Bärenexperte: Das «Experiment» musste schiefgehen

Bärenkenner David Bittner hätte nicht zugelassen, dass Mascha trächtig wird. Es sei nicht verwunderlich, dass die Jungen gestorben seien.

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Die Leitung des Dählhölzli sprach von einem Experiment, die Bären Mischa und Mascha so natürlich zu halten, wie möglich. Darum sollten sie auch Junge bekommen können. Der Clou dabei war, die ganze Familie zusammenleben zu lassen. Das Experiment endete in einer Tragödie. Der Bärenvater tötete vor einer Woche in einem unsanften Spiel das Junge namens 3 und am Montag musste das Geschwister 4 eingeschläfert werden, da sich das Spiel von neuem abzuzeichnen begann.

«Der Vater gehört getrennt»

«Ich hätte unter den gegebenen Umständen den Bären Mischa von vornherein sterilisiert», sagt David Bittner, promovierter Biologe und Bärenexperte. «Die Wahrscheinlichkeit, dass die Jungen überleben würden, war sehr klein.» In der Wildnis habe der Vater rein gar nichts mit der Jungenaufzucht zu tun. Er dürfe daher auf keinen Fall zusammen mit den Jungen leben, sagt Bittner. Das war auch der Grund, warum die Dählhölzli-Leitung die gemeinsame Aufzucht als Experiment betitelte und wohl auch, weshalb die Jungen Nummern statt Namen bekamen.

Die Tierpark-Verantwortlichen bemühten sich in den vergangenen Tagen, zu erklären, weshalb sie die Bären nicht getrennt hatte. Mischa und Mascha stammen aus dem russischen Ussirien, wo sie von Wildhütern verwaist gefunden und von Hand aufgezogen wurden. Sie waren seither immer zusammen. Selbst den Winterschlaf verbringen sie unnatürlicherweise in derselben Höhle. Sie kamen schliesslich als Geschenk vom russischen Präsidentenpaar Medwedew nach Bern und fanden ihren Platz im eigens für sie erbauten Bärenwald im Dählhölzli.

Dort wollte man ihnen trotz der Vorgeschichte, wie Jürg Hadorn, stellvertretender Direktor des Dählhölzli sagte, «ein möglichst natürliches Verhaltensrepertoire ermöglichen». Also auch die Aufzucht von Jungen. Bei einer allfälligen Trennung befürchtete die Tierparkleitung Verhaltensstörungen. Diese stufte sie als schlimmer ein als das Risiko toter Jungtiere. Also beschloss sie, alle im selben Gehege zu lassen.

Eine willkommene Abwechslung

Die vielfach geäusserte Kritik, dass dadurch versucht worden sei, zu viel «Wildnis» in die unnatürlichen Zoobedingungen einzubringen, teilt Bittner nicht. «Die Bären sollten möglichst artgerecht aufwachsen, auch in Zoos. Doch ist die Aufzucht durch den Vater eben nicht natürlich. Das Paar war für Nachwuchs ungeeignet.» Das Dählhölzli habe es zudem verpasst, von Anfang an ein solides Konzept vorzuweisen. «Man hätte, drei Jahre bevor die Bärin trächtig wurde, wissen müssen, wo die aufgezogenen Jungbären einmal leben können. So hätte man sie auch nicht so leichtsinnig aufs Spiel gesetzt, oder eben gar keinen Nachwuchs zugelassen.»

Und wenn man sich trotzdem zum Experiment entschieden hätte? «Dann wäre eine klarere Kommunikation nötig gewesen», sagt Bittner. «Man muss die Leute aufklären. Dass die Menschen emotional reagieren, wenn junge Bären getötet werden, ist ja verständlich. Einfach die Bären mit Nummern statt Namen zu benennen, zeugt für mich von wenig Respekt.»

Warum tötet ein Bär überhaupt seine Jungen? «In den Gehegen kennen die Bären jede Ecke. Die Jungen sind da eine willkommene Abwechslung. Die Bärin müsste alleine lernen, wie sie die Jungen aufziehen muss.»

Seit 2002 reist David Bittner regelmässig nach Alaska, um Bären in der Wildnis zu beobachten. Bekannt wurde er mit weltweit ausgestrahlten Dokumentarfilmen und seinem Buch «Der Bär Zwischen Wildnis und Kulturland». Bittner arbeitet in der kantonalen Verwaltung für die Sektion Jagd und Fischerei.

DerBund.ch/Newsnet

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