Bereits gilt Gurlitt als «Aushängeschild» für Bern

Die Ausstellung des Berner Kunstmuseums ist ein Erfolg. Auch die Berner Hotellerie profitiert vom Erbgeschenk von Cornelius Gurlitt, weil nicht zuletzt viele Deutsche die Ausstellung in Bern sehen wollen.

Durchschnittlich tausend Menschen besuchen täglich die Ausstellung im Kunstmuseum, da kann es zu längeren Wartezeiten vor der Kasse kommen.

Durchschnittlich tausend Menschen besuchen täglich die Ausstellung im Kunstmuseum, da kann es zu längeren Wartezeiten vor der Kasse kommen. Bild: Franziska Rothenbühler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer am Wochenende die Gurlitt-Ausstellung sehen will, der braucht Geduld. Denn der Andrang ist so gross, dass die Schlange von Wartenden bis vor die Türe des Berner Kunstmuseums reicht, auch Monate nach der Eröffnung. Ein kleines Schild bittet die Gäste: «Danke für ihre Geduld» – das brauchen die Gäste auch, die teilweise bis 30 Minuten anstehen. Doch auch unter der Woche drängen Menschen in die Ausstellung, durchschnittlich seien es tausend pro Tag, heisst es beim Museum: «Die Ausstellung Bestandsaufnahme Gurlitt hat unsere Erwartungen bei weitem übertroffen», sagt Maria-Teresa Cano, Sprecherin des Museums. Teilweise habe man Gäste gar bitten müssen, sich erst die Hahnloser-Sammlung anzusehen, weil die Gurlitt-Ausstellung zum Zeitpunkt voll gewesen sei.

Lange hatte man beim Museum gehadert, ob man das Erbe des verstorbenen Kunstsammlers Cornelius Gurlitt überhaupt annehmen solle. Das grosse Interesse gibt nun den Museumsverantwortlichen recht: «Das grosse Besucherinteresse freut uns sehr. Wir können eine überdurchschnittlich hohe Besucherfrequenz verzeichnen», sagt Cano. Die Besucher verweilten auch länger als gedacht, einige mehrere Stunden. Wie viele Besucher die Ausstellung seit der Eröffnung Anfang November besuchten, will das Museum nicht offenlegen. Die deutsche Depeschenagentur berichtete aber, von November bis Jahresende seien gut 78'000 Eintritte verbucht worden.

Das Interesse an dem Bern vermachten Erbe reicht bis ins Ausland: «Es hat viele Gruppen, die die Gurlitt-Ausstellung besuchen – vorwiegend Seniorengruppen. Aus Deutschland, aber auch aus Österreich und Liechtenstein», heisst es beim Museum. Aber auch bei den in Bern beheimateten Diplomaten scheint Gurlitt anzukommen, viele Botschaften wollten die Ausstellung mit den Werken aus Gurlitts Nachlass besuchen. Um mit dem Grossandrang umgehen zu können, hat das Museum extra zusätzlich Aufseherinnen angestellt.

2000 Nächte generiert

Neun Berner Hotels haben sogenannte Gurlitt-Packages im Angebot. Wer dieses etwa im Kursaal Bern bucht, bekommt gleich beim Einchecken die Billetts für die Ausstellung an der Rezeption ausgehändigt – und muss nicht an der Museumskasse anstehen. Im November und Dezember seien durch diese Angebote über 500 Logiernächte verbucht worden, sagt Beatrice Imboden, Präsidentin des Vorstandes von Hotellerie Bern Mittelland. Die Ausstellung sei daher auch für die Berner Hotellerie ein grosser Erfolg. Imboden geht davon aus, dass Touristen aber nicht nur in den Hotels mit Gurlitt-Sonderangeboten abstiegen. Sie schätzt daher, dass bis Ende Jahr 2000 Nächte dank der Ausstellung in Bern verkauft wurden. Auch sie bestätigt, dass besonders viele Deutsche extra nach Bern gereist seien, um Gurlitts Sammlung zu sehen.

