Bestechende Schlichtheit auf der Warmbächlibrache

Der Zirkus Chnopf gastiert in Bern mit einem amüsanten Stück Nouveau Cirque.

Chnopf-Artisten mit farbenprächtigem Auftritt in familiärem Umfeld.

Chnopf-Artisten mit farbenprächtigem Auftritt in familiärem Umfeld. Bild: Adrian Moser

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Während auf der Allmend im majestätischen Zelt des Zirkus Knie 45 Artisten aus sieben Nationen ihre Künste vorführen, teilen sich beim Zirkus Chnopf auf dem Berner Warmbächliareal 11 Ensemble-Mitglieder eine Freiluftbühne. Rund 20 bunte Zirkuswagen stehen noch bis Sonntag auf der Brache. An Wäscheständern hängen Unterhosen, einige Kinder aus dem Quartier erkunden neugierig die ungewohnten Behausungen. Die Wagenburg des Zirkus Chnopf fügt sich mit ihrem alternativen Künstlercharme bestens in das urbane Abriss-Ambiente der Warmbächlichbrache ein.

Es ist eine familiäre ungezwungene Atmosphäre, die unter den Zirkusleuten wie auch den Besuchern herrscht. Unter dem Küchenwagen stehen Holzharassen, worin fein säuberlich der Abfall getrennt gesammelt wird. Anstatt einer Armada von blauen Plastik-Toiletten steht den Besuchern genau ein Holzhäuschen zur Verfügung. Am Souvenirstand wird selbstfabrizierter Schmuck feilgeboten, im Verköstigungswagen locken selbst gebackene Kuchen und im Getränkeregal steht neben dem Kindersirup eine Flasche lokaler Ingwerlikör. Für die eigentliche Zirkusvorstellung wird kein Eintrittsgeld bezahlt; am Ende legt jeder so viel Geld in den Hut, wie er oder sie eben will und kann.

Auch wenn beim Zirkus Chnopf mit kleiner Kelle angerührt wird, so sind die Nummern deswegen keinesfalls unspektakulär. Im Gegenteil. Die Schlichtheit, die sich im ganzen Chnopf-Auftritt zeigt, greift auch hier – und gerade wegen ihrer Simplizität sind viele der Darbietungen bestechend. Alles, was das Chnopf-Ensemble als Bühnenausstattung benötigt, ist eine blanke, bespielbare Fläche, ein von allen Seiten begehbares farbiges Blechhäuschen und ein Hebekran.

Viel absurde Komik

Nebst klassischen Zirkusnummern wie etwa Balljonglage, Artistik am Seil oder Akrobatik wird auch Stepptanz betrieben, eine kitschige Musical-Nummer wird in luftiger Höhe genüsslich parodiert, ein Hula-Hoop-Wettbewerb in schönster Sportreporter-Manier kommentiert. Oft herrscht auf der Bühne ein klamaukiges und farbenfrohes Durcheinander, einiges geht (absichtlich) schief, wobei mit Slapstick-Elementen viel absurde Komik erzeugt wird. Oft dient dabei alleine der Körper als Mittel zum Ausdruck, was vollumfänglich reicht, denn dank spartenübergreifender Vermischung verschiedenster Disziplinen wird einem hier ein kurzweiliges und unterhaltsames Stück Nouveau Cirque gezeigt. Das funktioniert sowohl für Kinder als auch für Erwachsene, zumal dank dem Zusammenspiel von Formen, Farben und Musik immer wieder auch sehr schöne Bilder erzeugt werden.

«Du da da ich» ist bereits die 26. Produktion des Zirkus Chnopf, wobei der Titel auch als Anspielung auf die aktuelle Lage in Europa verstanden werden will. Lustvoll lotet das Ensemble die Frage nach dem Übertreten von Grenzen zwischen dem Du und dem Ich aus und tauscht dafür nicht nur Kleider, sondern auch Rollen. Nebst den sieben Profis stehen auch vier junge Damen, alle zwischen 14 und 20 Jahren alt, mit auf der Bühne, welche ein Jahr lang Zirkusluft schnuppern. Die Jugendförderung ist seit Anbeginn elementarer Bestandteil des Zirkus Chnopf, wobei sich diese Förderung nicht nur auf die physische Arbeit auf der Bühne bezieht. Die Jugendlichen helfen bereits bei der Erarbeitung des Stücks mit und werden so auch mit den künstlerischen Arbeitsprozessen vertraut gemacht, bevor dann intensiv geprobt und im Anschluss vier Monate durch die Schweiz getourt wird.

Ein Schnupperplatz wird frei

Die 20-jährige Alda Otter, die zusammen mit zwei Kolleginnen eine poetische Luftnummer zeigt, ist bereits zum zweiten Mal auf Chnopf-Tournee. Sie hat komplett Zirkusfeuer gefangen, weswegen sie nächstes Jahr eine Zirkusschule in Berlin besuchen will. Damit wird ihr Platz frei für einen anderen jungen Menschen, der Artistenluft schnuppern möchte und dereinst vielleicht in feudalen Arenen durchstartet. Dass die Institution Zirkus so schnell nicht verschwinden wird, lassen die vielen glänzenden Augen vermuten, welche es nach der Aufführung des Zirkus Chnopf auf der Warmbächlibrache zu sehen gab.

Zirkus Chnopf, Warmbächlibrache in Bern, Fr und Sa 19.30 Uhr, So 16.30 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 19.08.2016, 07:27 Uhr

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