Autofreie Mittelstrasse bewegt

Die Mittelstrasse ist abends regelmässig für den Verkehr gesperrt. Das Angebot wird von Anwohnern rege benutzt. Es gibt aber auch kritische Stimmen.

Silvia Peter, Co-Geschäftsleiterin der Caffè Bar Sattler.

Silvia Peter, Co-Geschäftsleiterin der Caffè Bar Sattler. Bild: Adrian Moser

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Der Schock für Enver Zeka war gross: «Ich dachte, dass es der Tod für meine Tankstelle ist», sagt der Betreiber der Migrol-Tankstelle an der Mittelstrasse im Berner Länggass-Quartier. Der Grund für die Befürchtung: Seit Mitte Juni ist jeweils donnerstags und freitags von 17 Uhr bis Mitternacht die Mittelstrasse auf dem Strassenabschnitt zwischen dem Zähringer-Migros und der Migrol-Tankstelle gänzlich verkehrsfrei. Auf Wunsch der Quartierkommission Länggasse-Engehalbinsel (QLE) testet die Stadt bis zu den Herbstferien diese temporäre Sperrung.

Nun, zweieinhalb Monate seit Beginn der Sperrung, hat Zeka den Schock verdaut. Das Geschäft sei jedenfalls nicht schlechter gelaufen, sagt er. Trotz des ausbleibenden finanziellen Schadens, bleibt er skeptisch. Viele seiner Kunden regten sich auf, dass sie einen Umweg fahren müssten, sagt er. Einer Wiederholung des Anlasses steht er kritisch gegenüber. «Langfristig vertreibt man so vielleicht die Kunden.»

Spontane Tanzeinlagen

Mit der Sperrung unterstützen die Behörden eine Entwicklung, die schon vor mehreren Jahren begonnen hat: Aus dem stark befahrenen Autobahnzubringer entstand eine Begegnungszone. An warmen Tagen sitzen über Hundert Personen auf Holzbänken und trinken Bier oder stehen Schlange vor der Gelateria.

Ab und zu trifft man vor Ort auf Lena Maria Dettwiler, die mit ihrer Familie am betroffenen Strassenabschnitt wohnt. Von der jungen Mutter sind keine kritischen Töne zu vernehmen, im Gegenteil: «Es ist immer eine Freude, wenn die Kinder auf der Strasse Fussball spielen oder mit Kreide malen können», sagt sie.

Seit der Sperrung sei die MIttelstrasse gar noch lebendiger geworden. Die Nachbarschaft begegne sich häufiger spontan. «Einmal haben sogar Leute zusammen zu lateinamerikanischer Musik getanzt», sagt sie. Dettwiler würde es begrüssen, wenn die Sperrung auf das ganze Jahr ausgedehnt würde, «sofern das Gewerbe nicht behindert wird».

Die gesperrte Mittelstrasse.

Doch nicht nur Anwohner äussern sich positiv, auch Gewerbetreibende finden Gefallen an der neuen Situation: Silvia Peter, Co-Geschäftsleiterin der Caffè Bar Sattler, freut sich über die Belebung - obwohl das Geschäft dadurch nicht besser laufe, wie sie sagt. Dies, weil einige der Flaneure ihre Getränke und Chips selber mitbrächten. Für die Gastrofrau ist das aber kein Problem: «So soll es auch sein», sagt sie. Die Stimmung sei «wie auf einer Piazza».

Auch Michael Amrein, Mitinhaber der Gelateria di Berna, zieht ein positives Fazit. Er möge die Durchmischung von Jung und Alt auf der Strasse, sagt er. «Ich glaube, das ist die Zukunft der Stadt.» Alle Rückmeldungen seiner Gästen seien positiv ausgefallen. Die Strasse werde durch die Sperrung entschleunigt. Amrein berichtet auch von Plänen einiger Quartierbewohner, einen Verein zu gründen, um die Strasse noch stärker zu beleben.

Dass sich die Inhaber des «Sattler» und der «Gelateria» positiv zur Sperrung äussern, erstaunt kaum. Ihr Klientel gehört zu jenen, welche die Mittelstrasse seit längerem bevölkern. Doch auch vom Zähringer-Migros kommen keine Einwände. Die Sperrung habe «keine Auswirkungen», sagt Migros-Sprecherin Andrea Bauer auf Anfrage.

«Künstlich und unnötig»

Ganz so einhellig ist die Freude bei den Gewerbetreibenden über das Pilotprojekt dennoch nicht. Reto Zürcher, Co-Geschäftsführer der Sanitärfirma Chapuis und Zürcher AG, hält die Sperrung für das Quartier zwar für «eine schöne Sache». Er selber gehe auch gerne in die Gelateria. Aber er versteht nicht, warum zuerst mit Pollern in der Neufeldstrasse der gesamte Verkehr durch die Mittelstrasse geleitet wurde, welche eigentlich eine Begegnungszone ist. «Und nun wird zweimal pro Woche die Mittelstrasse künstlich vom Verkehr abgeschnitten», sagt Zürcher. Besser als in der Mittelstrasse, kann er sich eine Sperrung auf der Neufeldstrasse vorstellen.

Auch beim äthiopischen Restaurant Injera, unweit der Mittelstrasse, wird die Entwicklung kritisch beobachtet. Betreiber Awraris Girma findet es zwar «absolut genial, wenn die Mittelstrasse vom Verkehr befreit wird». Er versteht aber nicht, warum er und seine Gäste nicht mehr am Vereinsweg parkieren dürfen. Dieser schmale Weg, der parallel zur Mittelstrasse liegt, wird für den Durchgangsverkehr nämlich ebenfalls gesperrt, da die Umfahrung über die etwas weiter entfernte aber breitere Hallerstrasse erfolgen soll. Jedes Mal diesen Umweg fahren zu müssen, findet er «pedantisch». Die Sperrung der Kundenparkplätze wirke sich womöglich negativ auf sein Geschäft aus. «Ich finde, die Leute, die ein Geschäft haben, sollten nicht schikaniert werden», sagt Girma.

Auch Josef Reinhardt, der seit einem Jahr das Weingeschäft La Cantina führt, sieht den Versuch kritisch. Es sei «künstlich und unnötig», die Mittelstrasse zu sperren. «Ich fand es genial, wie es vorher war», sagt er. Die Autofahrer und Velofahrer seien rücksichtsvoll, und es müsse nicht immer alles von der Stadt geregelt werden. «Ich gehe davon aus, dass wir lernen müssen, aufeinander Rücksicht zu nehmen», sagt Reinhardt.

Der Stadtberner Verkehrsplaner Karl Vogel sagt, dass jeweils 50 bis 130 Personen den gesperrten Strassenabschnitt besuchten. Einzelne Anwohner hätten mehr Verkehr gemeldet, worauf die Stadt mit zusätzlichen Schildern die Umfahrung besser signalisiert habe. Vogel kann sich sehr gut vorstellen, dass die Aktion nächstes Jahr wieder stattfinde. Ende September werde die Stadt mit der Quartierkommission Erfahrungen austauschen. «Zur Zeit gibt es keine konkreten Pläne eine weitere Strasse zu sperren», sagt Vogel. Man stehe jedoch mit allen Quartierkommissionen im Kontakt. (Der Bund)

Erstellt: 29.08.2018, 07:05 Uhr

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