Lukas Meier, operativer Leiter der Kongress + Kursaal Bern AG, sagt auf Anfrage, dass es vor allem Schweizer Gäste seien, die das Angebot am Wochenende nutzten. «Wir haben bereits 2013 zur Qin-Ausstellung des Historischen Museums gute Erfahrungen mit einem Kombi-Angebot gemacht», so Meier. Man hoffe durch dieses Spezialangebot auf ein Zusatzgeschäft. Neben dem Kursaal bietet auch der Schweizerhof ein Kombi-Angebot an: Auch hier buchen hauptsächlich Schweizer das Gurlitt-Sonderangebot, aber auch Gäste aus Finnland und Luxemburg hätten eine Übernachtung mit dem Besuch im Kunstmuseum gebucht, sagt Dominique Anne Haslebacher, Marketingverantwortliche vom Schweizerhof Bern.

Zudem hätte man das Angebot über die PR-Agenturen auch in Amerika oder Grossbritannien beworben. «Gurlitt ist nun mal ein Aushängeschild für Bern.» Auch Berns oberster Touristiker freut sich am Erfolg der Gurlitt-Schau: «Die Ausstellung hilft durch das grosse Interesse, auf das weitere kulturelle Angebot von Bern aufmerksam zu machen», sagt Bern-Welcome-Direktor Martin Bachofner.

Zum Schluss ein kleiner Tipp der Museumsverantwortlichen: Wer nicht anstehen will, besucht die Ausstellung am besten über Mittag, zu dieser Zeit müsse man erfahrungsgemäss am wenigsten warten.

Sind Sie zufrieden mit dem Museumsangebot in Bern? Haben Sie ein Lieblingsmuseum oder einen Geheimtipp? Oder finden Sie, in der Berner Museumslandschaft läuft etwas schief? Vermissen Sie eine bestimmte Art von Museum in der Stadt? Diskutieren Sie mit. (Der Bund)

Erstellt: 15.01.2018, 06:22 Uhr

«Bestandsaufnahme Gurlitt»

In einer Doppelausstellung unter dem Titel «Bestandsaufnahme Gurlitt» präsentieren das Kunstmuseum Bern und die Bundeskunsthalle in Bonn zeitgleich eine Auswahl von Werken aus dem Nachlass von Cornelius Gurlitt.

Unter dem Titel «‹Entartete Kunst› – beschlagnahmt und verkauft» zeigt das Kunstmuseum Bern noch bis am 4. März rund 160 Werke, von denen die meisten als «entartete Kunst» in deutschen Museen beschlagnahmt worden waren.

Die Bonner Ausstellung mit Titel «Der NS-Kunstraub und die Folgen» wird vom 13. April bis 1. Juli im Kunstmuseum Bern gezeigt. Wer die Schlange am Eingang umgehen will, kauft am besten auf der Homepage des Museums vorgängig ein Ticket. (sie)

Artikel zum Thema

Gurlitt-Sammlung erstmals öffentlich zu sehen

Kaum eine Kunstsammlung hat die Öffentlichkeit so fasziniert wie jene des 2014 verstorbenen deutschen Kunsthändlerssohns Cornelius Gurlitt. Nun sind rund 400 Werke erstmals zu sehen. Mehr...

«Zuerst wollte ich nicht»

Heute wird im Kunstmuseum die Ausstellung «Bestandesaufnahme Gurlitt» eröffnet. Marcel Brülhart schaut zurück auf eine bewegte Zeit. Mehr...

Der Cézanne fehlt

Ab dieser Woche sind erstmals die Werke der Gurlitt-Sammlung im Berner Kunstmuseum zu sehen. Ausgerechnet das wertvollste Bild wird nicht gezeigt – wegen eines Rechtsstreits. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Blogs

Michèle & Friends Wie hiess das früher? Der Ü-40-Gedächtnistest

Sweet Home 10 Tricks, die Ordnung schaffen

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...