Bob Dylan auf Zimbeln

Nur weil Weihnachten ist, wird eine schlechte Idee nicht besser. Mit Blick auf diese einfache Regel verbringen Sie garantiert stressfreie Festtage.

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Glühwein hat im Kern durchaus seine Berechtigung. Wir erinnern uns: Erfunden wurde er in den 50er-Jahren, als Zentralheizungen noch ein Privileg der feinen Gesellschaft waren und sich der Normalmensch nächtens mit seinen zahllosen Hausgenossen unter einer einzige Decke stapeln musste, um nicht an der Rosshaar­matratze festzufrieren. Auch das war allerdings kein Spass, denn es roch streng unter der Decke. Geduscht wurde pro Haushalt nur einmal alle vierzehn Tage, schliesslich standen die Wasserboiler ebenso exklusiv in den Châteaus der Oberschicht, gleich neben den ­Zentralheizungen.

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Massenhaft Kinder wurden unter diesen Decken gezeugt. Diese Kinder wurden dann allerdings auf dem Schulweg mit Schneeblindheit geschlagen. Sie trugen ohne zu murren kratzige Wollsocken, so verzweifelt kalt war ihnen. Hoffnung gab es keine. Die Klimaerwärmung war nicht mehr als eine vage Ahnung, ein ferner Traum, verheissungsvoll zwischen den Abgasschwaden der Fabriken flottierend. Zu dieser Zeit war jedes Mittel recht, ein bisschen warm zu werden. Es war die Geburtsstunde des Glühweins. Heisser Alkohol, völlig legitim.

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Doch die Zeiten haben sich geändert, jetzt dürfen eingeschliffene Bräuche kritisch hinterfragt werden: Wein, gepanscht mit Apfel- und Orangensaft, versetzt mit Gewürzklimbim, auf dem Feuer zu siruphafter Lauge verkocht? Zu jedem anderen Zeitpunkt im Jahr zöge man dem Koch die Kelle über den Scheitel und liesse ihn die Plörre zur Strafe selbst auslöffeln. Aber weil bald Weihnachten ist, steht man jetzt landauf, landab vor hastig zusammengezimmerten Holzhüttchen beisammen, stösst sich gegenseitig die Weihnachtseinkäufe gegen die Kniekehlen und trinkt heissen Wein, während die Hunde im Schlepptau, oft verkühlte Windspiele mit Karomäntelchen oder Labradors mit dynamischen Leuchtstreifen am Halsband, hohläugig danebenstehen und ihre Herrchen zu fragen scheinen: Wieso tust mir das an, du Unmensch? Für Glühwein?

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Nur weil Weihnachten ist, wird eine schlechte Idee nicht unbedingt besser. Wer diesen an Wahrheit kaum zu übertreffenden Grundsatz die nächsten Tage beherzigt, dem garantiere ich vollkommen stressfreie Festtage. Tun Sie nichts, was Sie an den 364 übrigen Tagen im Jahr nicht auch als probate Idee empfinden würden. Seien Sie ehrlich mit sich. Prüfen Sie Ihre Reflexe. Hätte sich Bob Dylan an diese einfach Regel gehalten, sein Weihnachtsalbum hätte es nie gegeben. «Christmas in the Heart» (Sony, 2009, 7.99 Euro) ist die schauderhafte Ansammlung alter Weihnachtslieder von «Hark! The Herald Angels Sing» bis «Little Drummer Boy», lieblos dahinkrakeelt über allerlei Weihnachts­inventar wie Schalmei, Zimbel und Stromgitarre. Mit dieser Regel hätte es das Genre des Weihnachtsalbums überhaupt gar nie gegeben. Die Welt wäre eine andere.

Geschenke sind für viele der erste Quell von Stress. Was ist der Grossmutter, dem Cousin zweiten Grades, dem Neffen zu schenken? Nun, da Sie beim Beschenkten das ganze Jahr über keinerlei Anzeichen für eine Vorliebe für dekorative Wandtellerchen festgestellt haben, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine solche nicht existiert. Schenken Sie keine dekorativen Wandtellerchen. Verlegen Sie sich konsequent auf gebräuchliche Gegenstände. Gold: keine Einwände. Myrrhe und Weihrauch: schwierig.

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Wenn Sie kein Küchenvirtuose sind, erwarten Sie nicht plötzlich Wunder von sich. Lesen Sie die Rezepte im Voraus auf ihre Tauglichkeit hin durch. Seien Sie vernünftig. Verlangt das Rezept nach zwei Liter Entenfett zum Ausbacken, unterziehen Sie Ihre Bereitschaft, aussergewöhnliche Anstrengungen zu unternehmen, einer sorgfältigen Prüfung. Falls Sie es durchziehen, besorgen Sie das Entenfett im Voraus, verlassen Sie sich nicht auf das Sortiment Ihres Tankstellenshops. Klären Sie ab, ob sich Entenfett im Notfall durch Rapsöl ersetzen lässt. Und zum Schluss: Verzichten Sie um Himmels Willen auf Parfait. Entscheiden Sie sich: Eis oder Creme. Denken Sie an Ihre Gäste, Sie ­Grobian. Nur weil Weihnachten ist, muss man ja nicht gleich die Contenance ­verlieren.

Hanna Jordi ist Leiterin des Online-Ressorts und mag Weihnachten ausserordentlich. Vor allem die Sache mit den Zimtsternen.

www.derpoller.derbund.ch (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.12.2015, 07:38 Uhr

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