Auf in den Pokémon-Himmel!

Der Hype um das Spiel Pokémon Go hat auch Bern erreicht. Der «Bund» hat sich aufgemacht, um virtuelle Monster, vor allem aber die Game-Community zu suchen.

  • loading indicator

Wenn heute Mittag das Feld der Tour de France beim Berner Casinoplatz durchfährt, könnte der Jubel enttäuschend mager ausfallen. Schuld daran wäre wohl das Spiel Pokémon Go (siehe Sideline). Doch eins nach dem anderen.

Die Suche nach der Pokémon-Go-Community beginnt damit, dass ein Autofahrer einem den Vogel zeigt, weil man mit dem Handy in der Hand velofährt. Vielleicht hat der Automobilist schon das eine oder andere über Pokémon Go gelesen. Gerüchten zufolge soll es schon Tote gegeben haben, weil Spieler auf der Strasse überfahren wurden. Recht sich aufzuregen hat er auf jeden Fall. Als das erste Mal das Handy vibriert, weil ein Pokémon in der Nähe ist, bedarf es unmenschlicher mentaler Stärke, den Blick nicht auf das Handy zu richten. Deshalb geht man von da an zu Fuss weiter. Man muss sich denn in der realen Welt bewegen, um virtuelle Pokémons fangen zu können. Wer zu Hause bleibt, geht leer aus. Die Technologie nennt sich Augmented Reality und ist der neuste Schrei.

Nur die Naivsten glauben an Zufall, wenn vor der geschlossenen Reitschule ein paar blutsaugende Fledermäuse herumschwirren. Die sogenannten Zubats sind nach ein paar Minuten alle eingefangen. Wie man erschreckt feststellt, hat einen die Polizei-Patrouille nahe der Schützenmatte gesehen. Man tritt die Flucht nach vorne an. Sie sagen bei einem Gespräch, sie hätten noch keinen gesehen, der wegen Pokemon Go blind über die Strasse gelaufen sei. Soweit also, so gut.

Die Arena auf dem Bundesplatz

Auf dem Waisenhausplatz lernt man, dass der Holländerturm 1256 als Teil des dritten Wehrgürtels gebaut wurde, zu dem auch der Käfigturm gehört. An jener Stelle befindet sich ein sogenannter Pokéstop. Den kann man anwählen, um Bälle zu sammeln, mit denen man Pokémons fangen kann. Pokéstops sind bei allerlei Sehenswürdigkeiten wie Brunnen, Graffitis oder besonderen Stuckaturen zu finden. Die Informationen hierfür stammen aus dem ebenfalls auf Augmented Reality basierten Spiel Ingress. Dieses stammt vom selben Gamehersteller wie Pokémon Go, Niantic. Bei Ingress wurden die Sehenswürdigkeiten von den Spielern fotografiert und gekennzeichnet.

Auf dem Bundesplatz schlägt das Herz endgültig höher. Nicht wegen des feinen Schimmelkäses, das auf dem Markt angeboten wird, sondern weil sich mitten auf dem Platz eine riesige Arena befindet. Da kann man mit den Pokémons gegen solche anderer Spieler kämpfen. Genau dies tut Stu157, wie Stefan im Spiel heisst. Er hat Level 25, was laut eigenen Angaben «schon recht hoch ist». Der derzeit beste Berner habe Level 28 und gehöre schweizweit zur Top-Fünf. «Komischerweise weiss niemand, wer das ist», sagt Stu157. «Das ist ein Rätsel, wie der so weit gekommen ist, ohne dass man ihn hier sieht.» Stu157 hat eine Smartphonehalterung am Velolenker befestigt. Er fahre jeweils in die Innenstadt, weil man da mehr fange, als in den Quartieren oder auf dem Land. Meistens sei er aber nur auf dem Casinoplatz. Wieso, wolle er einem zeigen.

«Das ist revolutionär!»

Im Schatten des Kulturcasinos sitzt die versammelte Community und drückt auf dem Handy herum. Es sind ein paar Dutzend, ab Feierabend werden es noch mehr sein; meist zwischen 20- bis 30-Jährige. Sie gehören zur Generation, die mit Pokémon gross geworden ist. Fast jeder hat einen externen Akku dabei, weil das Spiel innert wenigen Stunden die ganzen Reserven eines Smartphones frisst. Icewater1337 begrüsst Stu157. «Ich spiele aus Nostalgie», sagt Icewater1337. Er habe schon als Kind Pokémon gespielt. «Das geht den meisten hier so.» Er kenne noch alle 151 Namen der ersten Pokémon-Generation. «Der Casinoplatz ist der Pokémon-Himmel», sagt er. Dies, da auf dem Platz gleich an fünf Orten Lockmodule installiert werden können, die für alle Anwesenden Pokémons anlocken. «Die Slots sind fast die ganze Zeit mit solchen Modulen bestückt. Darum kommt man hier am schnellsten voran.» Ein Modul kostet 100 Pokémünzen und hält eine halbe Stunde. Die Münzen kann man im Spiel gewinnen oder 100 für rund einen Franken erwerben. So wird das Spiel finanziert. Wegen der guten Voraussetzungen auf dem Casinoplatz kommen inzwischen Leute aus der ganzen Region her, um da spielen zu können.

«Es ist absolut revolutionär, was hier abgeht», sagt ein Mann mittleren Alters namens SheilaTheCrook. Er ist mit seiner Tochter (GioiaTheCrook) da. Seine Frau (SeñoritaTheCrook) komme später. Er sei ein alter Gamer, sagt Sheila. Doch sei dies das erste Mal, bei dem die Community bei einem Videospiel real zusammengebracht werde, und nicht nur über das Internet. «Man muss sich das hier mal anschauen! Niemand kifft, niemand säuft, alle sitzen da und sind glücklich.» Es komme vor, dass alle Spieler Geld zusammenlegten, um Lockmodule zu kaufen. «Die Zusammengehörigkeit ist einzigartig.» Und was, wenn nun die Tour de France da durchziehen und der Platz abgesperrt sein wird? «Wir werden alle da sitzen und Pokémon Go spielen. Das ist keine Frage.»

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt