«Betreiber von Buvetten tragen höheres Risiko»

Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP) hat 2010 die Basis gelegt zum Boom der Sommer-Bars. Er ist überzeugt, dass sie Konflikte entschärfen helfen.

Reto Nause möchte auch die Bundesterrasse beleben.

Reto Nause möchte auch die Bundesterrasse beleben. Bild: Manu Friederich

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Noch nie war das Angebot an temporären Buvetten in Bern grösser als in diesem Sommer. Nicht alle haben Freude daran, zeigen Leserreaktionen im «Stadtgespräch». Wann ist die Grenze erreicht?
Das lässt sich nicht generell sagen. Meist reklamieren Anwohner über Lärm an einem spezifischen Ort. Ich habe Verständnis für solche Klagen, aber auch für jene, die sich amüsieren wollen oder die versuchen, brachliegende Orte zum Leben zu erwecken. Als Bewilligungsbehörde müssen wir für ein Gleichgewicht sorgen.

Viele der Barbetreiber kamen, um zu bleiben. Jene der Aare-Bar etwa sammeln Unterschriften für eine Folgesaison. Gibt es eine Zweitauflage?
Das werden wir anschauen. Vielleicht ist es geschickter, die Bar um ein paar 100 Meter zu verschieben. Auch in Zürich werden nicht jedes Jahr im gleichen Park Buvetten und Konzerte erlaubt. Ab und zu eine Rochade verteilt Freuden und Leiden besser. Natürlich hängt das auch von der Art der Projekte ab. Eine Bar mit Liegestühlen und Hintergrundmusik ist etwas anderes als eine Bar, die bis zwei Uhr nachts geöffnet ist und Konzerte veranstaltet.

Unterschiedlich sind nicht nur die Angebote, sondern auch die Bedingungen: Die einen zahlen fast nichts für das Grundstück, während andere so behandelt werden wie konventionelle Aussenflächen von Restaurants. Ist das in Ordnung?
Im Grundsatz gilt: Wer öffentlichen Grund belegt, muss Gebühren zahlen. Wie hoch diese ausfallen, hängt von Art und Ort der benutzten Fläche ab. Den Preis für eine Grünfläche bestimmt zum Beispiel Stadtgrün. Den Preis für den Waisenhausplatz bestimmt das Veranstaltungsmanagement bei uns im Polizeiinspektorat. Diese Preisbestimmungen stützen sich auf das Gebührenreglement der Stadt. In speziellen Fällen kann der Gemeinderat aber die Gebühren erlassen.

Wann? Um im ersten Jahr den Start zu erleichtern?
Nein. Ein Erlass der Gebühren kann im Zusammenhang mit einer kulturellen Veranstaltung erfolgen oder weil das Angebot auf Wunsch und Anregung des Gemeinderats geschieht.

Wie beim Neustadtlab auf der Schützenmatte etwa?
Zum Beispiel. Hier wünscht sich die Stadt eine Belebung des Platzes und eine bessere Durchmischung des Publikums. Deshalb hat der Gemeinderat übrigens 2017 im ersten Sommer auch der Bar auf der Einsteinterrasse auf der Grossen Schanze einen Teil der Gebühren erlassen. Jetzt zahlt der Betreiber einen normalen Preis: 100 Tage à 300 Franken. Ein Präjudiz gibt es nicht.

Volle Bars an Toplagen, mehr leere Plätze in Restaurants. Muten Sie den ganzjährigen Betrieben nicht etwas viel zu?
Jeder Wirt ist ein Profi-Gastronom. Wirte müssen sich eben umsehen, was sich an erfolgreichen Konzepten etabliert. Auch sie können Gesuche an uns richten.

Manchmal ist der Spielraum aber beschränkt. In der Münstergasse klagte das Restaurant Chun Hee über den zu engen Aussenbereich…
…und setzte sich eigenmächtig über die baubewilligte Fläche hinweg. Das geht nicht. Hier konnte aber zwischenzeitlich eine Lösung mit den Betreibern gefunden werden.

