Bern ist nicht kinderfreundlich genug

Das UNO-Kinderhilfswerk Unicef fordert, dass auch Kleinkinder, die jünger als fünf Jahre sind, eigenständig den nächsten Spielplatz erreichen sollen.

Kinder möchten günstigeren ÖV, um etwa zum Längmuur-Spielplatz zu kommen.

Kinder möchten günstigeren ÖV, um etwa zum Längmuur-Spielplatz zu kommen. Bild: Adrian Moser

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Bern ist kinderfreundlich. Doch Bern strebt nach Höherem. Die Stadt will nächstes Jahr vom UNO-Kinderhilfswerk Unicef das Label «Kinderfreundliche Stadt» erhalten. So einfach ist das aber nicht.

«Unicef hat uns durchleuchtet», sagte Franziska Teuscher (Grüne), Direktorin für Bildung, Soziales und Sport (BSS), am Donnerstag an einer Medienkonferenz. Danach hat Unicef in einem Bericht das Entwicklungspotenzial der Stadt in Sachen Kinderfreundlichkeit formuliert. Um das Label zu erlangen, muss die Stadt nun Kinder und Jugendliche nach ihren Bedürfnissen befragen. Aus den Ergebnissen dieser Umfrage und den Empfehlungen von Unicef soll Bern einen verbindlichen Aktionsplan formulieren, wie Alex Haller, Leiter des städtischen Jugendamtes, sagt. Noch vor den Medien begann er damit, eingeladene Schüler und Schülerinnen nach ihren Wünschen an die Berner Verwaltung zu befragen.

Mehr Spielplätze für Kleine

«Die Stadt sollte mehr Spielplätze machen», antwortete die zwölfjährige Elina auf Hallers Frage, was die Stadt für Kinder und Jugendliche tun solle. Vor allem für kleinere Kinder brauche es mehr Spielplätze in deren näherer Umgebung, sagt das Mädchen. Yannis, 15, pflichtet ihr bei. Er selbst habe vom grossen Abenteuerspielplatz am Schützenweg profitiert. Noch heute gehe er mit seinen Freunden manchmal dorthin. Er stelle jedoch fest, dass das Angebot für Kinder und Jugendliche vor allem am Stadtrand weniger gut ausgebaut sei.

Yannis wünscht sich ausserdem mehr Räume, wo Jugendliche am Abend hingehen könnten, ohne dass «Erwachsene wie Helikopter herumschwirren». Vor allem im Winter wünsche er sich einen Ort, um seine Freunde zu treffen, wo kein Konsumzwang herrsche. Denn er wolle und könne nicht mit sieben Kollegen bei sich zu Hause sein, wenn auch Mutter und Schwester dort seien, erklärt der Junge. Im Sommer gebe es genügend Orte, wo sich die Jugendlichen draussen treffen könnten und niemanden störten. Trotzdem habe er schon oft Lärmklagen erlebt, wenn er mit seinen Freunden draussen gewesen sei und gelacht habe. Auch von Pinto-Einsatzkräften sei er schon öfter angesprochen worden. Pinto ist eine mobile Interventionsgruppe des Jugendamtes, die für ein friedliches Zusammenleben im öffentlichen Raum sorgen soll.

Sowohl Elina wie Yannis finden, dass es in Bern viele tolle Angebote für Kinder und Jugendliche gebe. Der öffentliche Verkehr sei allerdings für viele Kinder zu teuer. Ein Zwölfjähriger sei schon ziemlich mobil. «In Bern kann er auch abends überall hingehen, ohne dass es gefährlich ist», sagt Yannis. Aber gerade für Kinder aus ärmeren Familien, die oft am Stadtrand lebten, sei das Trambillett mit 2.80 Franken teuer. Deshalb könnten sie den attraktiven Kindertreff im andern Stadtteil nicht besuchen.

