«Aufgetischt»: Starkoch enttäuscht

Die Gourmet Bar by Novotel am Guisanplatz will die lokale Bevölkerung ansprechen. Das Fertiggericht von Régis Marcon vermag aber nicht zu überzeugen.

Gourmet Bar by Novotel am Guisanplatz in Bern.

Gourmet Bar by Novotel am Guisanplatz in Bern. Bild: zvg

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Der moderne Reisende hat ganz andere Ansprüche als der Urlauber von früher. Heute sollen Ferien nicht einfach entspannen, sondern ein Erlebnis sein. Man will nicht nur irgendwo zu Gast sein, sondern das authentische Leben spüren. Das erklärt, weshalb Ferienwohnungsplattformen wie Airbnb so erfolgreich sind; und es stellt Hoteliers vor eine Herausforderung. Viele Hotels gehen deshalb dazu über, auch die lokale Bevölkerung anzusprechen. Wenn sich der Reisende beispielsweise an der Bar einen Drink genehmigt, soll er im Idealfall mit Einheimischen in Kontakt kommen. Das hat man auch am Berner Guisanplatz erkannt. Das dortige Novotel will sein Restaurant im hinteren Teil der Lobby, die Gourmet Bar, zum Treffpunkt nicht nur für die Hotelgäste, sondern auch für Bernerinnen und Berner machen. Helfen sollen dabei Anlässe mit Gastköchen aus aller Welt, wie unlängst mit Jorge Muñoz vom katalanischen Restaurant Pakta.

An diesem Mittag ist die Gourmet Bar tatsächlich ein bei den Einheimischen beliebtes Lokal – zumindest bei denen, die in den nahe gelegenen VBS-Büros arbeiten, zu erkennen an ihren Tarnanzügen. Platz finden der Testesser und seine Begleiterin einzig in der Lounge. So nehmen wir auf den niedrigen grauen Sofas Platz, die um einen quadratischen Holztisch gruppiert sind. Cool ist das. Bequem nicht unbedingt. Aber Coolness scheint hier das Motto zu sein, gemäss dem das gesamte Lokal gestaltet wurde. Eine geschmackvolle Mischung aus Designmöbeln und Industriechic, hie und da angereichert mit einem verspielten Detail. Komplett unpassend und störend ist dagegen der an der Wand montierte Fernseher, auf dem die ganze Zeit das U-17-Fussball-Länderspiel zwischen Spanien und der Türkei flimmert.?

Köstlichkeiten im Glas

Einen willkommenen Kontrast zum gestylten, eher kühlen Interieur bildet die lockere, herzliche Kellnerin, die die Mittagskarte bringt. Zwei Menüs stehen zur Auswahl: Poulet-Cordon-bleu gefüllt mit Spargeln und schwarzem Käse oder Bulgur mit Gemüse, Oliven und Minze. Zudem weckt ein mysteriöser Hinweis am Seitenende unsere Aufmerksamkeit. Von Köstlichkeiten im Glas ist die Rede, die mithilfe der «besten Michelin-Küchenchefs und -konditoren» kreiert worden seien. Das Konzept nennt sich Boco. Zur Auswahl stehen fünf Hauptgänge, wie die Kellnerin verrät: von Polenta mit Spargeln und Morcheln bis Nudel-Risotto mit Reblochon-Käse und Zucchini. Die Wahl fällt auf den Rindsschmorbraten mit Kartoffelpüree (Fr. 19.–), hinter dem Régis Marcon stehen soll, vom «Guide Michelin» mit drei Sternen geadelt. Vorab ein grüner Salat. Die Begleiterin bestellt das Poulet-Cordon-bleu und den Maissalat als Vorspeise (Fr. 24.–).

Der kleine grüne Salat ist frisch und wird mit einer hausgemachten Vinaigrette serviert. Auszusetzen gibts daran nichts. Aber am Preis. Mit 12 Franken ist er etwas hoch angesetzt. Später stellt sich heraus, dass auch zum Hauptgang im Glas Salat serviert wird. Ein Hinweis darauf beim Bestellen wäre nett gewesen. Der Kartoffelstock schmeckt – dafür, dass er wohl nur im Mikrowellenherd aufgewärmt wurde – gut. Der Rindsbraten ist zwar saftig und schön lange gekocht worden, aber etwas fade. Natürlich wäre naiv, wer für 19 Franken ein Dreisterngericht erwartet. Dafür, dass ein Starkoch mit seinem Namen dahintersteht, enttäuscht das Gebotene trotzdem. Wenig zu rühmen hat auch die Begleiterin. Das Cordon bleu sieht zwar mit dem schwarzen Käse und den grünen Spargeln sehr schön aus. Das Poulet ist aber nicht ganz durch, und es fehlt ihm der Pepp. Der Käse ist eine zähe, eher geschmacksarme Masse. Ein versöhnlicher Abschluss ist das Dessert: Caramelcreme mit gesalzener Butter. Fazit: Viel Geschmack bei der Einrichtung und beim Anrichten, etwas weniger bei den Speisen. Das schreit geradezu nach einem Umdenken punkto Prioritäten – oder auch in Zukunft nach dem einen oder anderen Gastkoch.

Aufgrund eines falschen Untertitels ist bei einigen Leserinnen und Lesern irrtümlicherweise der Eindruck entstanden, diese Gastrokolumne beziehe sich auf das 18-Gänge-Menü von Pakta-Gastkoch Jorge Muñoz. Richtig ist, dass das Testessen zu einem späteren Zeitpunkt an einem gewöhnlichen Mittag stattgefunden hat. Der Titel «Starkoch enttäuscht» bezieht sich nicht auf Muñoz, sondern auf das Fertiggericht von Drei-Sterne-Koch Régis Marcon, wie im Text ausgeführt wird. Der Untertitel wurde korrigiert. Bitte entschuldigen Sie das Missverständnis. (Der Bund)

Erstellt: 08.05.2017, 07:57 Uhr

Die Rechnung, bitte

Karte: Einfache Speisen wie Pasta und Burger prägen die Karte. Aussergewöhnlich sind die im Glas verkauften Fertiggerichte der französischen Marke Boco.

Preise: Eine Portion Pommes frites gibt es schon für Fr. 3.50. Das Mittagsmenü kostet 24 Franken, Wasser und Suppe oder Salat inklusive. Jeweils am Freitag kann der Gast den Preis selber festlegen.

Kundschaft: Das Lokal scheint besonders bei den in der Nähe arbeitenden VBS-Angestellten beliebt zu sein. An praktisch jedem Tisch im gut besuchten Restaurant sitzt an diesem Mittag ein Mann im Tarnanzug.

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 11.30 bis 14 Uhr und 18 bis 22 Uhr, Samstag und Sonntag geschlossen.

Adresse: Gourmet Bar by Novotel,Am Guisanplatz 2, 3014 Bern, Telefon 031 339 03 23, E-Mail: h5009-fb@accor.com.

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