«Brünnen fehlt die Urbanität»

Für Ex-Stadtplaner Jürg Sulzer ist das prämierte Siegerprojekt auf Baufeld eins in Brünnen symptomatisch für die Defizite der Überbauung.

«Entlang dieser Strassen hätte die Stadt entstehen sollen» – der einstige Stadtplaner Jürg Sulzer auf der Ramuzstrasse in Bern-Brünnen.

«Entlang dieser Strassen hätte die Stadt entstehen sollen» – der einstige Stadtplaner Jürg Sulzer auf der Ramuzstrasse in Bern-Brünnen. Bild: Adrian Moser

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Herr Sulzer, Sie haben Brünnen einst konzipiert. Was ist Brünnen heute? Stadtquartier oder Vorstadt?
Brünnen ist nicht Vorstadt, aber es ist auch nicht Stadt. Brünnen ist nicht ganz so geworden, wie ich mir das vorgestellt habe. Ich habe es mir dichter und kompakter vorgestellt.

Was würde mehr Dichte bedeuten?
Ein bis zwei Stockwerke mehr wären durchaus möglich gewesen. In den Siebziger- und Achtzigerjahren war die grüne Opposition aber gross. Erst um die Jahrtausendwende wurde es wieder möglich, über Dichte zu sprechen. Zu diesem Zeitpunkt hätte man die Planung entsprechend abändern sollen.

Ist Brünnen nun ein Stück Stadt oder ist es Vorstadt?
Es ist ein Versuch, ein Stück Stadt zu bauen, wie es im 19. Jahrhundert üblich war – wenn Sie etwa ans untere Kirchenfeld denken oder an Aussersihl in Zürich.

Inwiefern widerspricht Brünnen den ursprünglichen Vorstellungen?
Es fehlt die Urbanität, weil die Bauherren zu stark im Siedlungsbau der Achtzigerjahre verhaftet sind. Ich wollte die damals vorherrschende Zeilenbauweise zugunsten von Blockstrukturen und Stadträumen abschaffen, um eine unverwechselbare Identität zu schaffen, die es nur hier in Brünnen geben sollte.

«Man kann Menschen auch mit Nicht-Gestaltung erschlagen.»Jürg Sulzer, ehemaliger Berner Stadtplaner

Gibt es auch Positives an Brünnen?
Ich bin sehr stolz darauf, dass das Strassennetz vom Tiefbauamt so umgesetzt wurde, wie ich mir das vorgestellt habe. Entlang dieser Strassen hätte die Stadt entstehen sollen. In den Jahrzehnten zuvor hat man einfach Erschliessungsstrassen gebaut und entlang der Strassen Zeilenbauten erstellt.

Ihre Kritiker sagen, Sie träumten von den Blockrandbauten in Berlin. Das sei aber nur etwas für Grossstädte.
Wer so spricht, hat keine Ahnung von Stadtentwicklung und Städtebau.

Was fehlt denn zur Urbanität? Die Parterrenutzungen?
Die sind entlang der Tramlinie an der Ramuzstrasse ja vorgesehen. Zugegeben, die Nachfrage ist schlecht. Aber es ist gut, dass es überhaupt Gewerbeflächen gibt und keine Wohnungen. Letztere könnte man nicht mehr umnutzen.

Das Westside wirkt halt wie ein «Staubsauger».
Aber ohne die Migros und das Westside wäre Brünnen nie gebaut worden. Ursprünglich ist man auch davon ausgegangen, dass das Westside Nachfragen auslöst, welche die Migros nicht abdecken kann.

Was fehlt noch zur Urbanität? Die Häuser haben kein Gesicht. Es sind nicht individuelle Bauten, die innerhalb eines Ensembles auf die Nachbarbauten Rücksicht nehmen. Da haben die Jurys der Wohnbauprojekte versagt.

Einige Bauten sind aber sehr individuell – wie das prämierte Projekt «La diagonale du fou».
Das Siegerprojekt auf Baufeld eins sieht aus wie ein Stempel. Es geht eher um die Selbstverwirklichung des Architekten. Dieses Haus könnte überall stehen. Es vermittelt den klassischen Siedlungsbau anstelle verdichteter Stadtbauqualität.

«La diagonale du fou»: Visualisierung des Siegerprojektes auf Baufeld 1. Foto: zvg

Sie haben vorhin das Kirchenfeld als positives Beispiel genannt. Dort gibt es aber kaum Leben.
Dem ist so, weil die damaligen Planer Restaurants explizit ausgeschlossen hatten.

Aber warum ist man trotzdem gerne dort?
Weil es individuell gestaltete Häuser sind mit unterschiedlichen Schattenbildern und Fassaden zur Strasse hin. Es sollte auch heute wieder um mehr Sinnlichkeit in der Architektur gehen und ein spielerisches Element.

Der dominierende Funktionalismus steht dem aber entgegen.
Ich lehne den Funktionalismus ab. Man kann auch bei einer hohen Dichte vielfältig gestalten. Nehmen wir zum Beispiel die Fassade des Wohnungsbaus, der an den Gilberte-de-Courgenay-Platz bei der S-Bahn-Haltestelle grenzt. Das Haus steht «wie abgeschnitten» am Platz. Es gibt keine Rückseite. Stadtraum hat aber immer eine Vorder- und eine Rückseite. Ich habe jüngst gelesen, dass sich nur noch die Hälfte der Menschen in Siedlungen am Stadtrand zu Hause fühlen. Das ist in Zeiten der Globalisierung alarmierend. Man kann Menschen auch mit Nicht-Gestaltung erschlagen.

In Brünnen gab es auf 21 Baufeldern Wettbewerbe. Da ist es doch klar, dass jedes Projekt für sich steht?
Wir hielten aber fest, dass der Entscheid des vorhergehenden Wettbewerbs für jeden neuen Wettbewerb bindend sein soll. Wenn man aber die Architekten einfach machen lässt, entsteht halt etwas Willkürliches und Disparates.

Was würden Sie heute anders machen bei der Planung Brünnen?
Ich würde die Strassen noch etwas enger und die Bebauung noch etwas dichter machen. Zudem würde ich die Baufelder von Anfang an parzellieren.

Dann hat man aber doch erst recht Häuschen neben Häuschen?
Nicht Häuschen, sondern fünfgeschossige Mehrfamilienhäuser. Die Projekte eines Baufeldes muss man koordinieren.

Das ist ein riesiger Aufwand.
Den Mehraufwand müsste man leisten. Ich glaube nicht an mehr Vorschriften, aber an Menschen, die etwas realisieren wollen. Die Gestaltung der Stadt ist eine Kernaufgabe der öffentlichen Hand.

Was kann man aus Brünnen für das Viererfeld lernen?
Es braucht eine Vision und einen klaren Rahmen für Strassenräume, Baublöcke mit Gesichtern zur Strasse, Vorgärten, Häuser mit Sockelzonen und lesbaren Dachabschlüssen. Es muss um Häuser gehen, die Identität und Raumgeborgenheit vermitteln. (Der Bund)

Erstellt: 01.12.2017, 06:39 Uhr

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