewiesen. «Bei der Aktion in der Reitschule wurde verhältnismässig vorgegangen. Vom Vorwurf übermässig angewendeter Gewalt distanzieren wir uns klar», sagt Simona Benovici, Mediensprecherin der Kantonspolizei Bern.

Doch ist denn eine gezückte Dienstwaffe verhältnismässig? «Der Mitarbeitende zog sie zum Selbstschutz und um andere zu schützen. In der Küche waren in unmittelbarer Nähe gefährliche Gegenstände wie Messer, die als Waffe hätten benutzt werden können.» Zudem sei der Pistolenlauf immer auf den Boden gerichtet gewesen. Die anzuhaltende Person habe zuvor versucht, sich der Kontrolle der Polizei um jeden Preis zu entziehen.

Benovici erklärt, wie es überhaupt zum Sturm auf die Küche gekommen ist. «Bei der Kontrolle auf dem Vorplatz flüchteten einige Personen ins Innere der Reitschule.» Bei der Verfolgung der Flüchtigen sei die Polizei von Drittpersonen «aktiv gestört» worden. Im Küchenbereich sei es dann zu mehreren Festnahmen gekommen. Die Kritik der Reitschule am internen Kontakttelefon will die Polizei nicht gelten lassen. «Das Telefon ist für sicherheitsrelevante Fragen gedacht. Die Information, dass es sich um eine Aktion handle, wurde nicht verheimlicht, und es gab keine Verweigerung vonseiten der Polizei.»

Insgesamt hat die Polizei im Rahmen der Aktion elf Personen wegen Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz angezeigt. Sieben Personen werden sich wegen Verstössen gegen das Ausländergesetz vor der Justiz verantworten müssen. Ein Erfolg? «Bei solchen Kontrollen steht der Auftrag im Vordergrund: Es geht darum, den Drogenhandel zu bekämpfen», sagt Benovici.

DerBund.ch/Newsnet

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