Auch der zweite Jungbär ist tot

Kein Happy End im Bärenwald: Auch der zweite Jungbär im Dählhölzli ist tot. «4» wurde eingeschläfert, nachdem ihn sein Vater immer mehr traktiert hatte.

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Adrian Schmid@adschmid

Am Montagmorgen hat Jungbär 4 in seinem Nest vom Tierarzt eine Spritze erhalten und ist daraufhin eingeschlafen – für immer. Es wurde keine zwölf Wochen alt. «Das tut weh», sagt Jürg Hadorn, stellvertretender Direktor des Tierparks Dählhölzli. Innerhalb von fünf Tagen sind damit beide Bärenbabys im Berner Bärenwald gestorben.

Nachdem am letzten Mittwoch Bärenvater Misha das Geschwisterchen mit dem Namen 3 nach rabiatem Spiel getötet hatte, kehrte für 48 Stunden Ruhe ein. «Die knisternde Energie war für einen Moment draussen», sagt Hadorn. Seit Samstag wurden die Interaktionen von Misha aber wieder heftiger – trotz Ablenkungsversuchen und zeitweiligem Wegsperren der Eltern.

Am Morgen holte Misha das Junge immer früher aus dem Stall, um es im Spiel zu traktieren. Am Montag war das Mass dann voll. «Um 4 vor weiterem Stress und Schmerz zu schützen, haben wir uns entschlossen, das Junge zu euthanasieren», sagt Hadorn. Es sei ein schwieriger Entscheid gewesen. «Wir haben die Chance aber nicht gesehen, dass es gut kommt.» Alternativen habe es keine gegeben. Eine Handaufzucht etwa sei nicht infrage gekommen.

Von Elternrolle «überfordert»

Nach wie vor ist unklar, weshalb genau Misha auf die beiden Jungtiere losgegangen ist. Gemäss Hadorns Interpretation wollte er damit die Aufmerksamkeit von Masha gewinnen. Diese machte in ihrer Mutterrolle kurzzeitig zwar Fortschritte, zuletzt kümmerte sie sich aber immer weniger um ihren Nachwuchs. Das Warum bleibt ebenfalls offen, aber ihr Schutz- und Pflegeinstinkt wurde zunehmend von der engen Beziehung zu Misha überlagert.

Wenn die Eltern voneinander getrennt wurden, reagierten sie mit Stress. Daher war eine Einzelhaltung auf Zeit bei Misha nach Ansichten der Tierpark-Verantwortlichen «keine Option». Sie gewichteten das Wohl der beiden erwachsenen Bären ohnehin am höchsten. «Der Verlust von Jungtieren ist nach biologischen Grundsätzen, wie auch nach Tierschutzkriterien, weniger gravierend als ein dauerhafter verhaltensauffälliger Bär», schrieb der Tierpark schon Ende März in einer Mitteilung, als sich die Jungen erstmals nach draussen wagten.

Das «Jungtierexperiment» ist damit definitiv gescheitert. Misha und Masha haben es nicht geschafft, in ihre Elternrolle zu schlüpfen. «Sie waren überfordert», sagt Hadorn. Auch wenn man im Nachhinein stets gescheiter ist: Hadorn verteidigt das Vorgehen des Tierparks. «Wir wollten den beiden ein möglichst natürliches Verhaltensrepertoire ermöglichen.» Dazu gehöre auch das Austragen und Aufziehen von Jungen.

Allerdings hatten die beiden Waisen nie die Möglichkeit, «richtiges» Bärenverhalten zu erlernen. Ihre Mütter wurden gewildert, und die Waisen zog man in einer Auffangstation in Russland von Hand auf, ehe sie 2009 als Geschenk der damaligen russischen Präsidentengattin Swetlana Medwedewa nach Bern kamen.

Aufgrund ihrer Vorgeschichte ist den beiden im Bärenwald niemand böse, dass sie so mit ihrem Nachwuchs umgesprungen sind, wie Hadorn sagt. Misha und Masha sollen daher auch weiterleben können. Die bislang einzige Konsequenz ist, dass Misha im Verlaufe der nächsten Wochen sterilisiert wird. Die beiden sollen nie mehr Nachwuchs erhalten.

Derweil hat der Sturm der Entrüstung, der durch den Tod der beiden Bärenjungen in den letzten Tagen ausgelöst wurde, den Verantwortlichen des Tierparks Dählhölzli aufgezeigt, wie wichtig in solchen Fällen die Kommunikation gegen aussen ist. «Wir müssen möglichst verständlich erklären, warum wir so handeln», sagt Hadorn.

Keine Reaktion nach dem Tod

Im Bärenwald hingegen scheint schon wieder der Alltag eingekehrt zu sein. Misha und Masha zeigten am Montagnachmittag keine Reaktion auf den Tod ihres zweiten Jungtiers. «Wenn man sie jetzt sieht, käme man nicht auf die Idee, dass etwas passiert ist», sagt Jürg Hadorn. Ihre Prägung auf die Jungen sei offensichtlich nicht gross gewesen. Dennoch sollen sie nach ihrem kurzen Elternsein noch etwas Ruhe erhalten. Die Besucherplattform, die letzte Woche geschlossen wurde, wird erst im Verlaufe der nächsten Tage wieder geöffnet.

Jungbär 4 wird nun pathologisch untersucht. Gemäss Hadorn wird es aber nicht seinen Eltern zum Frass vorgeworfen – so wie sein Geschwisterchen.

DerBund.ch/Newsnet

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