Beim Vater auf der Baustelle fing alles an

Der Restaurator Michael Fischer rettet Kunstwerke vor dem Zerfall. Egal, ob er einen edlen Ritter oder ein unbekanntes Türmchen vor sich hat.

Zwei, die sich verstehen: Michael Fischer und Hans von Thann.

Zwei, die sich verstehen: Michael Fischer und Hans von Thann.

(Bild: Valérie Chételat)

Wer derzeit ins Atelier von Michael Fischer kommt, trifft auf hohen Besuch. Wortwörtlich. Mitten im Raum steht ein goldener Ritter. Die Zytglogge-Figur Hans von Thann misst über zweieinhalb Meter. Trotzdem kann die Betrachterin ihm in die Augen schauen, weil Oberkörper und Beine für den Transport vom Turm auseinandergenommen wurden. Dort steht Hans von Thann normalerweise und tut so, als würde er mit einem Hammer die Stunden schlagen.

In Wahrheit macht ein Hammer zur Linken der Figur die Schläge. Um die Herkunft des Hans von Thann spekulieren Forscher bis heute. Für den 58-jährigen Restaurator Michael Fischer ist es schon etwas Besonderes, die Figur von nahem zu betrachten. Trotzdem: «Ein Hans von Thann verdient die gleiche Sorgfalt wie das Käfigtürmchen in Seftigen.»

«An den groben Gesichtszügen sieht man, dass die Figur für eine Betrachtung aus der Distanz gemacht wurde», sagt Michael Fischer. Er und seine Frau Elfie Fischer-Scherler (60) leiten in Bern ein Atelier für Konservierung und Restaurierung. Die Fischer & Partner AG ist spezialisiert auf Wandmalereien und bemalte Skulpturen, wie sie in der Stadt Bern zum Beispiel die Brunnen zieren. Die Stadt gab den Restauratoren letztes Jahr den Auftrag, eine Zustandsanalyse des Zytgloggeturms zu machen.

Das morsche Bein des Hans von Thann

Ans Licht kamen Spuren von Korrosion am Glockentragwerk und morsche Stellen am linken Bein von Hans von Thann. Michael Fischer über die Gründe: «Lindenholz ist ein beliebtes Schnitzmaterial, aber nicht besonders witterungsresistent.» Neben Regen und Abgasen würden zusätzlich die Drehbewegungen die Statue belasten. Er vermutet, dass der Schreiner einige Teile ersetzen muss. Zum Beweis zeigt Michael Fischer, ein bärtiger Mann, dessen Lachen den Raum ausfüllt, auf ein Konfitüreglas mit abgebröckelten Holzsplittern.

Zuerst stehen allerdings Diskussionen mit Fachleuten der Denkmalpflege an. Die Frage ist, welche Massnahmen zur Erhaltung, also Konservierung, und welche Eingriffe zur Wiederherstellung, also Restaurierung, nötig sind. Von Hand klopft Michael Fischer die Statue überall ab, um den Zustand des Holzes beurteilen zu können. «Vielleicht röntgen wir ihn noch.» Wie im Spital? Er lacht sein ansteckendes Lachen. «Genau.»

Der Transport ins Labor würde allerdings erneute Strapazen für Hans von Thann bedeuten. Grundsätzlich arbeitet der Restaurator lieber an Ort und Stelle am Objekt - getreu dem Motto: Never touch a running system. Das bedeutet: Ein Objekt sollte möglichst in seiner gewohnten klimatischen Umgebung bearbeitet werden können.

Es war kein Zufall, dass Kunstgeschichte und Architektur Michael Fischer bereits als Bub faszinierten. Sein Vater, Hans Alexander Fischer, der 1943 die Firma gründete, erzählte ihm und den Geschwistern oft von der Arbeit, den Objekten und ihren Geschichten. In den Ferien besuchten die Kinder den Vater auf der Baustelle. Dieser war über seine Arbeit als Maler und freier Künstler in den Beruf gerutscht. Denn bis man in der Schweiz Konservierung und Restaurierung studieren konnte, sollten noch Jahrzehnte vergehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden die ersten Stellen für Restaurierung und Konservierung - pararell zur kantonalen Denkmalpflege. So lernte auch Michael Fischer den Beruf über die Praxis.

Leuchten in den Augen

«Künstler zu werden, hätte mich zwar auch interessiert», sagt er. Die Lehre in einer Vergolderei im Lorrainequartier machte ihm Spass, in der Freizeit fabrizierte er Skulpturen aus Eisen und Holz, lernte Gitarre spielen und mischte mit Freunden in der Modern-Jazz-Szene mit. Schliesslich blieb er aber im Familienbetrieb. War es die richtige Entscheidung? Als Antwort genügt das Leuchten in Michael Fischers Augen, wenn er von Wandmalereien in der Altstadt oder von Kirchenfresken erzählt. «Früher dekorierten die Leute Wände, wie wir sie heute weiss streichen», sagt er und drückt seine Bewunderung dafür mit einem Wort aus: «Verrückt.»

Der Bund

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