Brunch-Kultur im Aufwind

Das ausgedehnte Frühstück ist beliebt – auch in Bern. Warum eigentlich?

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Rege Nachfrage: Martin Allemann sitzt im Wartsaal beim Brunch.

(Bild: Tobias Anliker)

Bern ist sonntags beim Brunch. Im Wartsaal im Berner Lorrainequartier sind bereits kurz nach zehn Uhr kaum mehr Plätze frei: Eine Geburtstagsgesellschaft von älteren Damen in farbigen Kleidern sitzt bei einem ausgedehnten Frühstück. Eine Gruppe Frauen um die dreissig nippt bereits am Prosecco. Es duftet nach frisch geröstetem Kaffee, und aus der Küche dringt das Zischgeräusch einer Pfanne: Martin Allemann brät Spiegel- und Rühreier. Allemann hat den Wartsaal vor eineinhalb Jahren mitgegründet. Seit einem Jahr wird Brunch angeboten. Und: «Die Nachfrage ist gross.» Bis zu 40 «Zmorge» tischt das Wartsaal-Team an einem Sonntag auf. «Wir stillen damit ein deutlich vorhandenes Bedürfnis», sagt Allemann. «Und wir mussten nicht einmal gross Werbung machen.»

Bern als neue Brunch-Hauptstadt?

Brunch – der Begriff, der in unseren Ohren neumodisch klingt, stammt von Ende des 19. Jahrhunderts und ist eine Wortkombination aus «breakfast» für Frühstück und «lunch», dem Mittagessen. Die jüngsten Zahlen von Gastro Suisse zeigen: Brunch und ausgedehnte Frühstücke haben in der Schweiz eine neue Dimension erreicht. Die Anzahl auswärts konsumierter Frühstücke nimmt stetig zu. Schweizer geben heute verglichen mit 2005 doppelt so viel fürs «Zmorge» ausser Haus aus.

Der schweizweite Trend ist auch in Bern feststellbar, wie Hans Traffelet, Präsident von Gastro Stadt Bern bestätigt. Mehr als 20 Restaurants bieten in der Stadt Bern mittlerweile Brunch an. Ist Bern gerade dabei, in die Fussstapfen der Brunch-Hauptstadt Berlin zu treten? «Wir haben heute in Bern eine schöne Brunch-Kultur, der Trend hat hier aber erst vor rund drei Jahren eingesetzt», erklärt Traffelet. Die Berner Gastronomie sei dabei, das Frühstück zu entdecken. Während früher vor allem in Hotels gefrühstückt wurde, sei die Zahl der Anbieter in den letzten Jahren gestiegen. «Alleine diese Entwicklung spricht für sich», so Traffelet.

Die Zeit, die unter der Woche fehlt

Traffelet ist gleichzeitig Geschäftsführer vom Gurten-Park, wo seit zehn Jahren Frühstück angeboten wird. Auch hier beobachtet er die Zunahme: «Es ist in den Anfangsjahren durchaus gut gelaufen. Doch erst vor etwa drei Jahren hat es richtig angezogen, sodass wir auch an Samstagen häufig ausgebucht sind.» In Bern dürfte diese Zunahme an auswärtig eingenommen Frühstücken nicht zuletzt auch den jungen Beizen wie dem Wartsaal, der Burgunder Bar oder dem Lehrerzimmer zuzuschreiben sein. Aber graben die jungen Beizen den altbewährten nicht das Wasser ab? Daran glauben weder Hans Traffelet noch Martin Allemann. Im Gegenteil: «Die neuen Lokale wie der Wartsaal beleben das Angebot», sagt Traffelet. «Die In-Kneipen setzen neue Trends, was dem Gastronomiestandort Bern nur guttut.» Der Wettbewerb wirke befruchtend, und dadurch steige schliesslich die Qualität.

Doch was bringt immer mehr auch jüngere Menschen dazu, sich am Sonntagvormittag aus den warmen Bettlaken zu schälen und in eine Beiz frühstücken zu gehen? Cédric Marville, ein junger Berner, der an diesem Sonntag beim Brunch sitzt, sagt es so: «Während der Woche kommt bei mir das Frühstück deutlich zu kurz, dafür wird das Frühstück am Wochenende zelebriert – ab und zu auch auswärts.» Ganz ähnlich erklärt Traffelet den Trend: «Frühstücken, früher noch ein individuelles Erlebnis, ist zum gesellschaftlichen Anlass geworden. Man trifft sich mit Freunden, Familie oder Arbeitskollegen und nimmt sich die Zeit.» Wer zwar brunchen, sich aber nicht aus den Bettlaken schälen möchte, kann sich seit September über «brunch@ home» ein Set nach Hause kommen lassen – zum Beispiel den «Brunch Royal» mit Champagner und Lachs.

Der Bund

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