Aufgetischt: Möge die Abrissbirne noch etwas zuwarten

Unser Testesser entdeckt in Ittigen ein sympathisches Restaurant, das wahrscheinlich nicht mehr sehr lange existieren wird.

Das Restaurant Thalheim in Ittigen: Der Testesser bestellt Pouletbrust gebraten à l’orange mit Schmelzkartoffeln und Gemüsegarnitur.

Das Restaurant Thalheim in Ittigen: Der Testesser bestellt Pouletbrust gebraten à l’orange mit Schmelzkartoffeln und Gemüsegarnitur. Bild: mdü

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Für uns ist ein Tisch direkt am Fenster reserviert. An der Aussenwand des mächtigen Baus, der vermutlich aus den frühen 1950er-Jahren stammt und die Behäbigkeit eines Landgasthofs ausstrahlt, steht in schwungvoller Schreibschrift «Au Gourmet». Der Name des Lokals prangt in Frakturlettern an der Fassade. Die Weihnachtsdekoration verstärkt den Eindruck, dass hier nicht jedem Trend hinterhergehechelt wird. Das trifft auch für die Speisekarte zu. Hier bekommt man noch einen Wurst-Käse-Salat (Fr. 18.50), ein Zvieri-Plättli mit Hobelfleisch und Käse (Fr. 24.50), Sauerbraten «nach Grossmutters Rezept» (Fr. 28.50). Vegetarisches wird hier noch «fleischlos» genannt.

Nicht nur zwei Tagesmenüs werden angeboten, sondern sechs weitere Tagesempfehlungen. Doch weil das recht grossflächige Restaurant gut besetzt ist, lässt sich dieses breite Angebot offenbar gut absetzen. «Thäli-Pfännli» heisst der hausgemachte Hackbraten mit Pilzsauce mit Rösti und Salat (Fr. 21.50). Heisser Beinschinken mit Kartoffeln und Gemüse (Fr. 23.50) ist ebenso erhältlich wie Trutenpiccata milanese mit Spaghetti und Tomatensauce (Fr. 21.50).

Die Begleiterin wählt Menü 1: Rippli geräuchert auf Dörrbohnen mit Salzkartoffeln (Fr. 18.50), auch wenn sie vom Wort Ochsenschwanzsuppe etwas abgeschreckt wird. Später wird sie befinden, es sei eine aromatische, leicht sämige Bouillon, die ihr gut schmecke. Beim Hauptgang mag sie das Fleisch und die Dörrbohnen sehr, schafft aber die vernünftig bemessene Portion nicht. Es sei schwierig, die richtige Grösse zu finden, sagt eine der beiden netten Serviererinnen, die uns bedienen: Für Arbeiter könne es nie gross genug sein, während zierliche Damen bald überfordert seien.

Der Testesser ordert Tagesempfehlung Nummer 6: Pouletbrust gebraten à l’orange mit Schmelzkartoffeln und Gemüsegarnitur. Diese Kartoffeln werden nicht im Salzwasser gekocht, sondern im Ofen in einer Flüssigkeit gegart. Das Pouletfleisch ist grosszügig bemessen, die Orangensauce weist einen diskreten Fruchtgeschmack auf. Dazu wählt der Testesser vom Angebot der offenen Weine in Flaschenqualität einen kräftigen, angenehmen und erst noch recht preiswerten Rioja Crianza Alcorta (Fr. 5.80/dl).

Wir wundern uns während des Essens, dass uns der breite Bau in nächster Nähe der RBS-Station Papiermühle bisher nie aufgefallen ist. Der Speiseraum verströmt gutbürgerliche Gemütlichkeit. Irgendwo hängt eine Pendule, auf einem Brett an der Wand stehen Zinnkannen. Ein grosses Gemälde zeigt einen Bauernhof. Ob es vor 150 Jahren im Bereich Papiermühle so aussah? Dann würde sich der Maler bestimmt wundern, wenn er heute all diese hohen Verwaltungsbauten sähe.

In diesen gibt es offenbar genug Leute, die sich für ihr gutes Gehalt ein «richtiges» Mittagessen leisten – und keine drögen Plastikschächteli mit einem Salat zum Selberanfeuchten über der Computertastatur leer machen. Der Mann am Nebentisch sagt genau dies zu seinem Tischnachbarn, mit dem er spontan ins Gespräch kommt: «Es bedeutet mir viel, eine lange Mittagspause zu machen und etwas Richtiges zu essen.» Der andere antwortet, er kehre immer hier ein, wenn er in Ittigen zu tun habe: «Es ist immer gut.» Offenbar ist er Techniker bei der Swisscom. Dem Nachbarn, der für sein Fischmenü um Mayonnaise gebeten hat, wird sie vom ausgelasteten Service endlich gebracht – in Form einer Tube. Die Begleiterin erhält zu ihren Rippli Senf gereicht, comme il faut in einem Schälchen.

Die Begleiterin ist mehr als satt, aber man ahnt es schon: Sie wird mit dem obligaten Naschlöffel ausgestattet, damit sie wenigstens einen Mundvoll von des Testessers Dessert probieren kann: Coupe Nesselrode (Fr. 11.50/klein Fr. 9.50). Dieses Winterdessert hat seine Hochsaison während der herbstlichen Wildsaison, doch Vanilleglace, Meringues und Vermicelles machen sich auch jetzt gut.

Man wagt es fast nicht auszusprechen, doch die Tage der soliden und traditionsreichen Beiz, die laut Website sogar «drei preiswerte Zimmer» vermietet und sich für Familienfeste, Klassenzusammenkünfte und Vereinshauptversammlungen empfiehlt, sind gezählt. Das Ittiger Stimmvolk hat 2018 einen Zonenplan genehmigt, der Umwälzendes ermöglicht. Ähnlich wie in Ostermundigen ist auch hier ein Hochhaus im Gespräch. Dann gibt es hier keinen Birnenschnitz mehr im Schlagrahm auf dem Coupe Nesselrode, sondern eine Abrissbirne, die draussen wütet. Nicht heute oder morgen, aber irgendwann. Vielleicht enthält die künftige Überbauung ebenfalls ein Restaurant, nicht mehr ein so gemütliches, behäbiges, sondern ein cooles, durchgestyltes. Dort hängt dann womöglich ein Bild des früheren «Thäli» an der Wand, und manche werden nostalgisch seufzen: «Ach, war das noch schön.» (Der Bund)

Erstellt: 26.01.2019, 08:16 Uhr

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Die Rechnung bitte

Karte: gutbürgerliche Küche

Preise: mittel, Tagesmenü mit Suppe und Salat Fr. 18.50; Chateaubriand mit Sauce béarnaise (Plattenservice) Fr. 49.50 p. P.; Hausspezialität Röstigerichte.

Kundschaft: Handwerker, Techniker und Kaderleute aus der Industrie, Angestellte der Bundesämter

Öffnungszeiten: Mo–Fr 8.30 bis 23.30 Uhr, Sa/So geschlossen (auf Anfrage geöffnet)

Adresse: Restaurant Thalheim, Silvia Bucher-Schöni, Worblentalstrasse 89, 3063 Ittigen, Telefon 031 921 00 09; Reservationen: restaurant@thaeli.ch; Website: restaurant-thalheim.ch.

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