Der Unicef-Bericht sieht den Berner Nachholbedarf in Sachen Kinderfreundlichkeit vor allem in den Angeboten für Kleinkinder unter fünf Jahren und im Verkehr. Zwar gebe es zahlreiche Spielräume für grössere Kinder. Doch brauche es auch Spielräume und Spielplätze, die jüngere Kinder autonom von ihrer Wohnung aus erreichen könnten. «Der Unicef-Bericht hat die wunden Punkte getroffen», sagt Alex Haller dazu.

«Das Label ist uns egal»

Die Berner Jungparteien äussern sich zum angestrebten Label kritisch. «Ich glaube nicht, dass das Label etwas bringt», sagt Erich Hess, Präsident der Jungen SVP. Familien würden kaum aufgrund des Labels in die Stadt ziehen. In Sachen Kinderbetreuung mache die Stadt schon heute viel, «fast zu viel», sagt er.

Auch die Juso schert sich wenig um das Unicef-Label. «Die Zertifizierung ist uns egal», sagt Präsidentin Tamara Funicello. Anders als Hess findet Funicello nicht, dass die Stadt schon viel für Kinder tue, und sie begrüsst die Massnahmen, welche die Stadt nun umsetzen soll, um das Label zu erhalten. Vor allem gefällt der Juso, dass Unicef ein grosses Gewicht auf Partizipation von Kindern und Jugendlichen legt. «Das ist die Basis unseres politischen Systems.»

Die Jungen Grünen sehen im Unicef-Label ebenfalls kein «Wundermittel». «Die Zertifizierung bringt einen externen Blick und eine Standortanalyse», sagt Séraphine Iseli, Mitglied der Partei und Einwohnerin von Bern. Kinderfreundlichkeit bringe für alle Bewohner und Bewohnerinnen einer Stadt mehr Lebensqualität. Deshalb dürfe die Zertifizierung und die Umsetzung der Massnahmen etwas kosten.

Die Unicef-Zertifizierung als kinderfreundliche Stadt werde Bern 22'000 Franken kosten, sagt Alex Haller. Wolle die Stadt das Label nach dem Erhalt vier Jahre später erneuern, müsse sie sich wieder rezertifizieren lassen. Dies koste nicht mehr den vollen Betrag, sonder jeweils nur 5500 Franken. (Der Bund)

Erstellt: 19.11.2015, 22:56 Uhr

Das Label

Ein Gewinn für Basel


In der Schweiz haben unter anderem die Städte Basel und Lausanne das Unicef-Label der Kinderfreundlichkeit. Im Kanton Bern ist Lyss offiziell als kinderfreundliche Gemeinde ausgezeichnet. Sowohl Basel wie Lyss sind überzeugt, dass das Label für ihre Stadt ein Gewinn sei.

Roland Frank, Leiter der Basler Fachstelle Stadtteilentwicklung, sagt: «Das Label hat uns so viel gebracht, dass die Regierung eine Rezertifizierung will.» Das Label sei wichtig für das Standortmarketing. Vor allem für Familien sei es ein Grund mehr, nach Basel zu ziehen. Aber auch innerhalb der Verwaltung habe die Zertifizierung der Stadt viel in Bewegung gebracht.

Auch Margrit Junker (SP), stellvertretende Gemeindepräsidentin von Lyss, sieht in der Kinderfreundlichkeit einen Image-Gewinn. «Neuzuzüger wissen, dass Lyss das Label hat», sagt sie. Doch dieser sei nur das «Sahnehäubchen». Viel wichtiger als der Image-Gewinn sei ein neues Bewusstsein für die Anliegen der Kinder im politischen Alltag. «Heute beziehen wir Kinder und Jugendliche viel mehr in Fragen der Verwaltung ein», erzählt sie. Das sei wunderbar. Innerhalb der Verwaltung sei der Zertifizierungsprozess wertvoll gewesen. «Alle Bereiche mussten sich an einen Tisch setzen und Lyss aus Sicht der Kinder betrachten.» (nj)

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