Berner Autotüftler mit Strom im Blut

This und Demian Schwendimann aus Münchenbuchsee kommen mit der grössten E-Mobil-Rallye der Welt nach Bern.

Zwischenhalt Biel: Demian Schwendimann «tankt» seinen Tesla 70, This Schwendimann seinen getunten E-Golf.

Zwischenhalt Biel: Demian Schwendimann «tankt» seinen Tesla 70, This Schwendimann seinen getunten E-Golf. Bild: Franziska Rothenbühler

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Wenn Demian Schwendimann aufs Gas drückt, dann geht es mächtig ab. In 5,8 Sekunden beschleunigt der Tesla 70 von 0 auf 100 Stundenkilometer – und das völlig emissions- und praktisch geräuschlos.

Am Samstag ist Schwendimann mit der «Wave Trophy» in Bremerhaven gestartet, zusammen mit 70 Teams aus 10 Ländern. Die grösste E-Mobil-Rallye der Welt führt über 1800 Kilometer von der Nordsee bis nach Genf.

Geschwindigkeit ist dabei Nebensache. «Es geht darum zu zeigen, dass Elektrofahrzeuge nicht nur umweltfreundlich, sondern auch alltagstauglich sind», sagt Schwendimann. Gefahren wird denn auch mit 100 Prozent Ökostrom.

Am Mittwochabend ist der Tross in der Tissot-Arena in Biel eingetroffen. Es dominieren zwar die aktuellen Modelle der grossen Autohersteller, wie Renault Zoe, VW E-Golf, Nissan Leaf oder eben die Modelle von Tesla.

Für Aufsehen sorgen jedoch vor allem Liebhabermodelle wie ein umgebauter 2 CV oder ein alter VW-Bus mit Elektromotor. Der Star der Tour, ein 1953 Buick Roadmaster mit Elektroantrieb, musste wegen eines Defekts leider bereits aufgeben.

Als Automechaniker ein Exot

Auf ihrem Weg haben die Fahrerinnen und Fahrer am Mittwoch mehrere Schulen besucht und die Kinder über E-Mobilität informiert. Ob diese die Theorie begriffen haben, bleibt offen. «Als ich den Tesla jedoch mit dem Handy über den Pausenplatz steuerte, waren alle hin und weg», erzählt Demian Schwendimann.

Der 25-Jährige ist Werkstattchef bei der Schwendimann AG in Münchenbuchsee, die in über 30 Gemeinden den Kehricht einsammelt. Er war schon in der Lehre als Automechaniker vom E-Virus infiziert.

«Unter den Automechanikern war ich ein ziemlicher Exot», erzählt Schwendimann. In den Autogaragen liebe man schwere Motoren und den Geruch von Benzin und Öl. Noch heute wehrten sich viele Autohändler gegen moderne Technologien.

Doch für Schwendimann ist klar: So wie heute kann es nicht weitergehen. In der Firma und in der Familie ist er damit nicht alleine. Sein Vater und Chef, This Schwendimann, ist auch dem E-Virus verfallen – und ebenfalls bei der «Wave Trophy» mit dabei.

Sein Fahrzeug zeigt, wie viel ungenutztes Potenzial noch in der E-Mobilität steckt. Der VW E-Golf wurde von der österreichischen Kreisel Electric GmbH mit einer neuen Batterie ausgestattet und hat nun eine Reichweite von 350 Kilometern – doppelt so viel wie der herkömmliche E-Golf und das bei gleichem Gewicht und Volumen.

«Wir müssen den Hebel jetzt umlegen», ist This Schwendimann überzeugt. Die heutige Mobilität sei alles andere als «enkeltauglich», so der 51-Jährige. Dass die Kinder wie in China wegen des Smogs zeitweise nicht einmal mehr in die Schule dürfen, will er hierzulande nicht erleben. Seit fünf Jahren engagiert sich der Fuhrhalter für ökologische Lösungen.

Auf dem Firmendach sind unterdessen 1000 Quadratmeter Solarzellen in Betrieb. Damit wird der Strombedarf der ganzen Firma gedeckt. Auch der Tesla 70, den die Firma Privaten vermietet, wird damit aufgeladen und ebenfalls die Akkus der teilweise elektrisch betriebenen Kehrichtfahrzeuge. Ein Prototyp ist bereits seit einem Jahr in Betrieb.

Das Leeren der Container und das Verdichten des Kehrichts im Fahrzeug passiert mit Strom. Das spare 20 bis 30 Liter Diesel pro Tag. Die übrigen sieben «Ghüderwagen» werden noch dieses Jahr umgerüstet.

«System Alpenluft» in Zermatt

Auch ihre eigenen Angestellten mussten die Schwendimanns zuerst von den neuen Technologien überzeugen. «Zuerst wehrten sie sich dagegen, und jetzt wollen sie nicht mehr darauf verzichten», sagt Demian Schwendimann. Und sein Vater ergänzt mit einem Augenzwinkern: «Sie wissen unterdessen, dass ihr Chef spinnt.»

Der Erfolg gibt dem Familienunternehmen recht. Mit ihrem «System Alpenluft» hat es die Ausschreibung der Gemeinde Zermatt für die Kehrichtabfuhr gewonnen. Seit 2012 sammeln rein elektrisch betriebene Fahrzeuge im Walliser Ferienort den Müll ein. Erst kürzlich hat die Schwendimann AG dafür einen wichtigen Innovationspreis der Branche gewonnen.

Am Donnerstag fahren die Teams Schwendimann und Kreisel mit der «Wave Trophy» über Nidau und Wohlen nach Bern auf den Bundesplatz. Danach sind sie noch bis am Samstag als Botschafter für die E-Mobilität unterwegs, bevor sie nächste Woche wieder in ihren Arbeitsalltag einsteigen.

Wobei Alltag für CEO This Schwendimann auch immer heisst, sich den Herausforderungen der Zukunft zu stellen. «Was passiert mit unseren Chauffeuren, wenn sich selbstfahrende Autos durchsetzen», fragt er sich bereits. Die Schwendimanns werden sicher dranbleiben.

Am Donnerstag um 10 Uhr trifft die «Wave Trophy» auf dem Bundesplatz ein. Bis um 13 Uhr zeigen die Fahrerinnen und Fahrer dem Publikum ihre Fahrzeuge. (Der Bund)

Erstellt: 16.06.2016, 06:54 Uhr

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