Die Gewerbepolizei erlaubt einen grösseren Aussenbereich, als der Perimeter hergibt. Dürfen auch andere mit Entgegenkommen rechnen?
Zuerst will ich festhalten: In meiner Amtszeit hat sich die Fläche für Aussenbestuhlungen verdoppelt. Die Stadt Bern ist in diesem Bereich sehr liberal. Sie ermöglicht bei anderen Betrieben ebenfalls, was drinliegt. Uns ist bewusst, dass es ohne Aussenbereich ökonomisch schwierig wird. Das Anliegen von Restaurants und Bars ist insofern legitim.

Der Wirteverband GastroStadtBern ist der Meinung, temporäre Bars sollten wie alle anderen Gastrobetriebe behandelt werden.
Wie gesagt: Im Grundsatz ist das so. Allerdings: Ein Wirt, der einen Aussenbereich mit einer Baubewilligung abgesichert hat, steht rechtlich besser da. Er kann davon ausgehen, dass er sein Mobiliar für mehrere Saisons anschafft. Hier gehen Veranstalter von temporären Buvetten ein höheres Risiko ein. Zum einen erhalten sie maximal drei Monate bewilligt, zum andern müssen sie eventuell nach einem Jahr umziehen oder sogar ganz aufhören.

Die Stadt möchte das Bewilligungsverfahren für temporäre Angebote sogar vereinfachen. Worum geht es?
Im Unterschied zur Stadt Zürich können wir Gesuche nicht selber bewilligen. Wir bereiten das Dossier zwar vor, dann aber geht es zum Regierungsstatthalter, der noch einmal ein Verfahren eröffnet. Um daran etwas zu ändern, brauchte es eine Anpassung des kantonalen Gastgewerbegesetzes. Im Grossen Rat wurde dazu ein Vorstoss eingereicht. Die Antwort der Regierung steht noch aus.

Sie halfen 2010 selber mit, auf der Grossen Schanze temporäre Bars zu lancieren. Speziell daran ist, dass die heute noch stattfindende Bar Summer Beach eingezäunt ist. Überall sonst muss das Gelände frei zugänglich sein. Konsumieren ist freiwillig. Ist eine solche Ausgrenzung im öffentlichen Raum nicht problematisch?
Jeder Gastronom reicht ein Konzept ein, und die Stadt beurteilt, ob es passt. In diesem Fall hat sie den Zaun ums Gelände erlaubt, weil der Betreiber geltend machte, er müsse sein Mobiliar schützen. Andere Konzepte sind uns aber tatsächlich sympathischer.

War die Stadt damals einfach froh, dass jemand die dortige Drogenszene verdrängen half?
Die Bar Summer Beach war der erste Gastrobetrieb an diesem Ort. Die Betreiber würden sich zu Recht beklagen, wenn die Konditionen nun plötzlich geändert würden. Möglicherweise war der Zaun beim ersten Mal ausschlaggebend dafür, dass es an diesem Ort überhaupt funktioniert hat.

Würden Sie ein neues Gesuch so bewilligen?
Das ist Spekulation, darauf kann ich Ihnen keine verlässliche Antwort geben. Das Gesuch für die Bar Summer Beach wird jedes Jahr neu geprüft.

Welche Bar gefällt Ihnen persönlich am besten?
Mir gefällt die Vielfalt. Buvetten am Aareufer waren bisher undenkbar. Neu ins Auge fassen möchte ich die Bundesterrasse. Eventuell liesse sich damit das Problem der Flaschen lösen, die in die darunterliegenden Gärten der Anwohner geworfen werden.

Mit Buvetten lassen sich also soziale Brennpunkte tatsächlich entschärfen?
Das Konzept geht auf, ja. Es gibt aber natürlich einen Punkt, an dem das Ganze kippt. In Zürich beispielsweise wurden nach der Einweihung der Westumfahrung Strassen und Plätze belebt. Mittlerweile haben die Nachtschwärmer diese derart in Beschlag genommen, dass Anwohner wegziehen. Das wollen wir in Bern vermeiden. (Der Bund)

Erstellt: 01.09.2018, 08:08 Uhr

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